Die­se Idee po­la­ri­siert

Kan­to­ne sol­len sich nur noch über Prä­mi­en­ver­bil­li­gun­gen an Ge­sund­heits­kos­ten be­tei­li­gen. Der Vor­schlag des Ber­ner SVP-Ge­sund­heits­di­rek­tors über­rascht vie­le.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseit­e -

Kan­ton Bern Der Ber­ner Ge­sund­heits­di­rek­tor Pier­re Alain Sch­negg (SVP) er­hält für ein­mal Zu­spruch von lin­ker Sei­te: In ei­nem In­ter­view mit dem «Bund» schlug er vor, dass die Kran­ken­kas­sen künf­tig die ge­sam­ten Ge­sund­heits­kos­ten über­neh­men sol­len. Die Kan­to­ne, die heu­te im sta­tio­nä­ren Be­reich 55 Pro­zent der Kos­ten über­neh­men, sol­len das da­durch frei wer­den­de Geld für Prä­mi­en­ver­bil­li­gun­gen ein­set­zen. Denn die Prä­mi­en wür­den in die­sem Mo­dell stei­gen. Und sie sei­en schon heu­te für ei­ni­ge Haus­hal­te kaum mehr be­zahl­bar, wäh­rend man gut Si­tu­ier­te durch­aus mehr zur Kas­se bit­ten kön­ne, so Sch­negg. «Es ist po­si­tiv, dass er das Pro­blem der ho­hen Prä­mi­en­last sieht und ei­nen Vor­schlag lan­ciert», fin­det da­zu SP­Gross­rat Ste­fan Jor­di, der sonst mit Sch­negg po­li­tisch das Heu nicht auf der­sel­ben Büh­ne hat. Von li­be­ra­ler Sei­te hin­ge­gen ern­tet der Ge­sund­heits­di­rek­tor Kri­tik: Sei­ne Idee zie­le an den we­sent­li­chen Pro­ble­men vor­bei, fin­det et­wa Hans­Pe­ter Koh­ler (FDP).

Pier­re Alain Sch­negg möch­te die Fi­nan­zie­rung des Ge­sund­heits­we­sens um­krem­peln. «Ich bin da­für, dass die Kan­to­ne 0 und die Kran­ken­kas­sen 100 Pro­zent über­neh­men», sagt der Ber­ner SVP-Ge­sund­heits­di­rek­tor in ei­nem In­ter­view mit dem «Bund». Zur­zeit dis­ku­tiert das na­tio­na­le Par­la­ment dar­über, wie die Ge­sund­heits­kos­ten ver­teilt wer­den sol­len. Der Na­tio­nal­rat will, dass die Kan­to­ne rund 25 Pro­zent der Kos­ten über­neh­men, un­ab­hän­gig da­von, ob sie im Spi­tal oder in Arzt­pra­xen ent­ste­hen. Heu­te tra­gen die Kan­to­ne im sta­tio­nä­ren Be­reich 55 Pro­zent der Kos­ten. Im am­bu­lan­ten Be­reich hin­ge­gen be­zah­len die Kas­sen 100 Pro­zent.

Die­se ak­tu­el­len Plä­ne des Par­la­ments möch­te Sch­negg zwar nicht durch­kreu­zen. Für ei­nen nächs­ten Schritt schlägt er aber Fol­gen­des vor: Wür­den die Kas­sen die vol­len Kos­ten tra­gen, müss­ten die Kan­to­ne ver­pflich­tet wer­den, ih­re bis­he­ri­gen Bei­trä­ge für Prä­mi­en­ver­bil­li­gun­gen aus­zu­ge­ben. Denn die Prä­mi­en wür­den durch ei­ne sol­che Um­ver­tei­lung stark stei­gen. Beim Kan­ton Bern geht es da­bei um rund ei­ne Mil­li­ar­de Fran­ken, die von der Spi­tal­fi­nan­zie­rung in Prä­mi­en­ver­bil­li­gun­gen ver­scho­ben wür­den.

Be­reits heu­te sei­en die Prä­mi­en für ge­wis­se Haus­hal­te kaum mehr be­zahl­bar, so Sch­negg. Gut Si­tu­ier­te hin­ge­gen könn­ten sei­ner Mei­nung nach Prä­mi­en auch dann noch «pro­blem­los» ver­kraf­ten, wenn sie um wei­te­re 25 bis 30 Pro­zent auf 600 bis 700 Fran­ken im Mo­nat an­stei­gen wür­den. Er lau­fe zwar Ge­fahr, dass er auf­grund die­ser Hal­tung als Lin­ker be­zeich­net wer­de. Aber: «Wir müs­sen bei der Prä­mi­en­last ein bes­se­res Gleich­ge­wicht fin­den und die­se je nach Fi­nanz­kraft ver­tei­len.»

Un­ter­stüt­zer aus SP und SVP

Sch­neggs Idee stösst bei Ber­ner Ge­sund­heits­po­li­ti­kern auf ge­misch­te Re­ak­tio­nen. «Es ist po­si­tiv, dass er das Pro­blem der ho­hen Prä­mi­en­last sieht und ei­nen Vor­schlag lan­ciert. Das hät­te ich nicht er­war­tet», sagt Ste­fan Jor­di (SP, Bern), Mit­glied der gross­rät­li­chen Ge­sund­heits- und So­zi­al­kom­mis­si­on (GSoK). Die SP ar­bei­te schon lan­ge dar­auf hin, dass die Prä­mi­en­last ein­kom­mens­ab­hän­gig ver­teilt wer­de.

Dar­auf zie­le Sch­neggs Vor­schlag letzt­lich ab. Wich­tig sei aber, dass die Kan­to­ne die Steue­rung der Spi­tal­land­schaft da­mit nicht den Kran­ken­kas­sen über­lies­sen.

Bei sei­nen Par­tei­kol­le­gen, so könn­te man mei­nen, trifft Sch­negg wohl auf mehr Wi­der­stand. Doch auch Jor­dis Kom­mis­si­ons­kol­le­ge Mar­tin Schlup (SVP, Schüp­fen) ge­winnt Sch­neggs Idee Po­si­ti­ves ab: «Ein sol­ches Sys­tem wür­de vie­les ver­ein­fa­chen.»

Heu­te sei­en die Ge­sund­heits­kos­ten zwi­schen den Spi­tä­lern oder auch zwi­schen am­bu­lan­ten und sta­tio­nä­ren Leis­tun­gen kaum ver­gleich­bar. Dies we­gen des kom­pli­zier­ten Ver­teil­schlüs­sels zwi­schen Kas­sen und Kan­to­nen. «So­mit könn­te ein sol­ches Mo­dell mehr Trans­pa­renz schaf­fen und letzt­lich da­zu füh­ren, dass Ge­sund­heits­ver­sor­ger ef­fi­zi­en­ter ar­bei­ten.» Un­ter die­sem Aspekt kann sich Schlup durch­aus vor­stel­len, dass Sch­neggs Idee bei der SVP mehr­heits­fä­hig sein könn­te.

Li­be­ra­le Geg­ner

Gar nicht ein­ver­stan­den mit der For­de­rung des Ge­sund­heits­di­rek­tors ist hin­ge­gen GSoK-Prä­si­dent Hans-Pe­ter Koh­ler (FDP). «Ich bin über­rascht und ir­ri­tiert», sagt der Arzt und Kö­ni­zer Ge­mein­de­rat. Sch­neggs Idee sei ei­ne rei­ne Um­ver­tei­lung der Kos­ten, mit der kein ein­zi­ger Rap­pen ge­spart wer­den kön­ne. Und sie igno­rie­re nebst den Kos­ten wei­te­re Pro­ble­me im Ge­sund­heits­we­sen. «Wir müs­sen pri­mär die Über­ver­sor­gung im Raum Bern

«Wir wür­den da­mit die stra­te­gi­sche Steue­rung des Ge­sund­heits­we­sens den Kran­ken­kas­sen über­las­sen.»

Bar­ba­ra Mühl­heim

GLP­Gross­rä­tin (Bern)

San­dra Rut­schi

an­ge­hen. Et­wa bei der Or­tho­pä­die.» Koh­ler fin­det es auch nicht rich­tig, dass Rei­che hö­he­re Prä­mi­en be­zah­len sol­len. «Sie leis­ten be­reits ei­nen grossen Bei­trag, in­dem sie hö­he­re Steu­ern als an­de­re be­zah­len.»

Kri­tisch ist auch GSoK­Mit­glied Bar­ba­ra Mühl­heim (GLP, Bern). «Wir wür­den da­mit die stra­te­gi­sche Steue­rung des Ge­sund­heits­we­sens den Kran­ken­kas­sen über­las­sen», gibt sie zu be­den­ken. Und ge­ra­de die feh­len­de stra­te­gi­sche Steue­rungmög­lich­keit des Kan­tons im Be­reich der Spi­tal­in­ves­tio­nen sei ein Haupt­grund für die stei­gen­den Ge­sund­heits­kos­ten. «Da muss der Kan­ton sei­ne Haus­auf­ga­ben ma­chen.»

Wich­tig sei auch, die Ei­gen­ver­ant­wor­tung von Pa­ti­en­ten zu stei­gern. «Wir al­le sind Mit­ver­ur­sa­cher der stei­gen­den Kos­ten, weil wir ver­mehrt den Arzt auf­su­chen, auch wenn es nicht nö­tig wä­re.»

«Kas­sen wür­den ge­stärkt»

Be­den­ken hat auch Micha­el Jor­di, Ge­ne­ral­se­kre­tär der Ge­sund­heits­di­rek­to­ren­kon­fe­renz (GDK), der al­le kan­to­na­len Ge­sund­heits­di­rek­to­ren an­ge­hö­ren. «Das Mo­dell von Re­gie­rungs­rat Sch­negg ist si­cher denk­bar und mach­bar. Die an­de­re Fra­ge ist, ob es po­li­tisch mehr­heits­fä­hig ist und auch zu ei­ner bes­se­ren und ef­fi­zi­en­te­ren Ge­sund­heits­ver­sor­gung führt.»

Die GDK ha­be da­zu noch kei­ne Stel­lung be­zo­gen, weil sie sich auf die ak­tu­el­le De­bat­te im na­tio­na­len Par­la­ment fo­kus­sie­re.

In der Ver­gan­gen­heit sei das Gre­mi­um ge­gen­über sol­chen Mo­del­len aber stets skep­tisch bis ab­leh­nend ge­we­sen. So et­wa 2008, als der Ver­fas­sungs­ar­ti­kel «Für Qua­li­tät und Wirt­schaft­lich­keit in der Kran­ken­ver­si­che­rung» vom Volk ab­ge­lehnt wor­den sei.

Ei­ner der Grün­de für die Be­den­ken der Kon­fe­renz: Die Rol­le der Kran­ken­kas­sen wür­de durch ein sol­ches Sys­tem ge­stärkt. Des­halb sei­en die­se auch stets für ein sol­ches Mo­dell ge­we­sen, sagt Jor­di. «Aber da­bei stellt sich die Fra­ge, wel­che Rol­le die Kan­to­ne als Ver­sor­gungs­ver­ant­wort­li­che noch spie­len wür­den.» Denn die­se wä­ren dann pri­mär für den so­zia­len Aus­gleich ver­ant­wort­lich.

Foto: Adri­an Mo­ser

SVP­Ge­sund­heits­di­rek­tor Pier­re Alain Sch­negg möch­te bei der Prä­mi­en­last ein bes­se­res Gleich­ge­wicht fin­den.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.