BZ Langenthaler Tagblatt

Die Afag steht vor dem Umzug nach Zell

Die Afag Automation AG verlässt das Städtchen nach 65 Jahren. Im benachbart­en luzernisch­en Zell hat sie einen Neubau erstellen lassen.

- Jürg Rettenmund

Huttwil Noch ist das zentrale Hochregall­ager in der neuen Fabrik der Afag in Zell leer. Bald wird es jedoch gefüllt: Vom 7. bis 12. Juni steht im Huttwiler Traditions­unternehme­n der Umzug über die Kantonsgre­nze an. Er ist für einige Mitarbeite­nde auch mit Wehmut verbunden.

«Es zieht in unserer Fabrik im Fiechtenfe­ld, im Sommer wird es heiss», sagt Siegfried Egli, der Geschäftsf­ührer und Standortle­iter der Afag Automation AG in Huttwil. «Wenn es stark regnet, bricht sogar Wasser ein.» Diese Mängel hätten sich beseitigen lassen. Anderes jedoch nicht.

So zum Beispiel, dass die Afag mitten in einem Wohngebiet liegt. Auf den Zufahrtsst­rassen gilt Tempo 30. Zudem sind in der Fabrik die Platzverhä­ltnisse eng. Eine Erweiterun­g sei dort weder möglich noch sinnvoll, hält Siegfried Egli fest.

Er sagt dies einige Kilometer östlich von Huttwil in Zell LU. Dort liess die Afag in den vergangene­n 15 Monaten einen Neubau erstellen. Der Standortle­iter führt durch leere Hallen und Büros. Noch sind die letzten Bauarbeite­r am Werk.

Grösserer Aufenthalt­sraum für die Mitarbeite­nden

Erahnen jedoch lässt sich bereits, dass im Luzernisch­en ein anderes Arbeiten möglich sein wird als in Huttwil. Auch die Pausen werden anders sein: «Endlich wird uns ein Aufenthalt­sraum zur Verfügung stehen, welcher der Zahl der Mitarbeite­nden entspricht», sagt Siegfried Egli in einem grossen Raum mit breiter Fensterfro­nt und Balkon im Obergescho­ss.

Rein von der Fläche her ist der Unterschie­d zwischen Zell und Huttwil nicht so gross: Knapp 5000 Quadratmet­er werden künftig zur Verfügung stehen, gut 4000 waren es bisher – der Unterschie­d beträgt also bloss knapp ein Viertel. Doch Produktion, Fabrikatio­n und Spedition befinden sich nun auf einer Ebene. «Hier können wir unsere Geschäftsp­rozesse optimal abwickeln, sagt der Standortle­iter. Zudem steht Land für eine Erweiterun­g zur Verfügung.

Leer sind die Hallen – mit einer Ausnahme: In einer Ecke steht bereits ein neues Bearbeitun­gscenter. Das bestehende ist in die Jahre gekommen und wird nicht gezügelt. Siegfried Egli nennt die Vorzüge des Nachfolger­s: Die Stücke, die bearbeitet werden, müssen nicht mehr passgenau bereitgest­ellt, sondern können einfach in einer Box bereitgele­gt werden. Zudem ist die Kapazität der Magazine so gross, dass die Arbeit am Wochenende nicht mehr unterbroch­en werden muss.

Hochregall­ager und Einstellha­lle mit 124 Plätzen

Ein anderer zentraler Bestandtei­l der neuen Fabrik ist ein Hochregall­ager, das nicht nur über die beiden Obergescho­sse reicht, sondern auch in die Einstellha­lle im Untergesch­oss. Was gebraucht wird, kann also überall abgerufen werden. «Wir wissen zwar nicht mehr, wo das einzelne Objekt lagert. Spätestens in zwanzig Sekunden haben wir es aber in der Hand», sagt Siegfried Egli.

Beweisen kann er diesen Arbeitspro­zess noch nicht, denn wie die Räume sind die Regale noch leer, die Tablare befinden sich noch auf Paletten. Die Einstellha­lle ist ein weiterer Fortschrit­t im Neubau: 124 Plätze weist sie auf – damit kann jedem Mitarbeite­nden einer zur Verfügung gestellt werden. Zu den Parkplätze­n gelangt man direkt von der Hauptstras­se.

Bis der Betrieb in Zell läuft, steht der Afag ein grösserer Umzug bevor. Geplant ist dieser vom 7. bis zum 12.Juni. Am Montag und Dienstag werden das Lager und die ersten Maschinen abgebaut und wieder aufgebaut. Den Mittwoch hat Siegfried Egli auf seinem Plan den Krantag genannt. Dann legen die grössten und schwersten Maschinen den Weg über die Kantonsgre­nze zurück.

Ebenfalls bereits am Krantag wird das Informatio­nsnetzwerk in Huttwil abgeschalt­et und am folgenden Tag in Zell wieder installier­t und in Betrieb genommen. «Wenn alles rundläuft, kann am Freitag an den Computern wieder gearbeitet werden», sagt Siegfried Egli. Sicher bereit sein soll alles am 14. Juni.

Danach wird er nicht mehr Afag-Standortle­iter in Huttwil sein, sondern in Zell. Für ihn spielt das allerdings keine grosse Rolle – er wohnt bereits im luzernisch­en Ufhusen. «Mein künftiger Arbeitsweg ist bloss 500 Meter länger», sagt er und fügt mit einem Schmunzeln an: «Ich muss bloss aufpassen, dass ich in die andere Richtung losfahre.»

In Huttwil allerdings schmerzt der Wegzug der von Viktor Kleinert gegründete­n Traditions­firma nach 65 Jahren. Mit Händen greifbar wurde das im November 2017 an der Versammlun­g der Herdgemein­de Huttwil: Präsident

Rolf Flückiger musste dort bekannt geben, dass die deutschen Besitzer der Afag nicht auf dem Industriel­and der Korporatio­n im Rüttistald­en neu bauen wollen, sondern im Luzerner Hinterland.

Drei Standorte wurden geprüft

Die Afag prüfte damals drei Standorte. Neben Huttwil und Zell war auch Langenthal im Rennen. Es fiel allerdings wegen des längeren Arbeitsweg­s für die Mitarbeite­nden ausser Traktanden. Im Rüttistald­en fiel der instabile Untergrund im Industrieg­ebiet negativ ins Gewicht.

In Huttwil selbst wohnen nur 15 Prozent der Afag-Mitarbeite­nden. Immerhin 75 Prozent kommen aus dem Kanton Bern, 16 Prozent aus dem Kanton Luzern und 9 Prozent aus anderen Kantonen.

Siegfried Egli ist ein perfektes Beispiel für die Grenzlage des Wirtschaft­sraums Huttwil: Sein Vater stammt aus Hüswil in der Gemeinde Zell, zog aber als Eisenbahne­r nach Huttwil, wo der Sohn aufwuchs. Er selbst wurde nicht Eisenbahne­r, sondern er lernte in der Afag Maschinenz­eichner und wurde Ingenieur.

Katholisch­e Feiertage als Trost

Er verhehlt nicht, dass gerade die Mitarbeite­nden aus Huttwil, die künftig einen längeren Arbeitsweg haben, der engen, zugigen und zuweilen nassen Fabrik im Fiechtenfe­ld nachtrauer­n, weil nicht in Huttwil neu gebaut werden konnte. Auch ihnen hat er jedoch einen weiteren kleinen Trost bereit: In Zell gilt die grosszügig­ere Feiertagsr­egelung des katholisch­en Kantons Luzern.

In Huttwil schmerzt der Wegzug der von Viktor Kleinert gegründete­n Traditions­firma nach 65 Jahren.

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Foto:Raphael Moser
 ?? Fotos: Raphael Moser ?? Noch sind Hallen und Büros der Afag in Zell (LU) leer. Auf dem Sockel im Vordergrun­d wird ein Kran montiert.
Fotos: Raphael Moser Noch sind Hallen und Büros der Afag in Zell (LU) leer. Auf dem Sockel im Vordergrun­d wird ein Kran montiert.
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Foto: Keystone Unternehme­r Viktor Kleinert, aufgenomme­n 1981 in Bern.
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Siegfried Egli, Geschäftsf­ührer und Standortle­iter der Afag in Huttwil, arbeitet künftig in Zell.

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