Plötz­lich ist Ita­li­en das Vor­bild

«Net­work Tes­ting», viel Dis­zi­plin und kaum Dis­kus­sio­nen: wie die Ita­lie­ner die Pan­de­mie fürs Ers­te un­ter Kon­trol­le ge­bracht ha­ben.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Ausland - Oli­ver Mei­ler, Rom

Plötz­lich steht Ita­li­en als Mo­dell da, als Vor­bild für ei­nen ver­ant­wor­tungs­vol­len Um­gang mit der Pan­de­mie. Und die­se Wen­dung war nun wirk­lich nicht ab­seh­bar ge­we­sen.

Wäh­rend et­wa Spa­ni­en, Frank­reich und Gross­bri­tan­ni­en mit den Wo­gen ei­ner zwei­ten Wel­le kämp­fen, bleibt die Zahl der täg­li­chen Neu­in­fek­tio­nen in Ita­li­en in die­sem Spät­som­mer un­ter Kon­trol­le. Die Kur­ve stieg auch wie­der et­was an, aber bis­her nicht ex­po­nen­ti­ell: Im Durch­schnitt zählt man pro Tag et­wa 1500 neue Fäl­le, bei rund 100’000 aus­ge­wer­te­ten Tests. Denn ja: Ita­li­en tes­tet nun viel mehr als im Früh­ling.

Die Quo­te der po­si­tiv Ge­tes­te­ten liegt al­so bei we­ni­ger als 2 Pro­zent. Die Zahl der To­des­fäl­le schwankt zwi­schen 10 und 20. In den In­ten­siv­sta­tio­nen lie­gen ge­ra­de 244 Men­schen mit Co­vid-19, und je­den Tag kom­men ei­ni­ge wei­te­re hin­zu. Doch das Ge­sund­heits­sys­tem hält.

Um Him­mels wil­len nicht nach­las­sen!

Von ei­ner «se­con­da on­da­ta», ei­ner zwei­ten Wel­le, spricht in Ita­li­en nie­mand. Fürs Ers­te nicht, und die­sen Zu­satz mit ein­ge­bau­ter War­nung fü­gen nun al­le ita­lie­ni­schen Vi­ro­lo­gen und Epi­de­mio­lo­gen im­mer an, wenn sie die na­tio­na­len Da­ten ana­ly­sie­ren und sie mit an­de­ren Län­dern ver­glei­chen, auch die op­ti­mis­ti­schen un­ter ih­nen. Wach­sam­keit und Dis­zi­plin der Ita­lie­ner sol­len um Him­mels wil­len nicht nach­las­sen. Sie sind wohl der wich­tigs­te Grund für die ei­ni­ger­mas­sen gu­ten Wer­te des Lan­des – und da­für, dass sich im All­tag ei­ne neue Nor­ma­li­tät ein­ge­stellt hat.

Den Ita­lie­nern braucht man nicht stän­dig neu zu er­klä­ren, dass die­se Seu­che ei­ne dra­ma­ti­sche Pla­ge ist, dass es jetzt ein­fach wich­tig ist, mal für ei­ne Wei­le auf ei­ni­ge lie­be Ge­wohn­hei­ten zu ver­zich­ten und Ge­sichts­mas­ken zu tra­gen, sich nicht zu her­zen, Dis­tanz zu hal­ten. So weh es tut.

Man er­lebt das im täg­li­chen Le­ben, in den Lä­den, den Re­stau­rants, in Po­st­äm­tern, Trams und Bus­sen: Die Re­fle­xe sind ein­ge­spielt. Über­all ste­hen Des­in­fek­ti­ons­gels, man greift au­to­ma­tisch zu. Fast al­le zie­hen sich Schutz­mas­ken über, so­bald sich die Trot­toirs et­was fül­len. Es kä­me in Ita­li­en auch nie­man­dem in den Sinn, je­man­den schief an­zu­schau­en, nur weil der in ei­ner lee­ren Gas­se Mas­ke trägt. De­mos von Vi­russkep­ti­kern und Geg­nern der Mass­nah­men? Völ­lig mar­gi­nal. Da­für hat man ein­fach zu viel ge­se­hen – zu viel Leid.

Ita­li­en wur­de früh und hart von Co­ro­na ge­trof­fen, vor al­len an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern. Die Ita­lie­ner sind bis heu­te trau­ma­ti­siert von den Bil­dern aus der Lom­bar­dei, den Mi­li­tär­trans­por­tern mit den Lei­chen aus Ber­ga­mo und den Tä­lern im Hin­ter­land, von Am­bu­lan­zen im Stau vor den Ein­gän­gen der Spi­tä­ler. Das Vi­rus, es steck­te auch die See­len an.

Als die ita­lie­ni­sche Re­gie­rung das gan­ze Land in den Lock­down schick­te, frag­te fast nie­mand, ob das rich­tig sei oder ob da wo­mög­lich die Grund­rech­te ein­ge­schränkt wür­den. Es war rich­tig und bas­ta. Die Grund­rech­te sind wich­tig, das Über­le­ben war ge­ra­de wich­ti­ger. Und die Ita­lie­ner sind ge­sund­heits­be­wuss­te Men­schen. Sel­ber wür­den sie sa­gen: «fi­fo­ni», Angst­ha­sen.

Bo­ris John­sons selt­sa­me Ar­gu­men­ta­ti­on

Die Ak­zep­tanz für die har­ten De­kre­te aus dem Bü­ro von Mi­nis­ter­prä­si­dent Gi­u­sep­pe Con­te war im­mer breit, fast ein­hel­lig. Et­wa auch, weil die Ita­lie­ner die Frei­heit we­ni­ger lie­ben als an­de­re Völ­ker? Das denkt Gross­bri­tan­ni­ens Pre­mier Bo­ris John­son. Nach­dem nun auch die «Fi­nan­ci­al Times» über das ita­lie­ni­sche Bei­spiel be­rich­tet hat, sagt John­son: «Un­ser Land ist ei­nes, das die Frei­heit liebt.» Es sei des­halb schwie­rig, dem bri­ti­schen Volk zu sa­gen, dass es sich an Auf­la­gen hal­ten müs­se.

Vi­el­leicht, ent­geg­nen die Ita­lie­ner, lie­ge das auch dar­an, dass John­son selbst, be­vor er sich an­steck­te, nicht ge­ra­de ein Vor­bild war. «Auch wir Ita­lie­ner lie­ben die Frei­heit», liess Staats­prä­si­dent Ser­gio Mat­ta­rel­la aus­rich­ten, «uns ist aber auch Ernst­haf­tig­keit wich­tig.»

Der Staat re­agiert rasch auf In­fek­ti­ons­her­de

Nach dem lan­gen Lock­down hat die ita­lie­ni­sche Re­gie­rung das Land nur Schritt um Schritt ge­öff­net, mit de­tail­lier­ten Pro­to­kol­len für das neue Zu­sam­men­le­ben, und das gilt als zwei­te Er­klä­rung für die nun ver­gleichs­wei­se be­ru­hi­gen­de Ent­wick­lung. Man hat­te Zeit, und für ein­mal nutz­te man sie. So­bald sich jetzt ein In­fek­ti­ons­herd ent­zün­det, re­agiert der Staat schnell.

Wäh­rend der Som­mer­fe­ri­en et­wa steck­ten sich vie­le Men­schen in Clubs und Dis­ko­the­ken auf Sar­di­ni­en an. Die Re­gie­rung schloss al­le Nacht- und Tanz­lo­ka­le im gan­zen Land bis auf wei­te­res und ver­hiess, für den Ge­schäfts­aus­fall auf­zu­kom­men. Wich­tig war aber vor al­lem, dass die Fe­ri­en­rück­keh­rer das Vi­rus nicht über­all auf dem Fest­land aus­brei­te­ten. Ganz ver­mei­den liess sich das nicht. Doch die Dri­ve-through-Test­an­la­gen an den Fähr­hä­fen und die Tes­te­rei an den Flug­hä­fen hal­fen, das Phä­no­men ein­zu­krei­sen.

Re­gie­rungs­be­ra­ter for­dert 300’000 Tests pro Tag

Ein­krei­sen ist ein zen­tra­ler Be­griff. Der ge­fei­er­te rö­mi­sche Mi­kro­bio­lo­ge Andrea Cri­san­ti sieht im «Net­work Tes­ting» den drit­ten Grund für «Ita­li­ens Vor­teil». Im Auf­trag der Re­gi­on Ve­ne­to hat­te Cri­san­ti es in Vo’ Eu­ga­neo durch­ge­führt, ei­nem der ers­ten be­trof­fe­nen Dör­fer im Nor­den des Lan­des, nun ar­bei­tet er für die Zen­tral­re­gie­rung. «Wenn wir in Ita­li­en ei­nen Po­si­ti­ven fin­den», sagt Cri­san­ti, «tes­ten wir so­fort al­le sei­ne Fa­mi­li­en­mit­glie­der und Freun­de, mit de­nen er sich traf, und de­ren Ver­wand­te und Freun­de.» Ein Sys­tem der kon­zen­tri­schen Krei­se.

An­de­re Län­der, et­wa Gross­bri­tan­ni­en, be­schränk­ten sich auf das Con­tact-Tra­c­ing, das ge­he vom ein­zel­nen Kon­takt aus, eher strah­len­för­mig. Für Cri­san­ti tes­tet Ita­li­en al­ler­dings im­mer noch viel zu we­nig: Er for­dert ei­ne Ver­drei­fa­chung, 300’000 pro Tag. Die Sor­ge ist noch lan­ge nicht ver­flo­gen. Doch wenn in den nächs­ten drei Wo­chen die Zah­len nicht sprung­haft stei­gen, über 5000, dann wür­de das heis­sen, dass Ita­li­en auch die Öff­nung der Schu­len und die Wie­der­auf­nah­me des vol­len Ar­beits­be­triebs nach den Fe­ri­en gut ge­meis­tert hat. Dann hät­te der mo­men­ta­ne Mo­dell­fall Ita­li­en vi­el­leicht so­gar das Zeug zum dau­er­haf­ten Lehr­stück.

Der mo­men­ta­ne Mo­dell­fall Ita­li­en wird vi­el­leicht zu ei­nem dau­er­haf­ten Lehr­stück.

Fo­to: Getty Images

Kein Pro­blem: Die Men­schen in Ita­li­en tra­gen Schutz­mas­ken auch im Frei­en, wie zum Bei­spiel auf die­sem Bild aus Nea­pel.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.