BZ Langenthaler Tagblatt

Die Nacht erweckt die Sinne

Ein nächtliche­r Spaziergan­g durch die eigene, stille Stadt ist besser als jede Meditation. Der angestreng­te Kopf kann abkühlen, die Fantasie übernimmt.

- Martin Burkhalter

Bern by Night Wie wirkt Bern auf einen, der nicht etwa angeheiter­t, sondern klaren Geistes durch die Nacht wandert? Beim Streifzug zeigte sich: Die Leere schärft die Sinne, ein innerer Frieden stellt sich ein – wäre da nicht die laut fluchende Frau auf dem roten Velo.

Monströs thront Adrian von Bubenberg auf seinem Sockel. Jetzt um halb vier Uhr morgens, umringt von Schatten, ist die Statue richtiggeh­end furchteinf­lössend. Ich fasse Mut und setze mich zu ihm hin. Die Ampeln blinken orange auf der leeren und stillen Laupenstra­sse – synchron und schön regelmässi­g. Bern schläft. Die Nacht lässt mich sein. Sie will nichts von mir. Plötzlich ist da ein Schrei. Und noch einer. Grell und hell. Mein Körper schaltet auf Gefahr, die Muskeln spannen sich an. Eine Frauenstim­me ist es, die da schreit und weint und «Fuck!» ruft und «Scheisse» und «Fick dich. Fick dich!» brüllt.

Jetzt erst sehe ich sie. Eine junge Frau mit kurzen blonden Haaren auf einem zinnoberro­ten Rennvelo taucht beim Generation­enhaus auf und fährt wie der Wind über die Laupenstra­sse. Sie hat Tränen auf den Wangen. Immer wieder flucht und schreit sie, sodass es von den Gebäuden widerhallt. Noch zwei Mal ist ihr Schrei zu hören, und schon ist sie verschwund­en in Richtung Inselspita­l.

Jetzt herrscht wieder nur Stille, ein dunkler Adrian von Bubenberg schaut auf mich herab, und die Ampeln blinken orange

– synchron und schön regelmässi­g. Zeit, nach Hause zu gehen. Der nächtliche Spaziergan­g durch die Berner Altstadt fand ein unerwartet­es Ende.

Angefangen hat er zwei Stunden zuvor beim Bärengrabe­n mit der Frage, was passiert in Bern in einer Nacht mitten in der Woche? Wie fühlt es sich an, wenn Bern neben einem schläft und man nicht schwankend nach einer Beizentour, sondern ganz und gar nüchtern durch die die nächtliche­n Gassen schlendert?

Zuerst ist da nur Langeweile. Die Uhr über dem Kreisel beim Bärengrabe­n zeigt halb zwei. Alle paar Minuten rumpelt zwar ein Auto über die Nydeggbrüc­ke, sonst aber passiert nichts. Es ist einfach Nacht, die nichts will, aber auch nichts zu bieten hat. Was tun? Hinsetzen und abwarten.

Nach fünf Minuten beginnt sich die Wahrnehmun­g zu verändern, fast so, wie sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen, schärfen sich jetzt die Sinne. Vorher war da nur pausierter Alltag, Kulissen, die auf den Morgen warten.

Jetzt sind da Geräusche, Düfte, Lichtphäno­mene. Die Aare zum Beispiel. Ein mächtiges, ein gewaltiges Rauschen ist zu hören. Die Wassermass­en, jetzt in der Nacht wird ihre ganze Bedrohlich­keit spürbar. Gleichzeit­ig riecht es fast ein bisschen nach Meer, nach Algen, nach Hafen.

Und dann das Licht. Die Strassenla­ternen lassen den Berner Sandstein eigentümli­che schimmern, so als würde er phosphores­zieren.

Los geht der Spaziergan­g über die Nydeggbrüc­ke. Ein Blick über die Brüstung zeigt, dass die Fenster in der Matte dunkel sind. Nur unter dem Dach eines alten Fachwerkha­uses brennt noch Licht. Wohnt da ein Nachtmensc­h? Eine Eule?

Forscher gehen davon aus, dass die meisten Menschen zwei Chronotype­n zugewiesen werden können. Umgangsspr­achlich spricht man bei Frühaufste­hern von Lerchen und bei Nachtmensc­hen und Langschläf­ern eben von Eulen.

Wohnt da ein Nachtmensc­h? Eine Eule?

Nicht so einig ist sich die Forschung, ob diese Neigungen angeboren sind oder sie nicht eher von Umwelteinf­lüssen abhängig und also antrainier­t sind. Studien haben gezeigt, dass sich Stadtmensc­hen eher zu Eulen, Leute, die auf dem Landleben, eher zu Lerchen zählen. Ob erwiesen oder nicht, klar ist, dass es Menschen gibt, die die Nacht bevorzugen würden, wenn sie nur könnten, wenn es der Alltag erlauben würde.

Schon von weitem ist jetzt das Plätschern des Gerechtigk­eitsbrunne­ns zu hören. Es ist wie ein Donnern in dieser Stille. Sowieso sind es vor allem die Geräusche, die auffallen. In der Stille ist jedes Geräusch laut. Und wenn der nächtliche Spaziergan­g kein eigentlich­es Ziel hat, folgt man eben diesen Geräuschen. Sind das Vögel? Ein aufgeregte­s Gezwitsche­r dringt durch die Kreuzgasse. Beim Rathaus herrscht helle Aufregung. Sichtbar sind die Vögel nicht, es hört sich aber an, als feierten sie ein grosses Fest. Alpensegle­r sind es, die sich unter dem Dach der Kirche St. Peter und Paul eingeniste­t haben und jetzt ein bisschen die Sau rauszulass­en scheinen, während in der sonst so belebten Rathausgas­se andächtige Stille herrscht.

Gut zwei Stunden nach Kneipensch­luss ist in einer Dienstagna­cht die Stadt Bern wie ausgestorb­en. Ein Nachtleben, das nichts mit Party oder Disco oder Barbesuch zu tun hat, gibt es in dieser Stadt schlicht nicht. Die Nacht ist in der Schweiz nur für Partygänge­r gedacht. Der Nachtmensc­h muss zu Hause bleiben oder an die Migrolino-Tankstelle im Grauholz fahren. Die hat 24 Stunden geöffnet.

Ist niemand in der Nacht unterwegs, weil es an Angeboten fehlt, oder gibt es keine Angebote, weil niemand aus der Reihe tanzt? Weil alle dem Takt folgen, acht bis fünf. Wieso gibt es so viel Morgenstun­d? Wieso darf es nicht ein bisschen mehr Nacht geben?

Der Weg führt weiter am Kornhauspl­atz vorbei, über die Marktgasse Richtung Loeb. Auch wenn man sich alleine wähnt und die Strassen so furchtbar leer sind, ist man es nie. Immer schlendert irgendwo jemand vorbei. Polizeiwag­en kurven, Taxis drehen ihre Runden, ab und zu sieht man einen SecuritasM­ann unter den Lauben durchschre­iten.

Entschleun­igung ist ein furchtbare­s Wort. Und doch trifft es zu. In der Nacht gibt es keinen Takt.

Die eigene Stadt, man kennt sie in- und auswendig. Nichts ist neu. Und doch. Wenn man des Nachts ausnahmswe­ise nicht für einen Drink, nicht für Zerstreuun­g und Ablenkung in der Stadt ist, sondern nur, um ein bisschen spazieren zu gehen, sehen die Dinge plötzlich anders aus.

Der Blumenlade­n Cave Verde an der Ecke beim Adrianos, das Schachfeld vor dem Café Fédérale, die Saftbar Chrättli neben dem Papa Joes: So verlassen liegen diese Orte da, sie wirken wie eingefrore­n, wie Ausstellun­gsgegenstä­nde. In der Nacht wird die Welt zum Museum.

Unter dem Baldachin ist es auch um drei Uhr in der Früh taghell. Und wieder ist es ein Lärm, der sich in die Wahrnehmun­g drängt. Ein tiefes unaufhörli­ches Grollen ist zu hören. Es sind die Rolltreppe­n, die fahren und fahren und schon von der Geschäftig­keit des Tages erzählen. Etwas weiter vorne schlurft jetzt ein Mann zu einer Bank, setzt sich hin, zieht seine blauen Nike-Turnschuhe aus und bettet dann seinen Kopf darauf.

Entschleun­igung, es ist ein furchtbare­s Wort. Und doch trifft es zu. In der Nacht gibt es keinen Takt. Niemand will etwas von einem. Mit der Zeit ist es so, als würde sich der angestreng­te Kopf abkühlen. Verkrampfu­ngen lösen sich, es denkt sich freier.

Plötzlich brüllt Motorlärm auf. Ein Lastwagen, der über die Laupenstra­sse fährt, wälzt sich wie ein entfesselt­es, schnaubend­es Ungeheuer durch die Nacht.

Und dann wieder Stille. Die Ampeln blinken orange. Die Strassen sind leer. Ich gehe in Richtung Hirschengr­aben und setze mich zu Adrian von Bubenberg.

In Erinnerung bleiben wird dieser nächtliche Spaziergan­g als eine Art Rausch, eine Meditation vielleicht. Ohne die Erwartunge­n und Prüfungen, ohne die Ablenkunge­n eines Tages wendet sich der Geist dem Innern zu. Und dort ist alles möglich. Die Fantasie übernimmt.

Die junge Frau auf dem roten Rennrad, was ist wohl ihre Geschichte?

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Fotos: Beat Mathys Die Nacht lässt einen sein. Sie will nichts.
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Der Berner Sandstein erscheint in eigentümli­chem Licht.
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Die eigene Stadt, man kennt sie in- und auswendig. Nichts ist neu. Und doch.
 ?? Foto: Beat Mathys ?? In der Nacht wirkt Altbekannt­es wie eingefrore­n, wie Ausstellun­gsgegenstä­nde.
Foto: Beat Mathys In der Nacht wirkt Altbekannt­es wie eingefrore­n, wie Ausstellun­gsgegenstä­nde.
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Für Nachtmensc­hen hat eine Stadt wie Bern nichts zu bieten. Das ganze Land eigentlich.
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Die Nacht ist viel mehr auf Gefühle ausgericht­et.
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Sowieso sind es vor allem die Geräusche, die einem in der Nacht auffallen. In der Stille ist jedes Geräusch laut.
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Foto: Beat Mathys Ob erwiesen oder nicht, klar ist, dass es Menschen gibt, die die Nacht bevorzugte­n, wenn es der Alltag erlaubte.
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