Ein ver­stö­ren­des Spek­ta­kel um die Gins­burg-Nach­fol­ge

Die Wah­len der Obers­ten Rich­ter in den USA sind über­po­li­ti­siert. Will­kür und Zy­nis­mus be­schä­di­gen den Su­pre­me Court. Ei­ne Re­form wä­re über­fäl­lig.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Ausland - Ni­co­las Rich­ter

Der Vor­stoss war ei­ner Dik­ta­tur wür­dig: Weil der Staats­prä­si­dent im Dau­er­streit mit dem Obers­ten Ge­richt lag, woll­te er dort ein hal­bes Dut­zend wei­te­rer Rich­ter ein­set­zen, um Ur­tei­le in sei­nem Sin­ne zu er­zwin­gen. Die­se Epi­so­de klingt nach Mi­li­tär­re­gime, stammt aber aus den USA: Fran­klin D. Roo­se­velt ziel­te da­mit 1937 auf den Su­pre­me Court. Weil selbst Par­tei­freun­de em­pört wa­ren, schei­ter­te die Jus­tiz­kor­rek­tur.

Auch in De­mo­kra­ti­en lau­ert stets die Ver­su­chung, dem Recht auf die Sprün­ge zu hel­fen. Seit dem Tod der Rich­te­rin Ruth Ba­der Gins­burg droht nun dem Su­pre­me Court Un­ge­mach. Nach­dem Wa­shing­tons Po­li­ti­ker den Ruf von Exe­ku­ti­ve und Le­gis­la­ti­ve rui­niert ha­ben, knöp­fen sie sich nun ei­ne der ehr­wür­digs­ten In­sti­tu­tio­nen der west­li­chen Welt vor.

Das Ge­richt hat be­harr­lich die Frei­heit ver­tei­digt und war stets die letz­te In­stanz, in der sich un­ter Strei­ten­den noch Ge­mein­sam­kei­ten fin­den lies­sen – und sei es nur die Be­reit­schaft al­ler, das fi­na­le Ur­teil hin­zu­neh­men. Nun steht in­fra­ge, ob das so bleibt. Das ver­stö­ren­de Spek­ta­kel um Gins­burgs Nach­fol­ge dürf­te ei­ne blei­ben­de War­nung sein vor der Ver­ein­nah­mung der Jus­tiz durch Par­tei­po­li­tik. Der Kon­flikt schwelt seit 1973, als der Su­pre­me Court Frau­en ein Recht auf Ab­trei­bung zu­ge­stand. Der christ­lich-kon­ser­va­ti­ve Teil Ame­ri­kas hat dar­in im­mer ei­ne Ur­sün­de ge­se­hen, auch weil sich aus sei­ner Sicht das Ge­richt zum Ge­setz­ge­ber auf­ge­schwun­gen hat­te. Bald be­schlos­sen die Re­pu­bli­ka­ner, ei­ne kon­ser­va­ti­ve­re Ge­sell­schaft auch über die Ge­rich­te her­bei­zu­füh­ren.

Den Rich­ter­kan­di­da­ten der De­mo­kra­ten un­ter­stell­ten sie im­mer öf­ter, die­se ver­folg­ten ei­ne lin­ke Agen­da, was zu To­tal­blo­cka­den bei der Be­stä­ti­gung neu­er Rich­ter führ­te. Die De­mo­kra­ten senk­ten schliess­lich ent­nervt die not­wen­di­ge Zwei­drit­tel­mehr­heit für Bun­des­rich­ter im Se­nat auf ei­ne ein­fa­che Mehr­heit. Da­mit wur­de ein Kon­sens, den es eh nicht mehr gab, noch we­ni­ger not­wen­dig.

Weil die Po­li­tik im­mer po­la­ri­sier­ter wur­de und Prä­si­dent und Kon­gress ein­an­der im­mer öf­ter blo­ckier­ten, wuchs die Be­deu­tung der Ju­di­ka­ti­ve noch – als ein­zi­ge ent­schei­dungs­fä­hi­ge In­stanz. So er­lang­ten et­li­che Ur­tei­le des Su­pre­me Court ei­ne Trag­wei­te, die einst Ge­set­zen vor­be­hal­ten war, was die Par­tei­en noch mehr da­zu an­sporn­te, sich die Macht am Ge­richt zu si­chern.

Weil die Rich­te­rin­nen und Rich­ter ei­gen­wil­li­ge Per­sön­lich­kei­ten sind, stim­men sie zwar nicht im­mer im Sin­ne ih­rer Par­tei, aber ge­ra­de des­halb ach­ten be­son­ders die Re­pu­bli­ka­ner dar­auf, dass ih­re Kan­di­da­ten ideo­lo­gisch zu­ver­läs­sig sind.

Mit der re­la­ti­ven Aus­ge­wo­gen­heit, die sich der Su­pre­me

Court zu­letzt noch be­wahrt hat, dürf­te es al­so weit­ge­hend vor­bei sein. Prä­si­dent Do­nald Trump und sei­ne Par­tei wol­len Gins­burg rasch durch ei­ne Kon­ser­va­ti­ve er­set­zen und wür­den dann über ei­ne be­que­me Mehr­heit von sechs zu drei am Obers­ten Ge­richt ver­fü­gen. Die Re­pu­bli­ka­ner im Se­nat ver­stos­sen da­mit ge­gen ih­re ei­ge­ne «Re­gel», wo­nach im Wahl­jahr kei­ne Rich­ter be­stä­tigt wer­den. 2016 half ih­nen die­se Re­gel, ei­nen de­mo­kra­ti­schen Rich­ter zu ver­hin­dern, heu­te stört die Re­gel, al­so ver­schwin­det sie wie­der.

Die­se Mi­schung aus Will­kür und Zy­nis­mus be­schä­digt den Ruf von Ge­richt und Po­li­tik, wo­bei das Ge­richt, im Ge­gen­satz zu man­chem Strip­pen­zie­her im Ca­pi­tol, tat­säch­lich ei­nen Ruf zu ver­lie­ren hat.

Die Re­pu­bli­ka­ner fie­bern nun dem er­sehn­ten Er­folg ent­ge­gen: Mit dem Su­pre­me Court kön­nen sie das Land auch dann noch steu­ern, wenn sie Weis­ses Haus und Se­nats­mehr­heit ver­lie­ren soll­ten. Der Su­pre­me Court könn­te zum Bei­spiel Ba­rack Oba­mas Ge­sund­heits­re­form oder so­gar das Ab­trei­bungs­ur­teil zer­schla­gen. Trump, der sich um In­sti­tu­tio­nen so we­nig schert wie um die Wahr­heit, dürf­te das egal sein: Ihm geht es nur dar­um, zu ge­win­nen und sich für mög­li­chen ju­ris­ti­schen Streit nach der Prä­si­den­ten­wahl zu rüs­ten.

Al­ler­dings dürf­te die Re­prä­sen­ta­ti­vi­tät des Su­pre­me Court nun dau­er­haft in­fra­ge ste­hen, vor al­lem für die Wäh­ler der De­mo­kra­ten, die im Land die Mehr­heit stel­len. Er­war­tungs­ge­mäss for­dern nun im­mer mehr De­mo­kra­ten Ra­che, et­wa in­dem man neue Rich­ter­stel­len am Su­pre­me Court schafft und sie mit Lin­ken be­setzt. Fans der Se­rie «Hou­se of Cards» mö­gen das für an­ge­mes­se­ne Ver­gel­tung hal­ten.

Die In­sti­tu­ti­on aber wür­de es un­heil­bar be­schä­di­gen. Letz­te In­stanz im Staat wä­re dann die po­li­ti­sche Par­tei, die ge­ra­de die bes­se­ren Tricks auf La­ger hat. Und ir­gend­wann wür­de sich ei­ne US-Re­gie­rung dann schlicht wei­gern, sich den Ur­tei­len des Su­pre­me Court zu beu­gen. Ei­ne Re­form der über­po­li­ti­sier­ten Rich­ter­wahl wä­re al­so ge­bo­ten.

Selbst ruhm­rei­che Ver­fas­sungs­ge­rich­te kön­nen Ge­sell­schaf­ten nicht zu­sam­men­hal­ten, die nicht mehr zu­sam­men­hal­ten wol­len. Hält man die An­hän­ger der je­weils an­de­ren Par­tei grund­sätz­lich für fehl­ge­lei­tet oder gar nie­der­träch­tig, er­klärt man die Jus­tiz nur dann für le­gi­tim, wenn dort die ei­ge­nen Leu­te das Sa­gen ha­ben.

Fo­to: Man­del Ngan (AFP)

Der Su­pre­me Court mit der ver­stor­be­nen Ruth Ba­der Gins­burg in der vor­de­ren Rei­he.

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