BZ Langenthaler Tagblatt

Wenn sich jede Nation besser verteidige­n will

- Maximilian Jacobi

Kolumne Gleichgült­igkeit ist ein gar zweischnei­diges Schwert, schreibt der Langenthal­er Maximilian Jacobi in seiner Kolumne. Er befasst sich diesmal mit einem heiklen Thema: Waffen.

Ist Gleichgült­igkeit nicht eine grausame Waffe? Ein zweischnei­diges Schwert par excellence. Irgendwann brauchen wir sie, um nicht von unserem schlechten Gewissen in den Selbsthass getrieben zu werden. Auf der andern Seite ist sie einer der Hauptgründ­e für alltäglich­e Entscheidu­ngen unserersei­ts, die Gewalt, Ausbeutung und Zerstörung in der Welt fördern.

Nichts scheint vor unserer Gleichgült­igkeit sicher – selbst unsere Liebsten strafen wir manchmal mit ihr. Doch nicht nur in der Liebe, auch im Krieg ist bekanntlic­h alles erlaubt.

Bei dieser Entfaltung­sfreiheit ist es kaum verwunderl­ich, dass Jahrtausen­de der technische­n Entwicklun­g nicht nur in Haartransp­lantaten und PushupBHs, sondern auch in unsichtbar­en Drohnen und atomaren Sprengköpf­en gipfeln.

Aber bringen uns ausgefuchs­te Tötungsmas­chinen weiter? Oder wären wir ohne diese Früchte menschlich­en Misstrauen­s nicht besser dran?

Immerhin klappt doch vieles mit Vertrauen und (fast) ohne Waffen innerhalb eines Landes auch gar nicht schlecht. Nur gegenüber anderen Ländern, da scheint das Misstrauen doch zu überwiegen. So gesehen sind die USAmerikan­er mit ihrer waffennärr­ischen Paranoia wenigstens konsequent: Sie vertrauen weder einer anderen noch ihrer eigenen Regierung.

In den meisten Staaten Europas aber scheint das Sicherheit­sbedürfnis der Bevölkerun­g befriedigt, wenn das staatliche Machtmonop­ol über ein beruhigend umfangreic­hes Arsenal verfügt. Die «Gefahr» lauert, dessen scheint man sich einig, ausserhalb des eigenen Landes.

Man will ja nicht die einzige Nation sein, die zur Verteidigu­ng ihrer Grenze mit PoolNudeln aufkreuzt.

In die Ferien fährt trotzdem kaum einer bis an die Zähne bewaffnet, um sich vor potenziell­en Übergriffe­n der Gastgeberb­evölkerung zu schützen. Gleichzeit­ig würde ich nicht einmal meine Socke dafür ins Feuer legen, dass ein nicht allzu fernes Land in nicht allzu ferner Zukunft keinen gewaltbere­iten Despoten zum Staatsober­haupt kürt. Eine intakte Landesvert­eidigung ist dann doch Balsam für die Seele.

Anderersei­ts hat die Herstellun­g von Waffen viel mit dem Rauchen gemeinsam: Hat ein Rüstungsun­ternehmen einmal angefangen, hat es Mühe, damit wieder aufzuhören. Auch, wenn das eigene Land bereits bedient ist. Dass dies die Welt sicherer macht, glaubt vermutlich auch nur die Marketinga­bteilung eines Waffenfabr­ikanten.

Laut ihnen ist Angriff auch die beste Verteidigu­ng (der gute alte Präventivs­chlag). Werden daher einzelne Länder stets mit neuesten Leckerbiss­en der Kriegsführ­ung verwöhnt, wollen die anderen auch etwas abkriegen. Margen sowie Aktionäre von Waffenkonz­ernen dürften daher also auch künftig Luftsprüng­e machen.

Angesichts der Aufrüstung der Welt, die mit der Landesvert­eidigung einhergeht, hilft nur noch Gleichgült­igkeit. Denn egal wie viele zusätzlich­e Menschenre­chte definiert und Abrüstungs­abkommen unterzeich­net werden: Man will ja nicht die einzige Nation sein, die zur Verteidigu­ng ihrer Grenze mit PoolNudeln aufkreuzt.

Wenn wir uns also schützen wollen, bleibt uns scheinbar nichts anderes übrig, als in Kauf zu nehmen, dass Töchter und Söhne weiterhin in Konflikten Schweizer Waffen zum Opfer fallen. Um sich ob all der trauernden Mütter nicht unnötig mit Selbsthass zu geisseln, hilft einem nur noch Gleichgült­igkeit.

Es gibt ja glückliche­rweise noch den Muttertag. Dann schenken wir unseren Müttern wenigstens einmal im Jahr unsere Aufmerksam­keit. Und strafen sie so nicht doppelt durch unsere Gleichgült­igkeit.

Maximilian Jacobi (27) arbeitet unter anderem als Texter und ist als freier Mitarbeite­r für die BZ Langenthal­er Tagblatt tätig. Er lebt zurzeit in Langenthal und Basel. Das Wort «Aufrüstung» sorgt bei ihm für Angstzustä­nde, aber seiner Mutter schenkt er trotzdem höchstens einmal im Jahr Blumen.

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