Die Le­gen­de vom La­bor­vi­rus

Der dra­ma­ti­sche An­stieg der Krank­heits- und To­des­fäl­le hat bei den Men­schen Schock­zu­stän­de und Wut aus­ge­löst. Von ei­ner Rück­kehr zur Nor­ma­li­tät, wie sie Par­tei­chef Xi Jin­ping ge­wünscht hat, ist Chi­na wei­ter ent­fernt denn je.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseit­e - Lea Deu­ber, Pe­king

Ver­schwö­rungs­theo­rie Kommt das Co­ro­na­vi­rus aus ei­nem Biola­bor? Kath­rin Sum­mer­mat­ter vom In­sti­tut für In­fek­ti­ons­krank­hei­ten der Uni­ver­si­tät Bern schliesst das aus.

Das Land wer­de den Kampf ge­win­nen. Un­be­dingt. Das hat­te Par­tei­chef Xi Jin­ping An­fang Wo­che ver­spro­chen. Sein Auf­tritt ma­che Hoff­nung, kom­men­tier­ten vie­le. Es sei ein Si­gnal, dass Pe­king die La­ge nach dem Aus­bruch des Co­ro­na­vi­rus wie­der im Griff ha­be, die Epi­de­mie wo­mög­lich schon bald über­stan­den sei. Nun ist der Op­ti­mis­mus ver­flo­gen. Ges­tern mel­de­ten die Lo­kal­be­hör­den plötz­lich bei­na­he 15 000 zu­sätz­li­che Co­ro­na­fäl­le in Hu­bei. Die Zahl neu­er In­fek­tio­nen ver­zehn­fach­te sich da­mit fast im Ver­gleich zum Vor­tag. Die Zahl der To­des­op­fer ver­dop­pel­te sich auf knapp 250.

Im Land herr­schen Schock und Wut über den dras­ti­schen An­stieg, der nur durch neue Kri­te­ri­en bei der Zäh­lung zu er­klä­ren ist. Die all­ge­mei­ne Un­zu­frie­den­heit dürf­te Pe­king zu der bis­her stärks­ten po­li­ti­schen Re­ak­ti­on seit Aus­bruch des Vi­rus ge­zwun­gen ha­ben. Gleich zwei hoch­ran­gi­ge Par­tei­chefs in der Pro­vinz Hu­bei, dem Zen­trum der Epi­de­mie, muss­ten am Don­ners­tag ih­re Pos­ten räu­men.

Xi er­höht sei­nen Ein­satz

Nun soll ein en­ger Ver­trau­ter Xis ran: Ying Yong, bis­her Bür­ger­meis­ter von Shang­hai, soll die Par­tei­spit­ze der Pro­vinz über­neh­men. In der ab­ge­schot­te­ten Stadt Wu­han selbst über­nimmt der bis­he­ri­ge Par­tei­chef der Stadt Ji­n­an. Der Per­so­nal­wech­sel zeigt, wie stark der Druck ist. Al­lein in Hu­bei gibt es nun gut 48 200 of­fi­zi­ell er­fass­te In­fek­tio­nen, lan­des­weit sind es min­des­tens rund 59 000. Für Xi Jin­ping, der in den ver­gan­ge­nen Jah­ren als der mäch­tigs­te Par­tei­chef seit Mao Ze­dong galt, ist der Aus­bruch die schwers­te po­li­ti­sche Kri­se sei­ner Amts­zeit. Die Ent­sen­dung en­ger Ver­trau­ter er­höht den Ein­satz für den Prä­si­den­ten.

Bis­her war die Ver­tei­di­gungs­li­nie in Pe­king klar. Die wo­chen­lan­ge Ver­tu­schung des Aus­bruchs in Wu­han, die wert­vol­le Zeit ge­kos­tet hat, und die nun an­dau­ernd stei­gen­den Krank­heits­fäl­le in Hu­bei sind auf Ver­sa­gen der lo­ka­len Be­hör­den zu­rück­zu­füh­ren. Der Prä­si­dent gab sich bis­her als Über­va­ter, der die Fehl­trit­te der Lo­kalka­der streng und im Sin­ne der em­pör­ten Be­völ­ke­rung ahn­det.

Nichts aus Sars ge­lernt

Das ist ei­ne alt­be­kann­te Stra­te­gie von Chi­nas au­to­kra­ti­scher Füh­rung. Schon nach dem Aus­bruch des Sars-Vi­rus 2003 muss­ten mehr als 100 Ka­der ge­hen, dar­un­ter so­gar der Ge­sund­heits­mi­nis­ter und der Bür­ger­meis­ter von Pe­king. Aber auf die Ka­ta­stro­phe, die da­mals bei­na­he 800 Men­schen das Le­ben kos­te­te, folg­ten kei­ne po­li­ti­schen Re­for­men, die das Sys­tem ver­än­dert hät­ten, das lang­sa­me Re­ak­tio­nen und das Ver­schlep­pen von Not­stän­den be­güns­tigt. Weit­ge­hend un­an­ge­tas­tet blieb auch die po­li­ti­sche Füh­rung. Sie schob die Ver­ant­wor­tung auf die schnell ge­schass­ten Lo­kalka­der ab.

Wenn sich jetzt Xi selbst ins Kri­sen­ma­nage­ment ein­mischt, ist das nicht oh­ne Ri­si­ko. Schei­tert sein Schütz­ling Ying, dürf­te das auf den Prä­si­den­ten zu­rück­fal­len. Das Ver­trau­en in der Be­völ­ke­rung schwin­det, die Wut über die Un­fä­hig­keit, die Seu­che ein­zu­däm­men, wächst seit Wo­chen. Die Stra­te­gie geht nur auf, wenn Xis Män­ner die La­ge un­ter Kon­trol­le brin­gen – das müs­sen sie nun um je­den Preis.

Denn das Le­ben in Chi­na steht wei­ter­hin na­he­zu still. Die Pro­vinz­re­gie­run­gen ste­cken in ei­nem Di­lem­ma. Ei­ner­seits soll die Wirt­schaft kei­nen Scha­den neh­men, wie Par­tei­chef Xi ver­langt. An­de­rer­seits hat er den Sieg ge­gen das Vi­rus zu ei­ner

Topprio­ri­tät er­klärt. Neu­an­ste­ckun­gen kön­nen für Lo­kal­re­gie­run­gen po­li­ti­sche Kon­se­quen­zen ha­ben. Fast zwei Wo­chen nach En­de der Neu­jahrs­fe­ri­en hat des­halb ein gros­ser Teil der Fir­men, Uni­ver­si­tä­ten und Schu­len noch im­mer ge­schlos­sen.

Re­geln än­dern dau­ernd

Vie­le Men­schen sit­zen noch im­mer dort fest, wo sie das Neu­jahrs­fest ver­bracht ha­ben. Kei­ner weiss, was pas­siert, wenn sie in die Städ­te zu­rück­keh­ren, in de­nen sie ar­bei­ten. An­de­re, die tat­säch­lich die Rück­rei­se ge­wagt ha­ben, müs­sen zu­nächst in ih­ren Woh­nun­gen aus­har­ren, ehe sie an ih­ren Ar­beits­platz zu­rück­keh­ren dür­fen. Ob die Qua­ran­tä­ne für sie­ben Ta­ge oder zwei Wo­chen gilt, ent­schei­den Par­tei­ka­der zum grossen Teil auf ei­ge­ne Faust. Die Re­geln än­dern sich per­ma­nent. Wi­der­spruch aber ist nicht er­laubt.

Vie­le kom­men auch gar nicht so weit. Bahn und Bus­se ver­keh­ren nur be­schränkt. Aus­wär­ti­ge

wer­den über­all wie Aus­sät­zi­ge be­han­delt. Je­der Rei­sen­de stellt ei­ne po­ten­zi­el­le Ge­fahr dar. Ei­ni­ge Städ­te ha­ben die Ab­fahr­ten von Au­to­bah­nen blo­ckiert. An vie­len Stadt- und Pro­vinz­gren­zen staut sich der Ver­kehr stun­den­lang: Dort mes­sen Po­li­zei­und Lo­kalka­der die Tem­pe­ra­tur der Fahr­zeug­in­sas­sen.

An Bahn­hö­fen und Flug­hä­fen müs­sen sich Rei­sen­de re­gis­trie­ren. Mal mit ei­ner App, mal über den Mes­sen­ger Wechat, dann wie­der mit Stift und Pa­pier. Sie wer­den, egal wo­hin sie un­ter­wegs sind, auf ih­ren Han­dys an­ge­ru­fen und mit Kurz­nach­rich­ten bom­bar­diert. Ih­nen wird mit schwer­wie­gen­den Fol­gen ge­droht, soll­ten sie sich bei ers­ten Krank­heits­sym­pto­men nicht so­fort mel­den. Die Be­völ­ke­rung ist auf­ge­ru­fen, ver­däch­ti­ge Per­so­nen zu mel­den.

Men­schen aus Hu­bei ha­ben es be­son­ders schwer. Ein in Wu­han aus­ge­stell­ter Pass, ein Num­mern­schild aus der Stadt oder ei­ne Über­nach­tung dort in den

letz­ten Wo­chen rei­chen für will­kür­li­che Re­strik­tio­nen. Es gibt Be­rich­te, dass Men­schen in ih­ren Woh­nun­gen ein­ge­mau­ert oder die Tü­ren von aussen ver­ram­melt wur­den, weil sie im Ver­dacht stan­den, er­krankt zu sein.

Wirk­lich si­cher scheint man nur noch zu Hau­se zu sein. Häu­fig darf le­dig­lich ein Fa­mi­li­en­mit­glied al­le zwei Ta­ge die Woh­nung zum Ein­kau­fen ver­las­sen. In man­chen Wohn­blocks wird no­tiert, wer kommt und geht. Meist dür­fen nur noch An­woh­ner hin­ein. In­zwi­schen ha­ben die Be­hör­den so­gar den Ver­kauf von Me­di­ka­men­ten ge­gen Er­käl­tung ver­bo­ten. Da­mit wol­len sie Kran­ke zwin­gen, sich im Spi­tal zu mel­den. Dort kann man sie oft zwar gar nicht ver­sor­gen. Sie sol­len aber re­gis­triert wer­den.

Tau­sen­de lie­gen in Sta­di­en

Ei­ni­ge Städ­te zwin­gen Apo­the­ken in­zwi­schen zur Her­aus­ga­be von Kun­den­da­ten. Wer nach de­ren Aus­wer­tung ver­däch­tig ist, kommt auf Be­ob­ach­tungs­lis­ten,

wird von der Po­li­zei be­sucht oder di­rekt in Qua­ran­tä­ne ge­steckt. On­li­ne kön­nen die Men­schen zu­dem über­prü­fen, ob ein Ver­dachts­fall in ih­rer Nä­he ge­mel­det ist – was im­mer wie­der auch zu Über­grif­fen ge­gen die Be­trof­fe­nen führt.

Si­cher scheint im Mo­ment in Chi­na nur ei­nes zu sein: dass am En­de die­ser Kri­se die Par­tei den Sieg über das Vi­rus er­klä­ren wird, so wie sie das 2003 bei Sars ge­tan hat. Die Fra­ge dürf­te nur sein, wie hoch die Kos­ten sind für die­sen Sieg. Und wer die am En­de zu tra­gen hat.

Die Be­hör­den in Hu­bei ha­ben in­zwi­schen an­ge­fan­gen, Ver­dachts­fäl­le in Mas­sen­un­ter­künf­ten un­ter­zu­brin­gen. In Turn­hal­len und Sta­di­en lie­gen nun Tau­sen­de Men­schen auf engs­tem Raum bei­ein­an­der, zum grossen Teil oh­ne aus­rei­chen­de me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung und Sa­ni­tär­an­la­gen. Das soll die noch ge­sun­den Men­schen in der Re­gi­on schüt­zen. Den Kran­ken wird es nicht hel­fen.

Al­le zwei Ta­ge darf ein Fa­mi­li­en­mit­glied die Woh­nung zum Ein­kau­fen ver­las­sen.

Foto: Getty

Von den Ge­sun­den ge­trennt: Un­ter Co­ro­na­ver­dacht ste­hen­de Men­schen und Kran­ken­per­so­nal in ei­nem tem­po­rä­ren Spi­tal in Wu­han.

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