BZ Langenthaler Tagblatt

War­um gibt es im Em­men­tal nicht mehr Co­ro­na-Fäl­le?

Im Ver­gleich mit an­de­ren Re­gio­nen gab es im Em­men­tal bis­her nur we­ni­ge po­si­tiv ge­tes­te­te Per­so­nen. Die Grün­de da­für hän­gen mit der To­po­gra­fie zu­sam­men – aber nicht nur.

- Pia Schei­deg­ger Health · Coronavirus (COVID-19) · Michelhausen · Auch · Burgdorf · Guangzhou · Bern · Jura · Artur · Saanen

Das Spi­tal Em­men­tal war­te­te im Früh­ling auf die gros­se Co­ro­naWel­le. Doch sie kam nicht. Seit März gab es im Ver­wal­tungs­kreis Em­men­tal nur 195 be­stä­tig­te Fäl­le, das ist nicht mal ein Sechs­tel der Zahl des Ber­ner Mit­tel­lands. Auch im Ver­hält­nis zur Ein­woh­ner­zahl kommt das Em­men­tal glimpf­lich da­von. Wäh­rend es im Ber­ner Mit­tel­land mitt­ler­wei­le 30 be­stä­tig­te Co­ro­na-Fäl­le pro 10’000 Ein­woh­ner gibt, sind es im Em­men­tal le­dig­lich 20.

Für die Ärz­te des Re­gio­nal­spi­tals mit Stand­or­ten in Burg­dorf und Langnau sind die ge­rin­gen Fall­zah­len über­ra­schend: «Wir be­treu­ten zwar Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten mit Co­vid-19, aber we­ni­ger als er­war­tet», sagt Ga­b­ri­el Wal­degg, In­fek­tio­lo­ge und Lei­ten­der Arzt Me­di­zin. Es ha­be im Spi­tal Em­men­tal zu kei­nem Zeit­punkt ei­nen Mas­sen­an­drang ge­ge­ben.

Ab­hän­gig von Wohn­si­tua­ti­on

Doch war­um nicht? Es stellt sich die Fra­ge, ob im Em­men­tal ein­fach we­ni­ger Co­ro­na-Tests ge­macht wur­den als in an­de­ren Re­gio­nen. Wal­degg geht da­von aus, dass über­all im Kan­ton ähn­lich viel ge­tes­tet wird. Im Spi­tal Em­men­tal wur­den En­de Ju­li wö­chent­lich rund 220 Per­so­nen ge­tes­tet, 1 bis 2 Pro­zent da­von wa­ren po­si­tiv. Ak­tu­ell wer­den pro Wo­che bis zu 440 Per­so­nen un­ter­sucht. «Der An­teil an po­si­ti­ven Tests liegt bei 3 Pro­zent, mit stei­gen­der Ten­denz in den letz­ten Ta­gen», sagt Wal­degg.

Trotz stei­gen­der Zah­len schnei­det das Em­men­tal im­mer noch bes­ser ab als an­de­re Ver­wal­tungs­krei­se des Kan­tons Bern. Der In­fek­tio­lo­ge ver­mu­tet, die An­zahl der Co­ro­na-Fäl­le hän­ge auch mit der Wohn­si­tua­ti­on und dem Ver­hal­ten der Be­völ­ke­rung zu­sam­men. Die Men­schen im Em­men­tal le­ben meist in grös­se­rer räum­li­cher Dis­tanz als an­ders­wo, da es kei­ne Bal­lungs­zen­tren gibt. Zu­dem wür­den sie

Im Spi­tal Em­men­tal hat es in die­sem Früh­ling zu kei­nem Zeit­punkt ei­nen Mas­sen­an­drang we­gen Co­vid-19 ge­ge­ben, wie Ga­b­ri­el Wal­degg, In­fek­tio­lo­ge und Lei­ten­der Arzt Me­di­zin, sagt.

sich nicht gleich ver­hal­ten wie Ein­woh­ner von Städ­ten.

Dem stimmt auch Gun­de­kar Gie­bel zu. «In länd­li­chen Re­gio­nen sind die Leu­te oft­mals vor­sich­ti­ger», sagt der Me­dien­spre­cher der kan­to­na­len Ge­sund­heits-, So­zi­al- und In­te­gra­ti­ons­di­rek­ti­on. Aus­gang und Par­tys sei­en si­cher we­ni­ger The­ma als in grös­se­ren Städ­ten wie Bern oder Thun. Zu­dem ge­be es auf dem Land ei­nen re­spekt­vol­len Um­gang mit äl­te­ren Men­schen, weil Fa­mi­li­en stär­ker über Ge­ne­ra­tio­nen mit­ein­an­der ver­bun­den sei­en. «Da­durch sind sich auch jün­ge­re Leu­te be­wusst, dass sich ihr Ver­hal­ten ne­ga­tiv auf an­de­re aus­wir­ken kann», so Gie­bel.

«Ein we­nig Glück ge­habt»

Auch er be­tont die rä­um­li­che Dis­tanz: In Städ­ten so­wie der Agglo brei­te sich das Vi­rus na­tür­lich viel schnel­ler aus, weil die Men­schen nä­her zu­sam­men sei­en. Auf dem Land woh­ne man wei­ter von­ein­an­der

Die Pfle­ge­fach­frau­en der Co­ro­na-Sta­ti­on vom Spi­tal Burg­dorf wa­ren auf ei­ne Pa­ti­en­ten-Wel­le vor­be­rei­tet.

Me­dien­spre­cher Ge­sund­heits-, So­zi­al- und In­te­gra­ti­ons­di­rek­ti­on

ent­fernt, was si­cher die An­ste­ckungs­ge­fahr ver­klei­ne­re.

Ver­g­li­chen mit den rest­li­chen Ver­wal­tungs­krei­sen des Kan­tons Bern hat­te es im Ber­ner Ju­ra so­wie im Ober­simm­en­tal-Saa­nen am meis­ten Fäl­le pro 10’000 Ein­woh­ner – ob­wohl die Ge­bie­te eher länd­lich sind, wie das Em­men­tal. «Bei we­nig Ein­woh­nern kann die­se Zahl schnell aus­schla­gen», sagt Gun­de­kar Gie­bel. Im Ber­ner Ju­ra et­wa hät­ten die Fäl­le in den Al­ters­hei­men die Zahl ge­gen oben aus­schla­gen las­sen.

Im Kreis Ober­simm­en­talSaa­nen hin­ge­gen ge­be es ei­nen an­de­ren Grund: Dort sei Co­ro­na höchst­wahr­schein­lich von Tou­ris­ten im­por­tiert wor­den.

Das Ver­hal­ten der Men­schen, die rä­um­li­che Dis­tanz. Sie sind zu­sam­men­ge­fasst die Grün­de, war­um es im Em­men­tal bis­her ver­gleichs­wei­se we­nig Co­ro­naFäl­le gab. Gie­bel fügt je­doch noch hin­zu: «Das Em­men­tal hat si­cher auch ein we­nig Glück ge­habt.»

«Auch jün­ge­re Leu­te sind sich be­wusst, dass sich ihr Ver­hal­ten ne­ga­tiv auf an­de­re aus­wir­ken kann.»

Gun­de­kar Gie­bel

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Foto: Adri­an Mo­ser
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Foto: Fran­zis­ka Ro­then­büh­ler

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