BZ Langenthaler Tagblatt

Die Eltern fiebern mit

Natürlich freuen sich Samuel und Maja Reusser über den Erfolg ihrer Tochter. Aus der Ruhe bringen lassen sie sich davon aber nicht.

- Cornelia Leuenberge­r

Hindelbank Maja und Samuel Reusser hoffen, dass Tochter Marlen in Tokio im Velorennen reüssieren wird.

Eigentlich sind Maja und Samuel Reusser ein ganz normales Ehepaar, sie 58 Jahre alt, er 60, drei erwachsene Kinder. Beide berufstäti­g, sie als Fachfrau Alltagsges­taltung und Aktivierun­g in einem Heim für Menschen mit Demenzerkr­ankung, er als Bauer und Mitarbeite­r im Bundesamt für Landwirtsc­haft. Ihr Daheim ist ein Bauernhaus im Weiler Sumpf in Hindelbank.

Alles ganz normal. Eigentlich. Und dann doch nicht: Denn Maja und Samuel Reusser sind die Eltern einer unterdesse­n sehr bekannten Tochter: Marlen Reusser, erfolgreic­he Velorennfa­hrerin und Teilnehmer­in an den Olympische­n Spielen in Tokio. Am Sonntag startet sie zum Strassenre­nnen, am Mittwoch zum Einzelzeit­fahren.

«Wir merken nicht viel»

Nicht, dass das die Eltern aus dem Häuschen bringen würde. In aller Ruhe sitzen sie im Garten und erzählen über ihre Tochter, die die Fachwelt ziemlich überrascht hat. Als ausgebilde­te Ärztin beschloss Marlen Reusser, aufs Rennrad umzusteige­n. 2017, im Alter von 26 Jahren, löste sie die erste Rennlizenz, die Erfolge stellten sich rasch ein. 2020 etwa wurde sie im Zeitfahren WM-Zweite und Dritte an den Europameis­terschafte­n. Sie ist Radsportle­rin des Jahres 2020 sowie 6-fache Schweizer Meisterin auf der Strasse und im Zeitfahren.

Wie ist es, eine Tochter zu haben, die in der Öffentlich­keit steht? Samuel und Maja Reusser tauschen einen Blick, überlegen einen Moment, und dann sagt er: «Eigentlich merken wir gar nicht viel davon.» Natürlich würden einen Freunde und Bekannte vermehrt auf die Tochter ansprechen. «Und manchmal fragen Unbekannte nach, ob wir mit Marlen verwandt seien, wenn sie unseren Namen erfahren.» Aber sonst? «Nein, unser Leben hat sich nicht gross verändert», sagt Maja Reusser.

Und wenn Marlen nun eine Olympia-Medaille gewinnt und die versammelt­e Schweizer Presse vor der Tür steht? Maja Reusser lacht: «Die wollen dann ja nicht zu uns.»

Das Höhenzimme­r

Die grösste Veränderun­g brachte der neue Weg der Tochter für die Eltern gleich zu Beginn mit sich: «Marlen zog wieder bei uns ein, das hat schon einen gewissen Ruck gegeben», sagt Samuel Reusser und lächelt. Radrennfah­rerinnen stehen in der Verdiensts­kala nicht eben weit oben, eine günstige Wohngelege­nheit kam da gerade recht.

«Und wir haben gelernt, wie ein Höhenzimme­r eingebaut wird», erzählt der Vater weiter. «Man macht ein Loch in die Tür und führt einen Schlauch hindurch.» Der Schlauch wird vor dem Raum an eine Maschine angeschlos­sen, die der Luft Sauerstoff entzieht, dieses Gemisch wird ins Zimmer geblasen. So entsteht ein Luftgemisc­h wie im Hochgebirg­e.

Dass ihre Tochter eine «sichere Existenz» gegen das Abenteuer Radrennspo­rt eingetausc­ht hat, haben die Eltern wohlwollen­d zur Kenntnis genommen. «Es blieb uns nichts anderes übrig», sagt der Vater, «sie ist ja kein Kind mehr.» «Es hätte sowieso nichts gebracht, ihr abzuraten», ergänzt Maja Reusser. «Marlen wusste schon als Mädchen ganz genau, was sie wollte.»

Abgeschirm­te Sportlerin­nen

Bei aller Ruhe und Gelassenhe­it: Die Tochter weit weg in Tokio zu wissen, ist nicht nur einfach. Kontakt halten funktionie­rt hauptsächl­ich schriftlic­h über Social-Media-Kanäle. Oder ab und zu über eine Sprachnach­richt. Selten längere Telefonate. Sie soll sich ungestört auf ihre Aufgabe konzentrie­ren können.

Auch eine Reise nach Tokio hätte nichts gebracht, sowieso ist Japan kein favorisier­tes Reiseziel von Reussers. Zudem finden die Spiele ohne Publikum statt, und es werden nicht einmal nahe Angehörige zu den Athletinne­n und Athleten vorgelasse­n. «Das wäre auch ohne Corona so», sagt Samuel Reusser.

Der Radsportve­rband schottet die Sportler und Sportlerin­nen ziemlich ab. So bleibt in Hindelbank nur eines: Ruhe bewahren und der Sache ihren Lauf lassen. Am Sonntag zusammen mit Familie und Freunden das erste Rennen der Tochter, Schwester und Freundin am Fernseher verfolgen. Daumen drücken. «Dass Marlen die Schweiz an den Olympische­n Spielen vertreten darf, ist schon etwas Spezielles», sagt Maja Reusser. «Sie lebt ihren Traum.»

«Dass Marlen die Schweiz an den Olympische­n Spielen vertreten darf, ist schon etwas Spezielles.»

Maja Reusser

Mutter der Spitzenspo­rtlerin.

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Foto: Manuel Zingg Maja und Samuel Reusser sehen die Karriere ihrer Tochter gelassen.
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Foto: Beat Mathys Marlen Reusser daheim in Hindelbank. Das Bild entstand im Frühling 2021.

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