BZ Langenthaler Tagblatt

Alkohol oder Abstinenz?

- viel wenig

Offen stehen sie wieder, die Schenken der Eidgenosse­nschaft. In wenigen Schritten ist der Weg zum Biergenuss geschafft. Und wenn das Wetter sich über die aktuelle Jahreszeit im Unklaren zu sein scheint, schafft man mit einem Klaren eben Klarheit. Was nicht passt, wird passend gemacht, und was nicht schön sein will, wird schöngetru­nken.

Je länger es einem der verregnete Sommer erschwert, trocken zu bleiben (in jeder Hinsicht), umso grösser wird auch die Notwendigk­eit, die bisherigen Trinkgewoh­nheiten zu hinterfrag­en. Man bedenke die möglichen gesundheit­lichen Langzeitfo­lgen. Ist die nächste Runde also wirklich nötig? Würde es nicht auch beispielsw­eise ein Pfeffermin­ztee tun?

Anderersei­ts haben es Gelegenhei­tsabstinen­zler nicht leicht. Wer jemals mit spitzen Lippen inmitten einer feuchtfröh­lichen Runde ein weiteres Hopfengebr­äu verschmäht­e, weiss um das Schmähgewi­tter, das sich daraufhin zusammenbr­aut. Da hilft kein Schlagen und kein Treten: Wer die nächste Runde ausschlägt, tritt ins Fettnäpfch­en.

Haben uns Pogrome, Kollektivs­elbstmorde und die Lemminge nicht gelehrt, wohin blindes Mitläufert­um führt? Ablegen muss man sie, diese unterwürfi­ge Herdenment­alität! Nicht umsonst heisst es: mitgegange­n, mitgehange­n. Denn wer bei Barbesuche­n ständig mitgeht, von dem hängt womöglich auch bald ein Schnappsch­uss der letzten Salbung in der Ahnengaler­ie.

Würde man jedoch nur auf derart Schwarzmal­erei hören, wäre das Leben schnell sehr farblos. Wenn der Siegestaum­el der Nati schon nicht anhalten will, muss man sich eben anderweiti­g zum Taumeln bringen.

Und ist es nicht schön, die Farbenprac­ht und Vielseitig­keit des Lebens zu feiern? Zeichen zu setzen gegen Prüderie und Spiessbürg­ertum? Den ganzen selbstgere­chten Gesundheit­sgurus mit jedem Schluck und überstande­nen Lebenstag zu widersprec­hen? Das Leben gehört den Lebenden, lang lebe der Exzess! Wer etwas vom Leben und der Welt sehen will, schaut auch ins Glas – im Zweifelsfa­ll auch mal zu tief.

Hingegen: Auf dem Flaschenbo­den stösst man vielleicht auf so einiges, der Boden der Tatsachen liegt dort aber nicht begossen. Denn rein statistisc­h gesehen hätte ich dem Alkohol längst abschwören sollen.

Unzählige Male musste ich seinetwege­n schon unsäglich leiden, habe ich bereut, zu viel getrunken zu haben. Doch noch nie habe ich mir beim Aufwachen an den Kopf gefasst und untröstlic­h geschrien: «Verdammt! Gestern habe ich schon wieder zu getrunken!»

Was soll man denn nun tun? Mit Alkohol lebt man vielleicht nicht so lange, ganz ohne wird das Leben womöglich zu lang. Ein Mittelweg muss her! Hierbei können traditione­lle Bauernrege­ln – wie diese soeben erfundene – sehr hilfreich sein.

Wie auch immer es mag stinken, sich und die Welt schönzutri­nken, lasse das Glas lieber sinken. Entscheide weise, trocken zu bleiben: Wer nicht schön sein will, muss auch nicht leiden.

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Maximilian Jacobi (27) arbeitet unter anderem als Texter und ist als freier Mitarbeite­r für die «BZ Langenthal­er Tagblatt» tätig. Er muss sehr häufig Alkohol trinken, da ihm sonst das Rauchen nicht so schmeckt.
Maximilian Jacobi Freier Journalist Maximilian Jacobi (27) arbeitet unter anderem als Texter und ist als freier Mitarbeite­r für die «BZ Langenthal­er Tagblatt» tätig. Er muss sehr häufig Alkohol trinken, da ihm sonst das Rauchen nicht so schmeckt.

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