«Die Par­tei braucht wie­der Er­fol­ge»

Nie­der­la­ge der SVP Nach dem Nein zur Be­gren­zungs­in­itia­ti­ve gibt es auch par­tei­in­tern Kri­tik.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Schweiz - Clau­dia Blu­mer und Gregor Po­let­ti

Jung­so­zia­lis­ten er­laub­ten sich am Ab­stim­mungs­sonn­tag ei­nen Scherz. Sie be­such­ten das Re­stau­rant Röss­li in Rothrist LU, wo die SVP ih­ren Ab­stim­mungs-Höck ab­hielt, und zeig­ten ein Trans­pa­rent mit der Auf­schrift «Der SVP die letz­te Eh­re er­wei­sen».

Von ei­ner Be­er­di­gung zu spre­chen, ist al­ler­dings ver­fehlt. Die SVP ist mit über 25 Pro­zent Wäh­ler­an­teil im­mer noch die mit Ab­stand meist­ge­wähl­te Par­tei des Lan­des. Doch in letz­ter Zeit ver­zeich­ne­te sie rei­hen­wei­se Miss­er­fol­ge, bei Wah­len eben­so wie bei Ab­stim­mun­gen. Die mit 61,7 Pro­zent Nein-Stim­men ver­wor­fe­ne Be­gren­zungs­in­itia­ti­ve ist das jüngs­te Bei­spiel. Sie ist das sechs­te aus­län­der­kri­ti­sche Volks­be­geh­ren der SVP, das an der Ur­ne schei­tert. Den­noch will die Par­tei­lei­tung am Aus­län­der­the­ma fest­hal­ten, wie Prä­si­dent Mar­co Chie­sa und Kam­pa­gnen­lei­te­rin Es­t­her Fried­li am Ab­stim­mungs­sonn­tag sag­ten. «Das The­ma Zu­wan­de­rung wird auf je­den Fall auf der po­li­ti­schen Agen­da blei­ben», be­ton­ten sie. Frak­ti­ons­prä­si­dent Tho­mas Ae­schi kehrt das Nein ins Po­si­ti­ve: Vier von zehn Schwei­zern hät­ten zu­ge­stimmt.

In der Par­tei­ba­sis will man sich mit sol­chen Pa­ro­len nicht ab­spei­sen las­sen. Die SVP Schweiz be­nö­ti­ge «drin­gend ei­ne ge­sun­de Selbst­re­fle­xi­on», twit­ter­te bei­spiels­wei­se Pas­cal Mes­ser­li, Frak­ti­ons­prä­si­dent der SVP Ba­sel. Der St. Gal­ler Na­tio­nal­rat Lu­kas Rei­mann sagt, die SVP brau­che wie­der Er­fol­ge. Sonst wür­den Mo­ti­va­ti­on und En­ga­ge­ment lei­den. «Jetzt muss die Par­tei über die Bü­cher ge­hen, ei­ne Chropf­lää­re­te ist an­ge­zeigt», sagt der Na­tio­nal­rat.

Rei­mann will, dass die SVP nicht nur auf die Zu­wan­de­rung fo­kus­siert, son­dern auch an­de­re Dos­siers vor­an­treibt. Die­ser An­sicht ist auch der Schwy­zer SVPS­tän­de­rat Alex Kuprecht. Die Par­tei kon­zen­trie­re sich sehr ein­sei­tig auf die bi­la­te­ra­len Be­zie­hun­gen zur EU. Sie müs­se brei­ter wer­den. Auch die AHV ha­be sie bei­spiels­wei­se «ziem­lich küm­mer­lich» in An­griff ge­nom­men.

«Die SVP wird nicht mehr so viel Macht be­kom­men»

Tat­säch­lich lässt das The­ma Mi­gra­ti­on die Schwei­zer Stimm­be­rech­tig­ten käl­ter als auch schon. Wäh­rend es bei der Nach­wahl­be­fra­gung von 2015 noch an ers­ter Stel­le stand, spiel­te es 2019 ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le, wie Po­li­to­lo­ge Micha­el Her­mann sagt. «Der Bruch er­folg­te 2016, mit der Durch­set­zungs­in­itia­ti­ve.» Den letz­ten gros­sen Er­folg fei­er­te die SVP 2014, als das Volk die Mas­sen­ein­wan­de­rungs­in­itia­ti­ve über­ra­schend an­nahm.

Die gros­se Wachs­tums­pha­se der SVP be­gann in den Neun­zi­ger­jah­ren und dau­er­te bis 2007. Da­mals, vor rund 30 Jah­ren, wa­ren Bun­des­rat und Par­la­ment laut Her­mann in der Aus­län­de­r­und Mi­gra­ti­ons­po­li­tik viel li­be­ra­ler ein­ge­stellt als heu­te. Bei der Be­völ­ke­rung sei da­durch ein Un­mut ent­stan­den, den die SVP ge­nutzt ha­be. Heu­te sei es um­ge­kehrt: «Das Rah­men­ab­kom­men wird laut ei­ner GFS-Um­fra­ge be­für­wor­tet. Hin­ge­gen hält die Po­li­tik das Ab­kom­men für tot. Igna­zio Cas­sis ist mitt­ler­wei­le der ein­zi­ge Bun­des­rat, der es be­für­wor­tet. Man muss sich das ein­mal vor­stel­len.»

Die Miss­er­fol­ge der SVP lä­gen nicht nur am Fo­kus auf das Aus­län­der­the­ma, sagt Her­mann. Son­dern an den heu­ti­gen Rah­men­be­din­gun­gen. «Frü­her po­li­ti­sier­ten die Par­tei­en teil­wei­se an ih­rer Ba­sis vor­bei, das hat die SVP ge­nutzt. Heu­te wis­sen die Par­tei­en auch dank Da­ten­tech­nik ge­nau, wie ih­re Ba­sis tickt. Da­mit wird die SVP nicht mehr die Macht be­kom­men, die sie jah­re­lang hat­te.»

His­to­ri­ker Hans-Ulrich Jost hat sich wis­sen­schaft­lich ein­ge­hend mit dem Er­folg der SVP aus­ein­an­der­ge­setzt. In den Neun­zi­gern ha­be er be­fürch­tet, dass die SVP wie einst der Frei­sinn die Schweiz wäh­rend ei­nes Jahr­hun­derts re­gie­ren wer­de, sagt Jost. Doch es kam an­ders.

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