Al­pab­zug in Zei­ten von Co­ro­na

Wie seit fast zwan­zig Jah­ren der Brauch, kehr­ten die Rin­der, ge­schmückt und mit Ge­läu­te, zu ih­ren Be­sit­zern zu­rück. Vie­le woll­ten das Spek­ta­kel se­hen, trotz der Pan­de­mie.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseit­e - Ger­trud Lehmann

Em­men­tal In Su­mis­wald fand ges­tern der Al­pab­zug statt, ei­ne fast 20­jäh­ri­ge Tra­di­ti­on. Ge­schmückt und mit dröh­nen­dem Ge­läu­te schrit­ten die Rin­der durch das Dorf. Trotz Co­ro­na zog das Spek­ta­kel vie­le Schau­lus­ti­ge an. Schutz­kon­zept gab es kei­nes, je­der und je­de war für sich selbst ver­ant­wort­lich.

Auf­grund der Co­vid-19-Si­tua­ti­on ge­be es kei­ne Sitz­ge­le­gen­heit, und je­der sei sel­ber ver­ant­wort­lich für die Ein­hal­tung der Schutz­mass­nah­men, hiess es im Ver­an­stal­tungs­hin­weis. Die Zu­schau­er­rei­hen wa­ren si­cher et­was lich­ter, und es gab kei­ne Ver­pfle­gungs­stän­de. Aber sonst merk­te man kei­nen Un­ter­schied: Su­mis­wald und Wa­sen fei­er­ten mit dem tra­di­tio­nel­len Al­pab­zug die Rück­kehr der ge­söm­mer­ten Rin­der, und die Be­su­che­rin­nen und Be­su­cher freu­ten sich am ge­bo­te­nen Schau­spiel und an der Stim­mung.

Wie die Schwal­ben

Kirch­gas­se und Markt­stras­se sind ge­säumt von Be­su­chern; Mäu­er­chen, Ter­ras­sen und Trep­pen sind be­setzt. Auch vor dem Bä­ren ist kaum noch ein Platz frei. Wie die Schwal­ben vor dem Ab­flug sit­zen die Leu­te Sei­te an Sei­te, plau­dern zu­sam­men und war­ten ge­spannt auf das Na­hen des Um­zugs. Von Mas­ken kei­ne Spur.

Auf vie­les kann man ver­zich­ten, aber doch nicht auf den Al­pab­zug, das hät­te ja kei­ne «Gat­tung». Ei­ne Su­mis­wal­der Se­nio­rin in den 90ern will selbst­be­stimmt le­ben, und da­zu ge­hört der Be­such des Al­pab­zugs. «So et­was Schö­nes!», sagt sie. Die Lan­gen­tha­le­rin Mar­lies Joos hat zu Eh­ren der heim­keh­ren­den Her­de ex­tra die ma­le­ri­sche Trach­ten­blu­se mit den Edel­weiss an­ge­zo­gen. «Für mich ist das hier Hei­mat», sagt sie und will sich mit ih­ren Freun­den zu­sam­men ei­nen schö­nen Tag gön­nen. Zwar ge­hört sie dem Al­ter nach auch zu den «Ge­fähr­de­ten». Aber: «Was solls, ich le­be jetzt und will mei­ne Zeit nicht ver­säu­men», meint sie.

Fest­tag und Hei­mat­kun­de

Auch sämt­li­che Se­nio­ren aus dem Al­ters­heim sit­zen, auf Stüh­len oder Roll­stüh­len, ent­lang der Stras­se aus­gangs Dorf. Für sie ist es ein Fest­tag. Mas­ken tra­gen nur die be­glei­ten­den Pfle­ge­hil­fen. Frü­her nann­te man es «Hei­mat­kun­de», wenn man in der Schu­le

«Das ist Hei­mat.» Be­su­che­rin Mar­lies Joos aus Lan­gen­thal

über die Schweiz, das Em­men­tal und den ei­ge­nen Wohn­ort re­de­te. Die Su­mis­wal­der Schü­le­rin­nen und Schü­ler ha­ben näm­lich nicht frei, son­dern be­su­chen zu­sam­men mit den Lehr­kräf­ten den Um­zug, um dann über das Er­leb­te zu dis­ku­tie­ren.

Noch gibt es nichts zu se­hen. Dar­um klet­tern die über­mü­ti­gen

Dritt- und Viert­kläss­ler von Leh­re­rin Mo­ni­ka Eg­li an den La­ter­nen­pfäh­len hoch, wäh­rend die Fünft- und Sechst­kläss­ler von Leh­re­rin Mar­ti­na Wolf sich am

Brun­nen nass sprit­zen. Ge­läch­ter, Ge­joh­le. «Zum Glück ha­ben wir hier noch ei­ne star­ke Be­zie­hung zur Land­wirt­schaft», sagt sie, ob­wohl kaum noch ein

Bau­ern­kind in der Klas­se sei. Vie­le hel­fen ab und zu bei Ver­wand­ten auf Bau­ern­hö­fen aus, be­su­chen sie auch we­gen der Tie­re. So­gar die Kin­der der drei Kin­der­gar­ten­klas­sen wis­sen Be­scheid, wo die Milch her­kommt. Man­che Knirp­se ha­ben von zu Hau­se ei­nen Ge­hör­schutz mit­be­kom­men, aber die meis­ten ha­ben eher Freu­de am Lärm. Zum Zeit­ver­treib wird vor­läu­fig ein Lied­chen ge­sun­gen.

Stolz der Bau­ern­fa­mi­li­en

End­lich, sie kom­men: Mit dröh­nen­dem Ge­läu­te, un­ter­bro­chen von Jauch­zern, naht die ers­te Trup­pe. «Fisch­bach» steht auf dem von Kin­dern ge­tra­ge­nen Pla­kat. Et­wa fünf­zig Rin­der, oder «Gus­ti», wie man die Jung­kü­he meist nennt, schrei­ten ei­lig vor­an. Sie sind wohl­ge­nährt und nach dem gu­ten Alp­som­mer in Best­form, das sieht man.

Schön ge­putzt, Blu­men­ge­bin­de um Stirn und Bauch, um den Hals den ge­stick­ten Rie­men mit der Glo­cke oder Trych­le, stel­len sie den Stolz der Bau­ern­fa­mi­li­en dar. Blon­de, Brau­ne, Ge­scheck­te, Schwar­ze, so zieht die Pa­ra­de vor­über, man­cher Zu­schau­er ver­drückt ei­ne Trä­ne.

In den Au­gen der Tie­re glänzt et­was wie Selbst­be­wusst­sein, als ob sie wüss­ten, was ihr langer Marsch zu be­deu­ten hat. Als ob sie sich ih­rer Wür­de be­wusst wä­ren, schau­en sie im Vor­über­ge­hen in die Men­ge. Ins­ge­samt um die 600 Tie­re kom­men, je nach Alp in grös­se­re und klei­ne­re Grup­pen auf­ge­teilt, durch die Gas­sen mar­schiert. Im Dorf sind Stras­sen und Plät­ze mit Vieh­trans­por­ter zie­hen­den Trak­to­ren und Jeeps voll­ge­stopft. So­bald die Tie­re vom Be­sit­zer ver­la­den sind, tre­ten die meis­ten so­gleich die Heim­rei­se an. We­gen Co­ro­na ver­zich­tet man auf ein ge­müt­li­ches Zu­sam­men­sit­zen, das möch­te man hof­fent­lich nächs­tes Jahr wie­der ge­nies­sen, heisst es.

«Zum Glück ha­ben wir hier noch ei­ne star­ke Be­zie­hung zur Land­wirt­schaft.» Mar­ti­na Wolf Leh­re­rin in Su­mis­wald

Fo­to: Ra­pha­el Mo­ser

Die Be­woh­ner des Al­ters­heims neh­men das Ri­si­ko auf sich und be­su­chen die Al­pab­fahrt, auch wenn es kei­ne Sitz­ge­le­gen­heit gibt.

Fo­tos: Ra­pha­el Mo­ser

Auch der Kin­der­gar­ten be­sucht die Al­pab­fahrt.

Mas­ken wur­den fast kei­ne ge­tra­gen.

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