BZ Langenthaler Tagblatt

Zit­ter­par­tie in der Tos­ka­na

Die So­zi­al­de­mo­kra­ten über­ra­schen mit drei Sie­gen in der Tos­ka­na, in Kam­pa­ni­en und Apu­li­en. Für Mat­teo Sal­vi­ni läuft al­les schief. Und die Cin­que Stel­le set­zen ein al­tes An­lie­gen durch.

- Oli­ver Mei­ler, Rom Politics · Tuscany · Italy · Giuseppe Conte · Matteo Salvini · Campania · Michele Emiliano · Marche · Lega Nord · Parliament of Georgia · Emilia-Romagna · Aosta Valley · Italian Northern League

Ita­li­en Die Re­gie­rung von Gi­u­sep­pe Con­te hat beim ers­ten wich­ti­gen Stim­mungs­test in der Co­ro­na-Pha­se Nie­der­la­gen ein­ste­cken müs­sen, aber die Macht in der um­kämpf­ten Tos­ka­na wohl knapp ver­tei­digt.

Der Sturm auf die Tos­ka­na ist ver­weht. Ita­li­ens Lin­ke be­hält ih­re al­te Hoch­burg im Her­zen des Lan­des, doch so ge­zit­tert wie dies­mal hat­te sie seit re­pu­bli­ka­ni­schem Ge­den­ken noch nie. Eu­ge­nio Gia­ni, der Kan­di­dat des so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­ti­to De­mo­cra­ti­co und von Mat­teo Ren­zis Par­tei Ita­lia Vi­va, hat die wich­tigs­te von sie­ben ita­lie­ni­schen Re­gio­nal­wah­len am En­de ei­ni­ger­mas­sen deut­lich ge­won­nen – ge­mäss Hoch­rech­nun­gen mit 47 Pro­zent der Stim­men. Die jun­ge Be­wer­be­rin der rech­ten Le­ga, Su­san­na Cec­car­di, brach­te es dem­nach auf 40 Pro­zent.

Wahr­schein­lich spiel­te ei­ne Rol­le, dass die Lin­ke den Ur­nen­gang zu ei­nem na­tio­na­len Drama sti­li­siert hat­te – zu ei­nem Show­down mit Mat­teo Sal­vi­ni, dem Chef der Le­ga. Der hat­te al­le Hoff­nung in ei­nen sym­bo­lisch spek­ta­ku­lä­ren Wahl­sieg in der Tos­ka­na ge­setzt, in ei­nen Be­frei­ungs­schlag nach ei­nem ste­ti­gen Gunst­ver­lust seit sei­nem Sturz im Au­gust 2019. Doch wie schon im Ja­nu­ar in der Emi­lia

Ro­ma­gna, der an­de­ren «ro­ten Fe­s­tung», schei­ter­te sein Coup.

Das pro­gres­si­ve La­ger ge­wann auch in Kam­pa­ni­en, wo Re­gi­ons­prä­si­dent Vin­cen­zo De Lu­ca mit gros­sem Vor­sprung sei­ne Wie­der­wahl schaff­te. Über­ra­schend klar konn­te sich auch der bis­he­ri­ge Gou­ver­neur Apu­li­ens, Mi­che­le Emi­lia­no, ge­gen den Be­wer­ber der Rech­ten be­haup­ten. Die Mar­ken, Li­gu­ri­en und Ve­ne­to ge­hen oder blei­ben rechts –

wie er­war­tet. Im Aosta­tal wer­den Gou­ver­neu­re nicht di­rekt vom Volk ge­wählt.

Be­son­de­re Auf­merk­sam­keit kam Ve­ne­ti­en zu, wo Lu­ca Zaia von der Le­ga sein drit­tes Man­dat mit ei­nem Ple­bis­zit ge­wann: wohl mehr als 75 Pro­zent. Und da Zaia, ein Ver­tre­ter der al­ten Le­ga Nord, Sal­vi­nis par­tei­in­ter­ner Ri­va­le ist, galt das Vo­tum für ihn auch als Miss­trau­ens­vo­tum ge­gen den an­de­ren. Zai­as ei­ge­ne

Wahl­lis­te hol­te fast drei­mal so vie­le Stim­men wie die Lis­te der Le­ga. Plötz­lich steht Sal­vi­nis Rol­le als Par­tei­chef in­fra­ge.

Ne­ben den Re­gio­nal­wah­len fand auch ei­ne Volks­ab­stim­mung über ei­ne Ver­fas­sungs­re­form statt. Nach vie­len Ver­su­chen und tau­send De­bat­ten ver­klei­nert Ita­li­en sein Par­la­ment – von 945 auf 600 Sit­ze. Knapp 70 Pro­zent der Wahl­teil­neh­mer stimm­ten für die Re­form, die nur noch ei­ner Be­stä­ti­gung durch das Volk be­durf­te. Das Vo­tum ist ein Tri­umph für die Cin­que Stel­le, die einst als sys­tem­kri­ti­sche Be­we­gung mit sol­chen Vor­schlä­gen Fu­ro­re ge­macht hat­te und nun das Land mit­re­giert.

Ein biss­chen mit­ju­beln

Die Ita­lie­ner ha­ben kei­ne sehr gros­se Ach­tung für ih­re na­tio­na­len Volks­ver­tre­ter, die sie ge­mein­hin für über­be­zahlt hal­ten – in­so­fern ist das Er­geb­nis kei­ne Über­ra­schung. Er­staun­lich ist al­len­falls, dass es nicht viel mas­si­ver aus­fiel. Bei Um­fra­gen vor dem Som­mer sag­ten bis zu 90 Pro­zent der Ita­lie­ner, dass sie für den Schnitt stim­men wür­den.

In den ver­gan­ge­nen Wo­chen hat­te das La­ger des «No» je­doch mit ei­ner Schluss­of­fen­si­ve viel Ter­rain wett­ge­macht. Die Geg­ner be­män­gel­ten, dass da für ei­nen re­la­tiv dürf­ti­gen Spar­be­trag die Ver­tre­tung der Bür­ger im Par­la­ment aus­ge­dünnt wür­de. Die Be­für­wor­ter ent­geg­ne­ten, dass we­ni­ger Se­na­to­ren und Ab­ge­ord­ne­te ihr Amt ef­fi­zi­en­ter wahr­neh­men wür­den. Das sei ein ers­ter Schritt zu ei­ner um­fas­sen­de­ren Re­form des Par­la­ments.

Die Fünf Ster­ne kön­nen nun be­haup­ten, dass sie ei­nes ih­rer Gr­und­an­lie­gen um­ge­setzt ha­ben. Auch die So­zi­al­de­mo­kra­ten ju­beln ein biss­chen mit. Sie hat­ten zwar drei­mal ge­gen die Re­form ge­stimmt im Par­la­ment und erst am Schluss da­für, weil sie sich mit den Cin­que Stel­le al­li­iert hat­ten: Doch für die Volks­be­fra­gung ga­ben sie die Ja-Pa­ro­le aus. Zu den heim­li­chen Sie­gern ge­hört auch der par­tei­lo­se, den Fünf Ster­nen na­he ste­hen­de Pre­mier Gi­u­sep­pe Con­te. Er hat­te vor dem Re­fe­ren­dum ge­sagt, dass er Ja stim­men wür­de. Ei­ne pri­va­te Mei­nungs­äus­se­rung – ei­ne mit po­li­ti­scher Gra­vi­tas je­doch.

 ?? Foto: Getty Images ?? Eu­ge­nio Gia­ni wird neu­er Gou­ver­neur der Tos­ka­na.
Foto: Getty Images Eu­ge­nio Gia­ni wird neu­er Gou­ver­neur der Tos­ka­na.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland