Der Ro­man

BZ Langenthaler Tagblatt - - Unterhaltu­ng -

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«Au­cu­ne idée. Er ist eben ein ko­mi­scher Kauz und zu lan­ge al­lei­ne hier oben.» Chan­tal schnitt ein Brot in Schei­ben, die sie auf zwei Ser­vier­körb­chen ver­teil­te. «Er ist nur …»

«Was mei­nen Sie?», frag­te Co­ra.

«Es ist merk­wür­dig, dass Sie ihm be­geg­net sind. Nor­ma­ler­wei­se geht Brand um die­se Ta­ges­zeit nicht ins Tal hin­un­ter.»

«Ken­nen Sie je­den sei­ner Schrit­te?»

«Er ist ein Mör­der, der in un­se­rer Nach­bar­schaft lebt. So ei­nen be­hält man bes­ser im Au­ge.»

Der Kaf­fee hat­te aus­ge­zeich­net ge­schmeckt, ob­wohl Co­ra seit Jah­ren kei­nen Fil­ter­kaf­fee mehr ge­trun­ken hat­te. Sie stell­te die Tas­se in das Spül­be­cken. «Könn­te ich heis­ses Was­ser ha­ben, da­mit ich mich wa­schen kann?», bat sie Chan­tal.

«Wol­len Sie nicht du­schen?» «Oh­ne Strom? Na­tur­nä­he schön und gut, aber das ist mir zu kalt.»

Chan­tal lä­chel­te. «Ne­ben mei­ner Kam­mer gibt es ei­ne Du­sche mit gas­be­trie­be­nem Was­serer­hit­zer. Sie dür­fen sie ger­ne be­nut­zen, bis der Strom wie­der da ist. Sa­gen Sie es auch den bei­den an­de­ren Frau­en, aber bit­te nur ih­nen. Ich will kei­ne Män­ner in mei­ner Du­sche. Die sol­len sich an ih­ren Wasch­be­cken wa­schen.»

Co­ra wä­re ihr am liebs­ten um den Hals ge­fal­len. «Ich ho­le mein Dusch­zeug.»

Auf der Trep­pe be­geg­ne­te ihr Si­byl­le. Sie sah über­näch­tigt aus. Schwar­ze Rän­der un­ter­mal­ten ih­re Au­gen. Das sonst luf­tig lo­cke­re Haar war matt und sträh­nig.«Schlecht ge­schla­fen?», frag­te Co­ra. «Das ist mas­siv un­ter­trie­ben. Ich ha­be kaum ein Au­ge zu­ge­tan. Wenn es mir kurz ge­lang, sah ich Mat­teo und Ri­chi vor mir.»

Erst jetzt fiel Co­ra auf, dass Si­byl­le ei­ne leuch­tend grü­ne Wind­ja­cke und Wan­der­ho­sen trug. An den Füs­sen hat­te sie so­li­de Schu­he. «Willst du nach draus­sen? Bei die­sem Sturm?»

«Ich muss mal fri­sche Luft schnap­pen. Hier drin fällt mir dem­nächst die De­cke auf den Kopf. Und dann das stän­di­ge Ge­jam­mer von Mag­da­le­na, die sich an mei­ner Schul­ter aus­weint, nur um sich kurz dar­auf über al­les zu be­kla­gen. Ich mag sie ja sonst, aber im Mo­ment nervt sie mich zwi­schen­durch schau­der­haft. Sie macht mir Vor­wür­fe, weil ich sie über­re­det ha­be mit­zu­kom­men.»

«Sie war seit je­her zart­be­sai­tet», sag­te Co­ra, «ob­wohl sie heu­te die taf­fe grü­ne Kan­tons­rä­tin mar­kiert.»

«Muss sie auch. Im So­lo­thur­ner Par­la­ment kom­men ge­ra­de mal acht­und­zwan­zig Frau­en auf die hun­dert Sit­ze. Vor zwan­zig Jah­ren wa­ren es fast dop­pelt so vie­le.»

«Da­mals zähl­te der Rat hun­dert­fünf­zig Mit­glie­der», sag­te Co­ra. «Die Quo­te hat sich seit­her ver­schlech­tert. Frau muss kämp­fen, da­mit sie sich ge­gen­über den Män­nern be­haup­ten kann.»

Die Frau­en soll­ten an­fan­gen, sich die An­er­ken­nung zu neh­men, an­statt stän­dig zu jam­mern, sie nicht zu er­hal­ten, dach­te Co­ra, oh­ne es aus­zu­spre­chen. «Da­mit hast du an­schei­nend kei­ne Pro­ble­me – mit der An­er­ken­nung, mei­ne ich.»

«Im­mer­hin weiss ich, wie die Ker­le ti­cken.»

«Läuft das Ge­schäft mit dei­ner … Part­ne­r­agen­tur gut?»

Falls sie die Iro­nie in der Fra­ge be­merkt hat­te, liess Si­byl­le es sich nicht an­mer­ken. «Bin zu­frie­den. Die Klicks auf die Web­site sind in den letz­ten sechs Mo­na­ten um dreis­sig Pro­zent ge­stie­gen. Ich ha­be ei­ne Markt­lü­cke in un­se­rer Re­gi­on ent­deckt.»

«Wel­che Markt­lü­cke meinst du? Die­je­ni­ge der kurz­fris­ti­gen oder der lang­fris­ti­gen Kon­tak­te?»

Co­ra gönn­te sich den klei­nen Tri­umph, Si­byl­le län­ger als ei­nen Wim­pern­schlag in Sprach­lo­sig­keit ver­setzt zu ha­ben.

«Du bist ein Lu­der, Co­ra», sag­te sie, nach­dem sie ih­re Fas­sung wie­der­ge­won­nen hat­te. «Die ge­bo­re­ne Jour­na­lis­tin. Dir kann man nichts vor­ma­chen.» «Ist Be­stand­teil mei­nes Job­pro­fils.

Du be­treibst ei­ne On­li­neE­s­cort­agen­tur, nicht wahr?»

«Ich muss­te di­ver­si­fi­zie­ren.» Si­byl­le zeich­ne­te An­füh­rungs­zei­chen in die Luft. «So­ge­nann­te ’se­riö­se’ Part­ner­ver­mitt­lun­gen gibt es wie Sand am Meer. Zu An­fang lief es ganz an­nehm­bar. Dann brach das Ge­schäft ein. Bil­li­ge On­li­ne-An­bie­ter mit ge­fak­ten oder si­mu­lier­ten Pro­fi­len. Du weisst, wie es ist: Wenn’s mies läuft, un­ter­stützt dich kei­ner. Ich ha­be mir sel­ber ge­hol­fen, und es hat funk­tio­niert. Heu­te bin ich der Uber un­ter den Es­cort-Agen­tu­ren. Ich ha­be so­gar ei­ne App ent­wi­ckeln las­sen, willst du mal se­hen?» Sie zog ihr Han­dy her­vor, um es mit ei­ner frus­trier­ten Ges­te gleich wie­der ein­zu­ste­cken. «Funk­tio­niert ja nicht hier oben.»

«Zum Glück bin ich kein Mann, der ge­ra­de jetzt und hier ein ge­wis­ses Be­dürf­nis ver­spürt.»

«Wenn du willst, ich ver­mitt­le auch Män­ner an Frau­en oder Frau­en an Frau­en. Mel­de dich, falls du mal was in die­ser Rich­tung brauchst. Du glaubst es viel­leicht nicht, aber un­ter mei­nen Stamm­kun­den gibt es ei­ni­ge ge­ho­be­ne Da­men.» Si­byl­le ver­ge­wis­ser­te sich rasch mit ge­spielt ver­schwö­re­ri­scher Mie­ne, dass sie nicht be­lauscht wur­den. «Aus­ser­dem wärst du nicht die Ein­zi­ge hier, die mei­ne Diens­te be­an­sprucht, wenn du ver­stehst, was ich mei­ne.»

Co­ra konn­te sich nicht vor­stel­len, dass Lu­di­vi­ne oder Mag­da­le­na die Diens­te ei­ner Es­cort­agen­tur in An­spruch nah­men, eben­so we­nig Riz­zar­di. Bloch viel­leicht. Am ehes­ten kam für sie Gam­per da­für in Fra­ge.

«Wie ich ges­tern schon sag­te: Ich ha­be, was ich be­nö­ti­ge.» Co­ra mach­te An­stal­ten, wei­ter­zu­ge­hen. Be­vor sie die nächs­te Trep­pen­stu­fe ge­nom­men hat­te, dreh­te sie sich zu Si­byl­le um. «Der Vor­fall vor, wann war das, vor fünf oder sechs Mo­na­ten? Ei­ne jun­ge Frau, we­nig mehr als zwan­zig Jah­re alt, wur­de von drei Frei­ern bru­tal ver­ge­wal­tigt und zu­sam­men­ge­schla­gen. Rund zwei Mo­na­te spä­ter be­ging sie in der Psychi Lan­gen­dorf Selbst­mord. Sie ar­bei­te­te als On­li­neE­s­cort. Doch nicht et­wa für dei­ne Agen­tur?»

Fort­set­zung folgt

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