BZ Langenthaler Tagblatt

Die umstritten­en Spiele haben mit Nebengeräu­schen begonnen

Bislang wollte es bei Olympische­n Spielen nicht recht klappen für den Zuger. Nun hat er sich mit 33 und einem radikalen Tapetenwec­hsel neu erfunden.

- Monica Schneider, Tokio

Und dann war es plötzlich so weit. Nach langen, ewig langen 16 Monaten mit nur einem Weltcuptur­nier in der Corona-Zeit. Das riesige, leere Nationalst­adion von Tokio lag vor ihm, die Schweizer Fahne in der Hand, «die Anfrage, Fahnenträg­er zu sein, hat mich überrascht», sagt Max Heinzer. Das sei eine Ehre für ihn. «Und der Einmarsch ist ein spezieller Moment. Du weisst: Jetzt geht es los, jetzt wird nichts mehr abgesagt.»

Wenn Heinzer diesen Sonntag im Einzel und am kommenden Freitag mit dem Team antritt, geht es um «s’Tüpfli uf em i» in seiner Karriere. So sagt er das. Mit 17 Siegen ist er der Rekordfech­ter im Weltcup, mit mehreren WM-Medaillen mit der Mannschaft immer ein gefürchtet­er Gegner. Doch an den Spielen in London und danach auch in Rio, da prallte er jeweils am späteren Olympiasie­ger ab. Heinzer aber ist nicht einer, der sich aufhalten lässt. Ausser eine Pandemie bricht aus.

Die Familienpl­anung war gemacht

Dies und die Verschiebu­ng von Olympia in Tokio um ein Jahr brachten erst einmal die Familienpl­anung durcheinan­der. Denn die war gemacht. Das zweite Kind kam im August zur Welt, eben nach den vermeintli­chen Spielen. «Das war wunderschö­n, mir war aber auch klar, dass ich jetzt noch ein halbes Jahr für mich schauen wollte», sagt er.

Und schauen hiess in seinem Fall: umschauen.

Seine verblüffen­den Trainingsv­ideos, die immer wieder viral gehen und sogar in der NHL bewundernd gepostet werden, täuschten im Herbst darüber hinweg, dass er Mühe hatte bei der täglichen Arbeit. «Deshalb suchte ich hinsichtli­ch Olympia nochmals einen neuen mentalen Reiz, ich wollte einen Tapetenwec­hsel.»

Heinzer fechtet, seit er fünf ist, hat in 25 Jahren vieles gesehen, vieles ausprobier­t – und doch immer vom Optimum geträumt. Wenn es der Internatio­nale Fechtverba­nd schon nicht fertig brachte, wie andere Verbände Wettkämpfe im speziellen Rahmen zu organisier­en, wollte er sich später wenigstens nicht vorwerfen, die Zeit nicht ideal genutzt zu haben.

Heinzer entschied sich deshalb für das plötzlich so Naheliegen­de: ein Rundumpake­t am neuen OYM, dem ultramoder­nen Sportzentr­um «On Your Marks» in Cham, nur wenige Minuten von zu Hause entfernt. «Das

«Der Einmarsch ist ein spezieller Moment. Du weisst: Jetzt geht es los, jetzt wird nichts mehr abgesagt.»

«Ich bin vielleicht nicht mehr so leichtfüss­ig wie bei den Olympische­n Spielen in London, dafür kräftiger.»

brachte mir eine fixe Tagesstruk­tur, Athletik- und Ausdauertr­aining vom Besten, eine auf mich abgestimmt­e Ernährung und Regenerati­onsmöglich­keiten im Haus», sagt er. Arbeitstag­e im OYM seien ihm entgegenge­kommen mit der grösser gewordenen Familie. «Ein Power-Nap ist dort eher möglich als zu Hause», schmunzelt er.

Der Sprunggewa­ltige, der seine Gegner auch einmal mit einem Treffer auf den Rücken überrumpel­t, ist ein Freak, auch mit über 30 Jahren. «Für mich ist jedes Training ein Leistungst­est, ich will jeden Tag besser werden, und ich muss jedes Mal ans Limit.» Wo man Verbissenh­eit vermuten könnte, steckt Leidenscha­ft dahinter.

Heinzer sagt, er habe früher schon nicht schlecht trainiert, jetzt aber mehr und gezieltere Einheiten absolviert. «Ich bin vielleicht nicht mehr so leichtfüss­ig wie in London, dafür kräftiger», umschreibt er seinen Wandel, ohne sich jedoch mehr Gewicht antrainier­t zu haben. Allerdings: Ersetzen konnte ihm dieser zusätzlich­e Aufwand etwas vom Wichtigste­n nicht: Das Wettkampfg­efühl, das Selbstvert­rauen, das er an den Turnieren aus seinen Siegen gezogen hat. «Die regelmässi­gen Turniergef­echte waren so weit weg, dass ich nicht mehr genau wusste, wie sich ein Sieg, wie sich der Erfolg anfühlt», sagt er. Und deshalb machte er sich seine wertvolle Vergangenh­eit zunutze. «Zehn Weltcupsie­ge im Einzel bedeuten, dass ich 60 Kämpfe gewonnen habe. Und die habe ich mir alle nochmals angeschaut, alle 60.»

Wer war der Gegner, was war dessen Stärke, was die Schwäche? Wie hat er auf ihn reagiert? Mit welchen Mitteln hat er ihn geschlagen, worauf muss er besonders achten? Und schliessli­ch: Wie fühlte es sich damals nach dem Sieg an?

«Ich habe mir täglich eine Stunde vor dem Einschlafe­n einen Kampf angeschaut, um so mein Selbstvert­rauen aufzubauen», erzählt er. Sein Ziel war, bei jedem Gefecht eine Kernbotsch­aft formuliere­n zu können. «Eigentlich ist es ganz einfach: Ich wollte mir die Feedbacks, die mir die erfolgreic­hen Wettkämpfe gaben, zurückhole­n.»

So zehrt er vor dem wichtigste­n Anlass der letzten fünf Jahre von seiner Vergangenh­eit. In seinen vier täglichen Gefechten am Schluss des Trainings am OYM hat er jeweils etwas versucht umzusetzen, was er auf den alten Aufnahmen gesehen hat. Und jetzt kann es losgehen. Jetzt wird nichts mehr abgesagt.

 ?? Foto: Laurent Gillieron (Keystone) ?? Olympia 2020 Grosse Ehre für die Bernerin Mujinga Kambundji und Max Heinzer: Die Sprinterin und der Fechter trugen gestern die Schweizer Fahne während der Eröffnungs­feier. Einer fehlt in Tokio: Hürdenläuf­er Kariem Hussein ist in einer Dopingkont­rolle hängen geblieben. (cd)
Foto: Laurent Gillieron (Keystone) Olympia 2020 Grosse Ehre für die Bernerin Mujinga Kambundji und Max Heinzer: Die Sprinterin und der Fechter trugen gestern die Schweizer Fahne während der Eröffnungs­feier. Einer fehlt in Tokio: Hürdenläuf­er Kariem Hussein ist in einer Dopingkont­rolle hängen geblieben. (cd)
 ?? Foto: Anthony Anex (Keystone) ?? Voller Fokus: Max Heinzer hat nach der Verschiebu­ng der Spiele auch die wachsende Familie dem Sport untergeord­net.
Foto: Anthony Anex (Keystone) Voller Fokus: Max Heinzer hat nach der Verschiebu­ng der Spiele auch die wachsende Familie dem Sport untergeord­net.

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