Das Vi­rus setzt Wald­be­sit­zern zu

Tro­cken­heit, Stür­me und nun Co­ro­na – das sind idea­le Be­din­gun­gen für die Ver­meh­rung des ge­fürch­te­ten In­sekts. Ex­per­ten rech­nen für 2020 mit Re­kord­men­gen an kran­kem Holz in der Schweiz.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseit­e - Bar­ba­ra Reye

Als Fol­ge der Pan­de­mie sind die Prei­se für Kä­fer­holz ein­ge­bro­chen. Aus­ge­rech­net jetzt, wo wie­der ei­ne Bor­ken­kä­fer­pla­ge droht.

Ei­gent­lich ist der fünf Mil­li­me­ter gros­se, zu den Bor­ken­kä­fern ge­hö­ren­de Buch­dru­cker nicht im­mer schlecht für den Wald. Denn er be­fällt in der Re­gel frisch ab­ge­stor­be­ne, stark ge­schwäch­te oder al­te Bäu­me und ist so­mit Teil ei­nes gut funk­tio­nie­ren­den Öko­sys­tems. Zum ei­nen bie­tet das To­t­holz dann lan­ge Zeit an­de­ren Glie­der­füs­sern so­wie auch Pil­zen Le­bens­raum. Und zum an­de­ren sie­deln sich in der Baum­lü­cke spä­ter von ganz al­lein Pio­nier­pflan­zen oder ei­ne an­de­re Baum­art an. So weit, so gut.

Doch 2019 gab es den dritt­heis­ses­ten Som­mer seit Mess­be­ginn, so­dass vie­ler­orts in der Schweiz vor al­lem Fich­ten stark un­ter Was­ser­man­gel und Stress lit­ten. In sol­chen Ex­trem­fäl­len fehlt den Bäu­men die Kraft, sich ge­gen die an­grei­fen­den Kä­fer zur Wehr zu set­zen und die ent­ste­hen­den Lö­cher durch Harz­fluss schnell zu ver­schlies­sen. Mit der Fol­ge, dass sich kurz dar­auf di­rekt in der Rin­den­schicht un­ter der Bor­ke je­des Männ­chen gleich mit zwei bis drei Weib­chen in den zu­vor an­ge­leg­ten Ram­mel­kam­mern paart und 7 bis 13 Wo­chen nach der Abla­ge der Eier die Jung­kä­fer schlüp­fen.

«Die­ses Jahr wird es min­des­tens so schlimm wie die letz­ten zwei Jah­re», sagt Martin Ba­der von der Eid­ge­nös­si­schen For­schungs­an­stalt für Wald, Schnee und Land­schaft (WSL). Denn die Vor­aus­set­zun­gen sind mo­men­tan op­ti­mal für den Buch­dru­cker, wie die Kar­te der ak­tu­el­len Kä­fer­ent­wick­lung zeigt. Das liegt dar­an, dass 2018 be­reits das wärms­te Jahr seit dem Mess­be­ginn von 1864 war und dar­auf dann 2019 auch noch das fünft­wärms­te Jahr folg­te. Des­halb konn­te sich die Po­pu­la­ti­on der Buch­dru­cker auch im ver­gan­ge­nen Jahr noch­mals ex­plo­si­ons­ar­tig ver­meh­ren.

23’000 Kä­fer pro Fal­le

Nach An­ga­ben der WSL gab es 2019 den zweit­höchs­ten je re­gis­trier­ten Buch­dru­cker­be­fall in der Schweiz. In ins­ge­samt 1615 Lock­stoff­fal­len aus 22 Kan­to­nen wur­den rund 37 Mil­lio­nen Kä­fer ge­zählt, im Durch­schnitt 23’000 pro Fal­le. Dies ist der höchs­te Wert seit dem Hit­ze­som­mer 2003. Da­mals wur­den im Ver­gleich zwar 800 Kä­fer we­ni­ger pro Fal­le fest­ge­stellt, da­für aber knapp 2000 Be­fall­s­her­de mehr. Da es sich da­bei je­weils um Kä­fer­nes­ter mit bis zu ei­ni­gen Dut­zend be­fal­le­nen Bäu­men han­delt, kam es da­mals zum bis­her höchs­ten Scha­den seit 1998.

«Um dies zu ver­hin­dern, müs­sen neu be­fal­le­ne Fich­ten recht­zei­tig, al­so noch be­vor die nächs­te Kä­fer­ge­ne­ra­ti­on aus­fliegt, ge­fällt und ent­rin­det wer­den, was der­zeit nicht im­mer der Fall ist», er­klärt

Ba­der. Bei ei­ner ho­hen Po­pu­la­ti­ons­dich­te kön­nen die Wald­be­woh­ner im Nu gan­ze Ge­bie­te ver­wüs­ten. Ge­mäss der WSL ver­zeich­ne­ten 2019 al­le Kan­to­ne der Al­pen­nord­sei­te, mit Aus­nah­me des Kan­tons Zug, im Ver­gleich zum Vor­jahr ei­ne bis zu 18-fa­che Zu­nah­me an Kä­fer­holz.

Aus den Al­pen wur­de ein ähn­li­cher Trend ge­mel­det, wäh­rend sich die Si­tua­ti­on auf der Al­pen­süd­sei­te auf­grund der Wet­ter­be­din­gun­gen wie­der et­was er­hol­te. Schweiz­weit gab es 2019 rund 1,4 Mil­lio­nen Ku­bik­me­ter Kä­fer­holz. Die­ses wür­de nach Aus­kunft der Leh­mann Holz­werk AG rund 50’000 Last­wa­gen fül­len, die hin­ter­ein­an­der ei­ne Stre­cke von 750 Ki­lo­me­ter ein­neh­men wür­den.

Die­ses Jahr sieht es er­neut da­nach aus, dass die Buch­dru­cker idea­le Brut­be­din­gun­gen für ih­re zwei bis drei Ge­ne­ra­tio­nen vor­fin­den wer­den und es des­halb – je­doch noch ab­hän­gig vom wei­te­ren Wet­ter­ver­lauf – ver­mut­lich zu ei­ner noch grös­se­ren Mas­sen­ver­meh­rung als 2019 kom­men wird. Denn der dies­jäh­ri­ge Wär­me­re­kord des Win­ters führ­te zum Über­le­ben be­son­ders vie­ler Kä­fer. Aber auch hef­ti­ge Stür­me wie et­wa Sa­bi­ne ha­ben nach An­ga­ben des Bun­des­amts für Um­welt (Ba­fu) lo­kal in den Kan­to­nen Zü­rich, Bern und Lu­zern Schä­den an­ge­rich­tet, so­dass die Kä­fer

das dort noch nicht weg­ge­räum­te Sturm­holz be­sie­deln kön­nen.

Doch da­mit nicht ge­nug: Der Lock­down durch die Co­ro­na-Kri­se hat das Pro­blem auf dem Schwei­zer Holz­markt noch­mals ver­schärft. Der Markt ist der­zeit auch im na­hen Aus­land wie Deutsch­land und Ös­ter­reich mit Kä­fer­holz über­sät­tigt. «Das Holz ver­lor da­durch zu­neh­mend an Wert, zum Teil um die Hälf­te des Prei­ses», sagt Ur­ban Brütsch, Vi­ze­di­rek­tor von Wald Schweiz, dem Ver­band der Wald­ei­gen­tü­mer. Die Kos­ten der rei­nen Holz­ern­te sei­en mit dem durch­schnitt­li­chen Er­lös für Kä­fer­holz von rund 30 bis 40 Fran­ken pro Ku­bik­me­ter nicht mehr ge­deckt. 2018 und 2019 ha­be man noch viel Schad­holz nach Chi­na ex­por­tie­ren kön­nen, wo es un­ter an­de­rem zum Bau von Mö­beln ge­nutzt wor­den sei. Dies sei 2020 wohl noch schwie­ri­ger, da die Prei­se wei­ter sin­ken wür­den.

Weil in vie­len Sä­ge­rei­en der Schweiz die La­ger von frü­her noch voll sind, ha­ben die­se nun die Ver­ar­bei­tungs­ka­pa­zi­tä­ten re­du­ziert und manch­mal so­gar ei­nen An­nah­me­stopp für Kä­fer­holz aus­ge­spro­chen. Doch wo­hin mit dem Kä­fer­holz? «Oft lässt man es ent­rin­det im Wald lie­gen», sagt Brütsch. Grund­sätz­lich sei dies aber nicht gut, weil ein wert­vol­ler, ein­hei­mi­scher Roh­stoff nicht ver­ar­bei­tet wer­de. Da die lang­fris­ti­gen

Wet­ter­pro­gno­sen für die­sen Som­mer we­nig Nie­der­schlag und ho­he Tem­pe­ra­tu­ren vor­aus­sag­ten, ver­schär­fe sich der Kon­flikt noch wei­ter. Es las­se sich al­so nicht Gu­tes er­ah­nen.

Seit Mit­te April flie­gen die Kä­fer der letz­ten Ge­ne­ra­ti­on des ver­gan­ge­nen Jah­res, die ir­gend­wo in ei­nem Stamm oder in der Bo­den­streu über­win­ter­ten, in­zwi­schen in Scha­ren um­her. Vie­le von ih­nen ha­ben sich längst auch schon durch ei­ne Rin­de ge­bohrt und dort Eier ab­ge­legt, so­dass die Lar­ven­ent­wick­lung voll im Gang ist. «Es kann sein, dass die El­tern nach ei­nem Re­ge­ne­ra­ti­ons­frass dann noch ein zwei­tes Mal los­zie­hen, um an ei­nem an­de­ren Ort ei­ne Ge­schwis­ter­b­rut zu star­ten», sagt Ba­der. Sol­che Kä­fer­nes­ter ent­stün­den dann meist in der Nä­he, in­ner­halb ei­nes Um­krei­ses von et­wa 500 Me­tern.

Fo­to: Ima­go Images

Sie kön­nen im Nu gan­ze Wald­ge­bie­te ver­wüs­ten: Die zu den Bor­ken­kä­fer ge­hö­ren­den Buch­dru­cker.

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