Der Kampf ei­nes Ath­le­ten ge­gen Krebs

Er war jung, stark und er­folg­reich. Dann er­hielt Schwin­ger Heinz Ha­beg­ger ei­ne nie­der­schmet­tern­de Dia­gno­se: Krebs. Doch er hat ge­kämpft – und ge­siegt.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseit­e - Mar­kus Zah­no

Der 35-jäh­ri­ge Schwin­ger Heinz Ha­beg­ger er­zählt an sei­nem Lieb­lings­ort un­ter ei­nem Berg­ahorn von der schwie­rigs­ten Zeit sei­nes Le­bens.

Es gab ei­ne Zeit, da sass Heinz Ha­beg­ger fast je­den Tag hier. Beim mäch­ti­gen, al­ten Berg­ahorn vor dem Haus sei­ner El­tern. Hier, wo man nichts hört aus­ser den Glöck­lein der Geis­sen und den Strom­stös­sen des Vieh­hü­ters, nimmt der 35-Jäh­ri­ge Platz und lehnt sich an den Stamm des Bau­mes. «Das hier», sagt er, «ist für mich ein Kraf­t­ort.»

Heinz Ha­beg­ger wohnt auf Höhs­tul­len, weit oben in der Ge­mein­de Trub, auf hal­ber Stre­cke zwi­schen Fank­haus und dem Napf. Er führt ei­nen Bau­ern­be­trieb mit 25 Kü­hen – und ist ein er­folg­rei­cher Schwin­ger. 29 Krän­ze hat er in sei­ner Kar­rie­re be­reits ge­won­nen, die meis­ten bis und mit 2014.

Dann kam 2015, das Jahr, das sein Le­ben ver­än­der­te. Der durch­trai­nier­te Ath­let fühl­te sich auf ein­mal selt­sam schlapp. Er kam schon bei klei­nen An­stren­gun­gen aus­ser Atem, sah bleich aus. Al­so ging er zum Haus­arzt. Nach Blut­ent­nah­men und wei­te­ren Ab­klä­run­gen er­hielt er schliess­lich die Dia­gno­se: Darm­krebs. Be­reits drei Ta­ge spä­ter wur­de er ope­riert, bald dar­auf be­gann die Che­mo­the­ra­pie, die den gan­zen Som­mer dau­er­te. Rasch sei die Kraft zu­rück­ge­kehrt, er­zählt Ha­beg­ger, «ich moch­te wie­der es­sen und wie­der ‹wär­che›». Zwi­schen den Che­mo­the­ra­pie-Ses­sio­nen ar­bei­te­te er im Stall und half so­gar, die Woh­nung sei­ner El­tern um­zu­bau­en. Abends sei er je­weils tod­mü­de ins Bett ge­sun­ken und ha­be so­fort ein­schla­fen kön­nen. «So hat­te ich kaum Zeit, an der Krank­heit her­um­zu­stu­die­ren.»

Die emo­tio­na­le Rück­kehr

Die Zeit nach­zu­den­ken, sie kam erst spä­ter. Im fol­gen­den Jahr, als die Krank­heit be­siegt und Ha­beg­ger wie­der voll in den Schwing­sport ein­ge­stie­gen war. Da wur­de ihm be­wusst, wie vie­le Men­schen an Krebs ster­ben, wie gross das Glück ist, das er ge­habt hat. Er er­in­nert sich noch gut an ein Er­leb­nis am Eid­ge­nös­si­schen Schwing­fest 2016 in Es

ta­vay­er. Am Sonn­tag, nach dem Fest, sass Ha­beg­ger in der Gar­de­ro­be und be­gann zu wei­nen, «z lu­ter Was­ser», wie er sagt. «Ich war über­wäl­tigt, so weit ge­kom­men zu sein.»

Heinz Ha­beg­ger spricht mit tie­fer, kräf­ti­ger Stim­me. Manch­mal hält er in­ne, über­legt, fährt dann wei­ter. Heu­te ge­he es ihm gut, sehr gut, sagt er. Al­le drei Mo­na­te muss er zum Haus­arzt in die Kon­trol­le, seit die­sem Früh­ling – fünf Jah­re nach dem Be­fund – gilt er me­di­zi­nisch als ge­heilt. Die Krank­heit ha­be ihn ge­lehrt, de­mü­tig zu sein. Wenn er heu­te beim Berg­ahorn sei­ner El­tern sit­ze, emp­fin­de er gros­se Dank­bar­keit, sagt er. «Frü­her war in mei­nem Le­ben al­les ‹Hüü Tüü­fu!› Jetzt weiss ich, dass man ab und zu brem­sen und das Le­ben geniessen muss.»

Das Gras beim Berg­ahorn ist noch nass vom Tau. Der Him­mel ist ver­han­gen, doch all­mäh­lich drückt die Son­ne zwi­schen den Wol­ken her­vor. Bei schö­nem Wet­ter reicht die Aus­sicht hier bis auf den Pi­la­tus und die Ber­ner Al­pen, und na­tür­lich auf das Napf­ge­biet mit dem Nie­der- und dem Hochän­zi. Heinz Ha­beg­gers

Hof liegt ein paar Hun­dert Me­ter un­ter­halb des Hau­ses der El­tern. 2015 hat er das Hei­met über­nom­men, das mit 46 Hekt­aren Land und 36 Hekt­aren Wald zu den grös­se­ren in der Ge­gend zählt. Zum Be­trieb ge­hö­ren nebst den 25 Kü­hen auch ein Mu­ni und 30 Trut­häh­ne, zu­dem Som­mer­stäl­le mit Platz für 45 Gus­ti.

Kla­gen, dass man mit der Land­wirt­schaft im­mer we­ni­ger Geld ver­die­ne, mag Ha­beg­ger nicht. Er er­zählt, wie er den Be­trieb 2016 auf pfle­ge­leich­te­re Mut­ter­kü­he um­ge­stellt und 2017 ei­nen mo­der­nen Lauf­stall ge­baut hat. So kann er ra­tio­nell ar­bei­ten, den Hof oh­ne ex­ter­ne An­ge­stell­te füh­ren. Und wenn viel Ar­beit an­steht, hat er Leu­te um sich her­um, die hel­fen, die El­tern, der On­kel oder der Bru­der et­wa.

Zur Fa­mi­lie zählt auch Heinz Ha­beg­gers Freun­din, die auf den 1. Ja­nu­ar bei ihm ein­zie­hen wird.

Er freut sich auf die­sen Tag, das sieht man ihm an. Eben­falls ein emo­tio­na­ler Tag könn­te der 17. Ju­li 2021 wer­den, der Tag, an dem der Abe­schwin­get Fank­haus auf dem Pro­gramm steht. Dort möch­te er sei­ne Kar­rie­re als Ak­ti­ver be­en­den. Ei­gent­lich hät­te er be­reits am Abe­schwin­get 2020 auf­hö­ren wol­len, doch dann kam Corona. Die Sai­son fiel ins Was­ser. «Es ist ein ei­gen­ar­ti­ges Ge­fühl, das gan­ze Jahr zu trai­nie­ren und kei­nen ein­zi­gen Wett­kampf be­strei­ten zu kön­nen.»

Ha­beg­ger möch­te un­be­dingt an ei­nem Schwing­fest ab­tre­ten. Und er will nicht «ein­fach noch ein biss­chen mit­schwin­gen», son­dern bis zu­letzt um die Krän­ze kämp­fen. Des­halb wird er im kom­men­den Win­ter noch­mals voll trai­nie­ren. «Im Trai­ning wird mir je­des Jahr ein biss­chen mehr be­wusst, dass ich äl­ter wer­de, dass ich mehr ma­chen muss, um mit den Jun­gen mit­zu­hal­ten», sagt er. Das sei gut so – «das ist der Lauf des Le­bens».

Soll­te auch die nächs­te Sai­son kom­plett aus­fal­len, dann wird er sich die Schin­de­rei im über­nächs­ten Win­ter nicht mehr an­tun. «Dann hö­re ich halt oh­ne

Fest auf.» Dem Schwin­gen wird er so oder so er­hal­ten blei­ben: Im Schwing­klub Trub en­ga­giert er sich als Jung­schwin­ger­lei­ter, lei­tet dort 30 Jungs an. Laut Corona-Schutz­kon­zept dür­fen nicht mehr al­le auf ein­mal im Tru­ber Schwing­kel­ler trai­nie­ren, son­dern müs­sen in zwei Grup­pen auf­ge­teilt wer­den. Für die­se Sai­son ist das Trai­ning nun vor­bei, im No­vem­ber be­ginnt der Auf­bau für den nächs­ten Som­mer.

Die per­sön­li­chen Wün­sche

Nicht nur im Schwin­gen ist die Zu­kunft un­be­re­chen­bar ge­wor­den. Die wirt­schaft­li­chen Fol­gen von Corona, die Men­schen, die ih­re Ar­beit ver­lo­ren ha­ben oder zu ver­lie­ren dro­hen – das bringt Ha­beg­ger ins Grü­beln. «Die Mil­li­ar­den, die wir aus­ge­ge­ben ha­ben, müs­sen doch wie­der her­ein­kom­men», sagt er. Aber er will sich nicht ver­rückt ma­chen las­sen, mag die täg­li­chen An­ste­ckungs­zah­len und an­de­ren Me­dien­be­rich­te über Corona lang­sam nicht mehr le­sen.

Als Land­wirt sei er pri­vi­le­giert, sagt Ha­beg­ger. Er ha­be die­sen Som­mer oh­ne Ein­schrän­kung ar­bei­ten kön­nen, spü­re, dass re­gio­na­le Pro­duk­te im Mo­ment ge­fragt sei­en. Vie­le Men­schen le­ben heu­te be­wuss­ter als vor der Pan­de­mie. Aber wird das auch so blei­ben, wenn al­les über­stan­den ist? «Ich hof­fe es», sagt Heinz Ha­beg­ger, «aber si­cher bin ich nicht.» Und sei­ne per­sön­li­che Zu­kunft: Wel­che Wün­sche hat er? Heinz Ha­beg­ger blickt über die Em­men­ta­ler Hö­ger, hält noch­mals ei­nen Mo­ment in­ne. Ir­gend­wann möch­te er sein Zu­hau­se um­bau­en, «da­mit mei­ne Freun­din und ich ei­ne schö­ne Woh­nung ha­ben». Ein­mal pro Jahr möch­te er in die Fe­ri­en rei­sen kön­nen, Skan­di­na­vi­en steht zu­oberst auf der Wun­sch­lis­te. Auch von ei­ge­nen Kin­dern träumt er, da­von, den Hof ein­mal an die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ge­ben zu kön­nen. Und: «Ich möch­te ge­sund blei­ben.»

Serie

Corona hat vor Au­gen ge­führt, wie schnell sich im Le­ben al­les ver­än­dern kann. Das lös­te Ve­r­un­si­che­rung aus. In ei­ner Serie spre­chen wir mit Em­men­ta­ler Per­sön­lich­kei­ten und las­sen uns er­zäh­len, wie sie die Zu­kunft se­hen. Für die phi­lo­so­phi­schen Ge­sprä­che be­ge­ben wir uns mit ih­nen an ei­nen Ort, der ih­nen be­son­ders wich­tig ist. (red)

Foto: Beat Ma­thys

Hier kann er stun­den­lang sit­zen: Heinz Ha­beg­ger beim Berg­ahorn.

Foto: Andre­as Blat­ter

Heinz Ha­beg­ger ge­gen ei­nen der Jun­gen – Chris­ti­an Gnä­gi – am See­län­di­schen Schwing­fest 2018.

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