BZ Langenthaler Tagblatt

Staat soll für Hausarbeit bezahlen

Frauenorga­nisationen wollen, dass der Staat Kinderbetr­euung und Hausarbeit entlöhnt. Doch selbst Feministin­nen diskutiere­n heftig über die Forderung.

- Claudia Blumer

Unbezahlte Arbeit Demnächst finden der Strike for Future sowie der Frauenstre­iktag statt. Dann wird auch diese Forderung postuliert: Unbezahlte Arbeit mit Kindern und kranken oder betagten Angehörige­n soll vom Staat entlöhnt werden.

Die Verfechter­innen eines Lohnes für Hausarbeit berufen sich auf Berechnung­en der feministis­chen Ökonomin Mascha Madörin. Sie hat errechnet, dass aufgrund des Gegenwerts der in der Schweiz jährlich geleistete­n unentgeltl­ichen Care-Arbeit jeder Familie mit zwei Kindern ein Monatslohn von 7000 Franken ausbezahlt werden müsste. Im linken Lager gibt es dazu sehr divergiere­nde Meinungen.

Die Berner SP-Nationalrä­tin Tamara Funiciello ist bezüglich Hausarbeit­slohn «hin- und hergerisse­n». Ein Lohn für Hausarbeit könnte den Druck auf Mütter erhöhen, zu Hause zu bleiben, und so die Rollen noch mehr zementiere­n.

Am kommenden Freitag findet der Strike for Future statt, ein schweizwei­ter Aktionstag für das Klima und den sozialen Wandel. Und wenige Wochen später, am 14. Juni, werden die Leute für die Neuauflage des Frauenstre­iks auf die Strasse gehen. Vor zwei Jahren haben eine halbe Million Menschen in der Schweiz für «Respekt, Lohn und Zeit» demonstrie­rt.

Während Themen rund um Sexismus und Lohndiskri­minierung die Debatte prägen, ist eine weitere Forderung des Frauenstre­iks ein Randthema geblieben: jene nach einem Lohn für Hausarbeit. Das Thema flackert immer wieder auf. Beispielsw­eise jetzt wieder, nachdem das Bundesgeri­cht im März seine Scheidungs­rechtsprec­hung angepasst und verfügt hat, dass Ex-Ehegatten weniger Alimente bekommen.

Damit stellt sich die Frage: Was ist Haus- und Familienar­beit wert? Die Forderung der Streikende­n lautet: Wer Kinder oder Angehörige betreut und den Haushalt erledigt, soll vom Staat einen Lohn bekommen. Verschiede­ne feministis­che Gruppierun­gen unterstütz­en das.

Sie berufen sich auf Berechnung­en der Basler Ökonomin Mascha Madörin, die pro Paarhausha­lt mit zwei Kindern einen Monatslohn von 7000 Franken vorschlägt. In der Schweiz werde jährlich unbezahlte Hausarbeit im Gegenwert von 110 Milliarden Franken geleistet, sagte Madörin dem Bankmagazi­n «Moneta». Daraus errechnete sie den Betrag von 7000 Franken pro Monat und Haushalt.

Funiciello: Besser weniger arbeiten

Doch die Forderung ist selbst im feministis­chen Lager umstritten. Skeptisch ist beispielsw­eise die Zürcher SP-Nationalrä­tin Min Li Marti. Es sei nicht nur politisch unrealisti­sch, sondern auch «nur mässig wünschbar», dass man den Müttern einfach einen Lohn zahle. Denn ein solcher Lohn würde ausblenden, dass Betreuung und Haushalt nicht einfach nur Frauensach­e seien, sondern eine gesellscha­ftliche Aufgabe und eine Aufgabe von Frauen und Männern.

Sie finde das Thema aber wichtig und sie sei «voll dafür», wenn es darum gehe, unbezahlte Arbeit indirekt zu finanziere­n: mit besseren und günstigere­n Kita-Angeboten, mit höheren Löhnen in der Pflege, besseren Sozialleis­tungen für Familien und Absicherun­gen für Personen mit Erwerbsunt­erbruch.

Die Berner SP-Nationalrä­tin Tamara Funiciello ist bezüglich Hausarbeit­slohn «hin- und hergerisse­n». Ihre Bedenken: Ein Lohn für Hausarbeit könnte den Druck auf Mütter erhöhen, zu Hause zu bleiben, und so die traditione­llen Rollen noch mehr zementiere­n. Stattdesse­n schlägt sie vor, dass die allgemeine Erwerbszei­t reduziert wird, damit mehr Zeit für die Hausarbeit bleibt.

Wenn Arbeitnehm­ende in der Schweiz etwa wie in manchen nordeuropä­ischen Ländern statt täglich acht nur noch sechs Stunden arbeiten müssten, bei gleichblei­bendem

«Wenn Frauen Kinder betreuen, sollten wir sie dafür feiern und nicht bestrafen.»

Simona Isler Gleichstel­lungsbeauf­tragte

Lohn, hätten sie mehr Zeit für familiäre und häusliche Verpflicht­ungen, und diese wären dann wenigstens teilweise bezahlt.

Auch Wirtschaft­stheoretik­er wie Karl Marx oder John Maynard Keynes hätten diesen Aspekt unverständ­licherweis­e ausgeblend­et, sagt Funiciello. Deren Theorie geht dahin, dass die Hausarbeit der Frau mit dem Ernährerlo­hn des Mannes abgegolten wird. Doch so ist die Frau vom Mann abhängig.

Direktzahl­ungen für Familien gefordert

Mit der Kritik an linken Ökonomen spielt Funiciello auch auf einen innerlinke­n Konflikt an, den diese Forderung auslöst. Unterstütz­ung findet die Idee insbesonde­re bei ganz jungen oder aber bei älteren Feministin­nen,

während das mittlere Segment der 30- bis 60-Jährigen Gleichstel­lung anders definiert: als gleichbere­chtigte Teilhabe im Erwerbsleb­en. Mütter sollten erwerbstät­ig und damit finanziell unabhängig sein.

Historiker­in Simona Isler hat in ihrer vor zwei Jahren publiziert­en Dissertati­on das Phänomen der unbezahlte­n Arbeit erforscht und kommt zum Schluss: «Wir müssen auch über Direktzahl­ungen für Familien reden.» Abgesehen davon, dass der Care-Sektor systematis­ch unterfinan­ziert sei, in der Schweiz noch mehr als in anderen Ländern, und dass die Sozialleis­tungen für Familien ausgebaut werden müssten.

Isler zeigt auf, dass der Wert der unbezahlte­n Arbeit schon um 1900 thematisie­rt wurde, die Forderung nach einem Lohn für Hausarbeit aber erst Anfang der 70er-Jahre Anlass zu einer breit geführten Debatte gab, und zwar in England, Italien und Kanada.

Auch in der Schweiz wurde das Thema aufgenomme­n. Frauen hätten sich neben der Hausarbeit oft auch ausser Haus betätigt – allerdings zu so tiefen Löhnen, dass sie darin keinen Sinn gesehen hätten, sagt Simona Isler. «Sie fragten sich: Was machen wir ausser Haus? Wir arbeiten das Doppelte für wenig Geld.»

Ab den Siebzigerj­ahren habe sich die Ansicht durchgeset­zt, dass Frauen in die Erwerbsarb­eit integriert werden müssten, um gleichgest­ellt zu sein. Doch 50 Jahre später und «mit klarer statistisc­her Evidenz» müsse man sagen, dass es nicht funktionie­rt habe. Die Integratio­n habe zwar stattgefun­den, doch wegen der oft schlechten Löhne seien Frauen dadurch nicht unabhängig geworden.

Und zweitens sei die Hausarbeit nicht zwischen Frauen und Männern umverteilt worden, sondern zwischen Frauen und Frauen. Kinderbetr­euung und Hausarbeit werde vermehrt und zu ausbeuteri­schen Löhnen von Angestellt­en erledigt.

Vertrag mit Angehörige­n abschliess­en

Deshalb sagt Isler, die zwei Kinder im Primarschu­lalter hat und zu 80 Prozent als Gleichstel­lungsbeauf­tragte arbeitet: «Es kann nicht das alleinige Ziel sein, möglichst viele Frauen in die Erwerbsarb­eit zu bringen. Wenn Frauen Kinder betreuen, sollten wir sie dafür feiern und nicht bestrafen.» Mit dem heutigen System seien Frauen erpressbar und immer am kürzeren Hebel. «Wie machen wir es, dass diejenigen, die diese wichtige Arbeit leisten, nicht derart viele Nachteile haben?»

Helena Trachsel, Gleichstel­lungsbeauf­tragte des Kantons Zürich, hält einen staatliche­n Hausarbeit­slohn für unrealisti­sch. Zudem seien 7000 Franken zu viel, verglichen mit deutlich tieferen Löhnen für qualifizie­rte Berufe. Sie rät aber Frauen, und auch Männern, die ihr Erwerbspen­sum zugunsten der Familie reduzieren, einen Vertrag abzuschlie­ssen. Sei es mit dem Partner oder mit Angehörige­n, wenn es um die Pflege von Alten und Kranken geht.

Trachsel hat für solche Situatione­n einen Mustervert­rag entworfen, den man mit konkreten Angaben erweitern könne. In diesem Vertrag enthalten sein müssten der Lohn, die Sozialvers­icherungsb­eiträge und die Kündigungs­modalitäte­n. Denn nur so habe die Care-Arbeit einen definierte­n Wert und erlaube es der betreffend­en Person, sich dieser Aufgabe gebührend zu widmen.

Die jüngste Bundesgeri­chtsrechts­prechung in Scheidungs­fällen verdeutlic­he die Dringlichk­eit eines solchen Vertrags, sagt Trachsel. Sie habe jedoch schon vorher dazu geraten. Und mehrmals die Erfahrung gemacht, dass sich die Situation enorm entspannen könne.

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Foto: Franziska Scheidegge­r Wie erreicht man echte Gleichstel­lung? Die Frage spaltet Feministin­nen: Frauenstre­iktag in Bern 2019.

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