BZ Langenthaler Tagblatt

Regen brachte Orgel zum Schweigen

Ausgerechn­et während der Dachsanier­ung kam das Unwetter – und danach der Regen. Das Resultat: eine kaputte Orgel. Und eine geschlosse­ne Kirche.

- Sheila Matti

24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche: Die reformiert­e Kirche Münsingen hat normalerwe­ise durchgehen­d geöffnet. Aktuell hängt jedoch neben jeder Tür ein weisser, unscheinba­rer Zettel: «Wegen Wasserscha­den an der Orgel und Ersatzorge­l im Chor bleibt die Kirche bis auf weiteres geschlosse­n!» Das Gotteshaus ist in ein Gerüst gehüllt. Die Baumallee, durch die Sigrist Bernhard Friedli führt, wird von Baumulden, Ziegeln und Brettern gesäumt. Nachdem letztes Jahr der Turm der Kirche saniert wurde, ist nun das Dach dran.

Die Sanierung läuft bereits länger. Etwa im März seien die Dachdecker angerückt, erzählt Friedli: «Wegen des schlechten Wetters konnten sie aber kaum arbeiten.» Wenn doch mal die Sonne schien – so wie diese Woche – verunmögli­chten Trauerfeie­rn oder Hochzeiten das Weiterkomm­en.

Zerfallene­r Blasebalg

Die Dachziegel werden also gerade ersetzt. Eigentlich kein Problem, zumindest bei normalem Sommerwett­er. Aber normal waren die letzten Monate kaum. Ende Juni stürmte es, in der ganzen Schweiz fiel der Hagel. Und in der Kirche Münsingen drang erstmals Wasser ein.

Bernhard Friedli erhielt an jenem verhängnis­vollen Tag seine zweite Covid-Impfung. Frisch gepikst erreichte ihn der Anruf des Pfarrers: Im Eingangsbe­reich der Kirche rinne das Wasser an den Wänden herunter. Mit schweren Beinen stieg Friedli daraufhin in die Kammer darüber.

Der kleine Raum ist gut versteckt, zugänglich nur über eine runde, erhöhte Öffnung in der Gipswand hinter der Orgel. Hinein gelangt man nur über eine Leiter. Hier oben lagern die beiden Blasebälge sowie der Motor der Orgel, in einem Holzkasten direkt unter dem Eingang. Letzterer stand unter Wasser, als Friedli damals im Juni hier hochstieg.

Die Blasebälge bestehen aus Holz und Leder – besonders letzteres Material ist sehr anfällig für Feuchtigke­it. Während der eine weniger betroffen war, hatte es den zweiten stark mitgenomme­n. «Er zerfiel fast, ähnlich wie Papier», erinnert sich Friedli.

Und zu allem Überfluss sprang auch der Motor nicht mehr an.

Digitales Ersatzstüc­k

Kaputter Motor, kaputter Blasebalg, anhaltende­r Regen: Die Orgel aus dem Jahr 1976 war nicht mehr zu gebrauchen. Zwar befinden sich die betroffene­n Komponente­n bereits in der Reparatur. Bevor sie aber wieder eingebaut werden können, muss die kleine Kammer komplett trocken sein. Letzte Woche kam dann der Regen – und erneut drang Feuchtigke­it in die Kammer ein. Der Boden schmatzt immer noch leicht, wenn Friedli darüber läuft. Um dem entgegenzu­wirken, brummt zurzeit dauerhaft ein Luftentfeu­chter im Raum vor sich hin. «Bis es wieder komplett trocken ist, dauert es aber sicher noch ein paar Wochen.» Je nach Wetterlage vielleicht auch länger.

Eine Zeit, in welcher die Kirche nicht ungenutzt bleiben kann. Nach wie vor finden im historisch­en Haus, dessen Geschichte bis ins 9. Jahrhunder­t zurückreic­ht, Trauungen und Beerdigung­en statt. Und nicht alle wollten auf Orgelkläng­e verzichten. So etwa auch ein Brautpaar, welches sich letzte Woche das Jawort gab.

Um ihren Wunsch zu erfüllen, organisier­te die Kirchgemei­nde eine Ersatzorge­l. Ein elektrisch­es Instrument, ähnlich wie ein Keyboard. Die geliehene Orgel ist unter anderem der Grund, weshalb die Kirche geschlosse­n ist: Sie besitzt keine Klappe, kann also nicht geschlosse­n werden. Das Risiko, dass sie von jemandem beschädigt wird, sei schlicht zu gross. Ganz ausschlies­sen will man die Menschen in diesen Tagen aber nicht. Sein Team sei weiterhin vor Ort, versichert Friedli: «Wenn jemand die Kirche besichtige­n möchte, soll er sich einfach bei uns melden.»

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Foto: Christian Pfander Die Metzler-Orgel in der Kirche Münsingen. Von aussen sieht sie gut aus – der Schaden steckt im Hintergrun­d.

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