Der Un­ter­neh­mer hin­ter dem Künst­ler

Zum Werk Heinz Is­lers Fast 50 Jah­re lang hat der Lan­gen­tha­ler Heinz Bö­si­ger Is­ler-Scha­len auf der gan­zen Welt ge­baut. Und ist so nicht nur zum Ex­per­ten, son­dern auch zum en­gen Freund des Bau­künst­lers ge­wor­den.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Region - Kath­rin Hol­zer

Wir tref­fen uns im Lan­gen­tha­ler Park­ho­tel. Wie oft bin ich wohl schon vor­bei­ge­fah­ren am Be­trieb im Nord­wes­ten der Stadt? Mit mäs­si­ger Be­geis­te­rung hat­te ich hier als Gym­na­si­as­tin die ei­ne oder an­de­re Turn­stun­de ab­sol­viert, da­mals in den 1990ern, als die heu­ti­ge Event­hal­le des Hau­ses noch Ten­nis­hal­le war. Un­wis­send, dass aus­ge­rech­net das leicht an­ge­grau­te Dach über dem un­ge­lieb­ten Ten­nis­feld die Her­zen von In­ge­nieu­ren welt­weit hö­her­schla­gen lässt.

Et­wa 25 Jah­re spä­ter ist es ei­ne Aus­stel­lung im Lan­gen­tha­ler Mu­se­um, die mich die Hal­le mit an­de­rem Blick be­trach­ten lässt. Ge­nau­er: Es ist Heinz Bö­si­ger (84), der mir nun bei ei­nem Glas Was­ser ge­gen­über­sitzt. Auf dem Tisch ein paar Pro­spek­te. In sei­nem Kopf ei­ne Viel­zahl von Er­in­ne­run­gen.

«Heinz Is­ler hat sich ei­ne der in­ter­es­san­tes­ten Fra­gen über­haupt ge­stellt: Wie baut ei­gent­lich die Na­tur?», er­klärt mir der ehe­ma­li­ge Lan­gen­tha­ler Bau­un­ter­neh­mer und lang­jäh­ri­ge Weg­ge­fähr­te des 2009 ver­stor­be­nen Bau­in­ge­nieurs. Und führt mir nach und nach vor Au­gen, was Is­ler, des­sen weit über 300 Dach­kon­struk­tio­nen über den gan­zen Kon­ti­nent ver­streut zu fin­den sind, zu ei­nem so be­son­de­ren Künst­ler mach­te.

Dass er sich als ei­ner der Ers­ten ge­löst ha­be von den ma­the­ma­ti­schen Glei­chun­gen und Re­geln. Dass er sei­ne In­spi­ra­ti­on viel­mehr in der Be­ob­ach­tung der Na­tur fand. In ei­nem ste­ten Aus­pro­bie­ren, ei­nem fort­wäh­ren­den Spiel. Er, der doch hät­te Künst­ler wer­den wol­len. Und dann die Kunst in sei­ne Bau­ten hat ein­flies­sen las­sen. «Ei­nen Poe­ten un­ter den Bau­in­ge­nieu­ren» hat ihn Heinz Bö­si­ger ein­mal ge­nannt.

Das Schlüs­sel­er­leb­nis

Da­bei war die Lan­gen­tha­ler Ten­nis­hal­le nicht Is­lers her­aus­ra­gends­tes Werk. Sein Wer­de­gang war an sich nur ei­nem Zu­fall zu ver­dan­ken. Ein In­ge­nieur hat­te den Zürcher in den frü­hen 1950ern um Rat ge­be­ten bei der Über­da­chung des da­ma­li­gen Kreuz-Saals in Lan­gen­thal. Beim An­blick sei­nes Kopf­kis­sens soll Is­ler da die Idee von der recht­ecki­gen, na­tür­li­chen Hü­gel­form ge­kom­men sein. Ei­ner Bau­form, mit der sich gröss­te Flä­chen mit we­nig Ge­wicht über­da­chen lies­sen. Es war erst die ers­te von wei­te­ren Be­ob­ach­tun­gen in der Na­tur und sei­ner Um­welt, die Is­lers Schaf­fen präg­te. Aber es war eben je­nes Schlüs­sel­er­leb­nis, das sei­nen Weg ent­schei­dend be­stim­men soll­te.

Statt an die Kunst­hoch­schu­le nach Mün­chen ging Is­ler 1954 nach Burg­dorf, wo er im Em­men­scha­chen sein In­ge­nieur­bü­ro auf­bau­te. Von wo aus er nun sei­ne Hal­len, Pa­vil­lons, Häu­ser welt­weit ent­wi­ckel­te. Wo er sein Ver­suchs­la­bor be­trieb. Und wo ein paar Jah­re spä­ter der jun­ge Bau­in­ge­nieur Heinz Bö­si­ger in sei­ne Di­ens­te trat.

Auf der Bau­stel­le in Bütz­berg

Der Lan­gen­tha­ler hat­te Is­ler ken­nen ge­lernt, als die­ser 1955 in

Bütz­berg für Glas Trösch sei­nen ers­ten In­dus­trie­bau rea­li­sier­te. Is­ler war Tüftler und In­ge­nieur, aber an­ders als vie­le Zunft­ge­nos­sen kein Bau­meis­ter. Mit der Um­set­zung be­trau­te er da­her das Un­ter­neh­men von Bö­si­gers Va­ter. Die We­ge der bei­den Na­mens­vet­tern soll­ten erst mit Is­lers Tod wie­der aus­ein­an­der­ge­hen.

Zwar zog es Heinz Bö­si­ger bald zu­rück in den vä­ter­li­chen Be­trieb, den er nun mit sei­nem Bru­der über­nahm. Die Zu­sam­men­ar­beit mit dem ehe­ma­li­gen Chef aber blieb be­ste­hen. Und so war, wenn ir­gend­wo ei­ne Kon­struk­ti­on Is­lers ge­baut wur­de, fast im­mer Lan­gen­tha­ler Bau­hand­werk im Spiel. Wo­bei sei­ne Fir­ma im­mer nur die Scha­len ge­baut ha­be, nie die Ge­samt­ob­jek­te, be­tont Bö­si­ger.

Ge­ra­de zu Be­ginn sei­ner Lauf­bahn sei Is­ler stets in al­len Pha­sen der Um­set­zung auf den Bau­stel­len prä­sent ge­we­sen. Auch des­halb, weil sich Is­ler, der Zeich­ner, ja nur über sei­ne Mo­del­le ha­be ver­stän­di­gen kön­nen, er­in­nert

sich Bö­si­ger. Das ha­be ei­nen in­ten­si­ven Aus­tausch mit dem Un­ter­neh­mer und des­sen Mit­ar­bei­tern er­for­dert. Der Lan­gen­tha­ler wie­der­um wur­de so zum Spe­zia­lis­ten für die is­ler­schen For­men.

Nicht nur Dä­cher ha­ben Bö­si­ger und Is­ler ge­mein­sam ge­schaf­fen. Auch Künst­ler zo­gen die bei­den bei, wenn es um die Um­set­zung grös­se­rer skulp­tu­ra­ler Wer­ke ging, bei de­nen Is­lers Scha­len­kunst ge­fragt war. Et­wa der 2007 ver­stor­be­ne Spa­nier An­gel Duar­te, des­sen Mo­nu­men­tal­skulp­tur seit 1979 vor der Lan­gen­tha­ler Ge­wer­be­schu­le thront.

Da­bei reich­te die Be­zie­hung zwi­schen Is­ler und Bö­si­ger weit über das Fach­li­che hin­aus. Über al­les ha­be man sich mit Is­ler un­ter­hal­ten kön­nen, sagt Bö­si­ger. Und la­chen. Das Kind­li­che ha­be sich der Freund stets be­wahrt. Sei es, wenn er über sein Ver­suchs­feld in der Em­men­mat­te ei­ne im­po­san­te Mo­dell­ei­sen­bahn hat fah­ren las­sen. Oder wenn er spä­te­re Auf­trag­ge­ber mit teils ganz un­kon­ven­tio­nel­len

Me­tho­den von sei­nen Ide­en zu über­zeu­gen ver­moch­te.

Gar­ten­cen­ter auf Tisch­tuch

Bö­si­ger er­zählt et­wa vom Gar­ten­cen­ter Wyss im so­lo­thur­ni­schen Zuch­wil, des­sen Plä­ne Is­ler bei ei­nem Es­sen in Bern auf ein Pa­pier­tisch­tuch skiz­ziert hat­te. «Die wohl gröss­te Hür­de bei die­sem Bau war, die Ser­vier­toch­ter da­von zu über­zeu­gen, dass wir das Tisch­tuch mit­neh­men durf­ten.»

Auch an den Bau des Me­re­tOp­pen­heim-Brun­nens auf dem Ber­ner Wai­sen­haus­platz in den frü­hen 1980ern – we­gen der dar­un­ter lie­gen­den Tief­ga­ra­ge war auch hier ei­ne Kon­struk­ti­on mit mög­lichst we­nig Ge­wicht ge­fragt – er­in­nert sich Bö­si­ger noch gut: ein «Lan­gen­tha­ler Bau­werk» ei­gent­lich, wie sein da­ma­li­ger Mau­rer­lehr­ling, der heu­te schweiz­weit be­kann­te Au­tor Pe­dro Lenz, einst pas­send be­merkt ha­be.

Und dann war da na­tür­lich der Bau des BP-Tank­stel­len­dachs bei der Mö­ven­pick-Au­to­bahn­rast­stät­te

in Deit­in­gen-Süd mit ih­rer in ganz Eu­ro­pa be­kann­ten, schein­bar schwe­re­lo­sen Kon­struk­ti­on in Form ei­ner flie­gen­den Möwe. Je­nem Bau­werk, des­sen ge­plan­ter Ab­riss 1999 lan­des­weit für Auf­se­hen sorg­te und das heu­te un­ter Denk­mal­schutz steht.

Eh­ren­dok­tor

Die ETH Zü­rich ver­lieh Is­ler 1983 den Eh­ren­dok­tor. Die Hoch­schu­le war es auch, die vor gut zwei Jah­ren auf Heinz Bö­si­ger zu­ge­kom­men ist – und da­mit die ak­tu­el­le Aus­stel­lung in Lan­gen­thal in­di­rekt aus­ge­löst hat. «Ich bin ja in mei­nem ho­hen Al­ter ge­wiss nicht her­um­ge­lau­fen und ha­be die­se Aus­stel­lung ge­sucht», sagt der 84-Jäh­ri­ge.

Viel­mehr war es ein in­ter­na­tio­na­ler Fach­kon­gress über die her­aus­ra­gen­den Ex­po­nen­ten des Be­ton­scha­len­baus im 20. Jahr­hun­dert, in den auch der Lan­gen­tha­ler in­vol­viert war. Das ei­ne ha­be dar­auf­hin das an­de­re er­ge­ben, sagt Bö­si­ger. Über den ehe­ma­li­gen Stadt­pla­ner Franz-Jo­sef Fel­der ge­lang­te er ans Mu­se­um.

Und es ent­stand schliess­lich die ak­tu­el­le Werk­schau «Na­tür­li­cher Schwung».

Die lan­ge Vor­be­rei­tung, der Co­ro­na-be­dingt ver­spä­te­te Start der Aus­stel­lung: Es sei schon ei­ne auf­wüh­len­de Zeit für ihn, sagt Heinz Bö­si­ger. Vie­les ha­be er ver­ges­sen ge­habt nach all den Jah­ren, hät­ten erst die Kis­ten wie­der zum Vor­schein ge­bracht, die nun schon seit Mo­na­ten zwei gan­ze Zim­mer ver­sperr­ten da­heim in Scho­ren. «Vie­le Leu­te von da­mals sind nicht mehr da», so ha­be ihm die Re­cher­che auch die Ver­gäng­lich­keit vor Au­gen ge­führt, die al­lem in­ne­wohnt.

Ein Lä­cheln huscht über Heinz Bö­si­gers Ge­sicht. Je­des Ob­jekt, je­des Pro­jekt mit Is­ler, all die Be­rich­te und Ver­trä­ge sei­en im­mer ei­ne Berg­tour ge­we­sen mit ein­fa­chen, aber auch schwie­ri­gen Pas­sa­gen, sagt er. «Aber oben an­ge­kom­men, ist es die Freu­de, die bleibt.» Und Dä­cher von be­son­de­rer Form und Leich­tig­keit, die wo­mög­lich noch so man­che Ge­ne­ra­ti­on über­dau­ern wer­den.

Fo­to: Beat Ma­thys

Das Dach der Ten­nis­hal­le Lan­gen­thal mit sei­nen Aus­läu­fern war nur ei­nes von vie­len, das Heinz Bö­si­ger mit Heinz Is­ler ge­baut hat.

Fo­to: PD

Fast ein hal­bes Jahr­hun­dert ha­ben der Burg­dor­fer In­ge­nieur und das Lan­gen­tha­ler Bau­un­ter­neh­men zu­sam­men­ge­ar­bei­tet.

Fo­to: Bri­git­te Ma­thys

Das wohl be­kann­tes­te Werk Heinz Is­lers: Die Scha­len­kon­struk­ti­on über der Au­to­bahn­rast­stät­te Deit­in­gen Süd.

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