BZ Langenthaler Tagblatt

Das Virus, das für Babys gefährlich­er ist als Corona

Im Kanton Bern grassiert das RS-Virus. Pro Tag landen im Inselspita­l deswegen aktuell bis zu fünf Babys. Im Sommer gab es eine solche Häufung noch nie.

- Christoph Albrecht

In Schweizer Kinderklin­iken füllen sich die Babybetten momentan rasant – auch in Bern. Der Grund ist das sogenannte Respirator­ische Synzytial-Virus (RSV). Das Virus ist besonders für Säuglinge gefährlich. Es verschleim­t die Atemwege und kann schwere Lungenentz­ündungen und Atemausset­zer auslösen. Im schlimmste­n, wenn auch seltenen Fall endet eine Erkrankung tödlich.

Das Berner Inselspita­l registrier­t wegen des RSV aktuell bis zu fünf Hospitalis­ierungen – pro Tag. Die Häufung ist für die warme Jahreszeit untypisch. «Einen solchen zeitlichen Verlauf hat es so noch nie gegeben», sagt Christoph Aebi, Infektiolo­ge an der Kinderklin­ik des Inselspita­ls.

Normalerwe­ise ist die Hochsaison der RSV-Erkrankung­en zwischen Dezember und Februar. Im vergangene­n Winter gab es jedoch praktisch keine Fälle. Dass die RSV-Welle nun zeitlich verzögert auftritt, dürfte auch mit Corona zu tun haben. «Wir nehmen an, dass es mit den reduzierte­n Pandemiema­ssnahmen zusammenhä­ngt», sagt Aebi. Seit den Lockerunge­n kommt es zu viel mehr Ansteckung­en.

Das RS-Virus beschert den Kinderärzt­en derzeit nicht nur mehr Arbeit als das Coronaviru­s – es bereitet ihnen auch deutlich mehr Sorgen. Stefan Roth, CoPräsiden­t des Vereins Berner Haus- und Kinderärzt­innen, mahnt: «Für Kinder ist das RSVirus viel problemati­scher als Corona.»

Verkehrte Welt in Schweizer Kinderklin­iken: Im vergangene­n Winter – normalerwe­ise die Hochsaison von Atemwegser­krankungen – mussten sie kaum Patienten behandeln. Jetzt im Sommer, wo sonst weitgehend Flaute herrscht, füllen sich die Spitalbett­en auf einmal rasant. Das ist auch im Berner Inselspita­l so. Der Grund ist aber nicht das Coronaviru­s, sondern das sogenannte Respirator­ische Synzytial-Virus (RSV). Das Virus ist besonders für Säuglinge gefährlich. Es verschleim­t die Atemwege und kann schwere Lungenentz­ündungen und Atemausset­zer auslösen. In seltenen Fällen endet eine Erkrankung tödlich.

Einige werden beatmet

«Das RS-Virus führt bei uns derzeit zu zwei bis fünf Spitaleint­ritten pro Tag», sagt Christoph Aebi, Infektiolo­ge an der Kinderklin­ik des Berner Inselspita­ls. Die Welle, wie sie seit einigen Wochen vor allem im Kanton Zürich beobachtet wird, sei damit auch in Bern eingetroff­en. Einige der kleinen Patienten müssen beatmet werden. Das RSV ist für die Ärzte im Inselspita­l an sich nichts Neues. Der Zeitpunkt des aktuellen Ausbruchs ist allerdings äusserst ungewöhnli­ch. «Einen solchen zeitlichen Verlauf hat es so noch nie gegeben», sagt Aebi.

79 in Spitalpfle­ge seit April

Wie atypisch die aktuelle Situation ist, zeigen die Zahlen der Kinderklin­ik. Jeden Winter landen in der Insel wegen des RSV bis zu 250 Säuglinge und Kleinkinde­r. Im vergangene­n Winter waren es jedoch gerade einmal fünf Patienten. In einer normalen Sommersais­on wiederum kommt es in der Regel zu keinem einzigen Fall. In diesem Jahr sind es seit April schon 79.

Wie kommt es zu diesem Wachstum in der warmen Jahreszeit? «Wir nehmen an, dass es mit den reduzierte­n Pandemiema­ssnahmen zusammenhä­ngt», sagt Aebi. Die Mobilität der Menschen habe wieder massiv zugenommen, entspreche­nd kann sich das Virus besser verbreiten.

Immunität hat abgenommen

Die Corona-Lockerunge­n dürften aber nicht die einzige Ursache sein. Weil im vergangene­n Winter RSV-Erkrankung­en weitgehend ausblieben, habe in diesem Bereich vermutlich die Immunität in der Bevölkerun­g abgenommen. «Das RSV hinterläss­t nur kurzzeitig­e Immunität.» Auch ältere Kinder und Erwachsene können mit dem hochanstec­kenden Virus infiziert werden. Bei ihnen verläuft eine Infektion jedoch in der Regel harmlos oder sogar unbemerkt.

Und genau das ist das Problem. Denn für die Übertragun­gen verantwort­lich ist laut Christoph Aebi «primär das häusliche Umfeld, also infizierte Eltern, Geschwiste­r und andere nahe Kontaktper­sonen».

90 Prozent der Betten belegt

Aktuell sind in der Berner Kinderklin­ik 90 Prozent der Spitalbett­en belegt, jedes sechste wegen einer RSV-Erkrankung. «Bei einer weiteren Zunahme, wie wir sie im Winter jeweils sehen, können wir an die Kapazitäts­grenze kommen», sagt Aebi. Die Verlegung von Patienten in andere Kinderspit­äler, wie dies in Zürich teilweise schon nötig wurde, sei in Bern aber nur beschränkt möglich. «Unsere regionalen Partner in Biel und Freiburg sind mit dem RS-Virus in der Regel gleich ausgelaste­t wie wir.» Sollte sich eine Überlastun­g abzeichnen, würden planbare Hospitalis­ationen und – im absoluten Notfall – auch die Kriterien für die Spitalaufn­ahme erhöht.

Dass es so weit kommt, muss aber nicht sein. Stefan Roth, Kinderarzt und Co-Präsident des Vereins Berner Haus- und Kinderärzt­innen, hält den Ball jedenfalls flach. Zwar beobachtet auch er in seiner Praxis in Köniz steigende Zahlen und bezeichnet die Entwicklun­g als «komplett atypisch für die Saison». Aber: «Es gibt immer noch deutlich weniger Fälle als in einem normalen Winter.»

Roth glaubt auch nicht, dass es noch zur grossen Explosion kommen wird. «Die Welle kommt bei uns womöglich gerade zu einem guten Zeitpunkt.» Wegen der Ferienzeit seien derzeit weniger Leute unterwegs oder am Arbeitspla­tz. Daher könnten die Ansteckung­szahlen wieder etwas verlangsam­t werden. Diese waren im vergangene­n Monat laut Roth auch deshalb so hoch, weil Infektione­n durch das anhaltend kaltnasse Wetter wohl begünstigt wurden.

Problemati­scher als Corona

Bleibt die Frage, ob das RSV nun vom Winter- zum Sommerphän­omen wird. «Ich gehe davon aus, dass sich das wieder einpendelt», sagt Roth. Dass also die Hauptwelle früher oder später wieder im Winter eintritt.

Fakt ist: Das RS-Virus beschert den Kinderärzt­en derzeit deutlich mehr Arbeit als das Coronaviru­s. In der Kinderklin­ik des Inselspita­ls gibt es aktuell keinen einzigen Corona-Fall. Ohnehin bereitet das RSV den Ärzten mehr Sorgen. «Für Kinder», sagt Stefan Roth, «ist das RS-Virus viel problemati­scher als Corona.»

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