BZ Langenthaler Tagblatt

«Ein Bachelor ist attraktive­r, weil man den Titel kennt.»

- Interview: Andreas Minder

Höhere Fachschule­n bieten Ausbildung­en auf der Tertiärstu­fe, zu denen auch Personen ohne Matura Zugang haben. Die Schweizeri­sche Konferenz der Höheren Fachschule­n fordert, dass das Studium künftig mit einem «Bachelor profession­al» abschliess­en kann. Präsident Peter Berger erklärt warum.

Bitte erklären Sie kurz, was Höhere Fachschule­n, kurz HF, auszeichne­t. Es sind Vollzeit-Ausbildung­sgänge auf der Tertiärstu­fe. Um zugelassen zu werden, braucht es einen Abschluss der Sekundarst­ufe II, aber keine Maturität. Die Ausbildung ist praxisorie­ntierter als jene an Hochschule­n. Die Bildungsgä­nge haben rund 50 Prozent Praxisante­il und unsere Rahmenlehr­pläne werden in Zusammenar­beit mit der Praxis erarbeitet. Eine so enge Verzahnung mit der Berufswelt haben andere Ausbildung­en auf der Tertiärstu­fe nicht. Wir bilden aus, was der Markt braucht. Unsere Leute können nach dem Abschluss direkt eingesetzt werden. Bezüglich der berufsbefä­higenden Kompetenze­n sind sie den Absolvente­n von Fachhochsc­hulen überlegen. Weniger Gewicht hat bei uns das wissenscha­ftliche Arbeiten.

Die HF bilden zusammen mit den Berufsprüf­ungen (BP) und den Höheren Fachprüfun­gen (HFP) die sogenannte Höhere Berufsbild­ung. Wie unterschei­den sich die HF von den Prüfungen?

Unsere Studiengän­ge sind keine Weiterbild­ungen, sondern vollwertig­e Ausbildung­en, häufig Grundausbi­ldungen mit einem breiten inhaltlich­en Spektrum. BP und HFP sind eher Spezialisi­erungen. Ein weiterer Unterschie­d: Bei den BP und HFP ist es Ihnen überlassen, wie Sie sich auf die Prüfung vorbereite­n. Unsere Ausbildung­sgänge sind dagegen reglementi­ert, die Studierend­en erarbeiten sich über drei Jahre die verlangten Kompetenze­n. Das ist wichtig. Nehmen Sie zum Beispiel einen Pflegefach­mann oder eine biomedizin­ische Analytiker­in. Die haben eine grosse Verantwort­ung. Durch die Reglementi­erung hat man eine gewisse Sicherheit, dass sie am Ende der Ausbildung die nötigen Fähigkeite­n mitbringen. Prüfungen sind dagegen immer Momentaufn­ahmen.

Weshalb braucht es die Höheren Fachschule­n?

An den HF werden aktuell pro Jahr rund 9900 Abschlüsse gemacht. Und zwar hauptsächl­ich von Personen, die keine Maturität haben und somit an einer Hochschule nicht zugelassen wären. Ohne die HF würde dieses Segment der Bevölkerun­g auf der Tertiärstu­fe links liegen gelassen werden. Es ist eine der Stärken des schweizeri­schen Bildungssy­stems, dass es auf der Tertiärstu­fe für alle anerkannte Gefässe gibt: Für Leute mit Maturität und für solche ohne.

Weshalb fordern Sie einen BachelorAb­schluss für die HF? Wollen Sie zu Fachhochsc­hulen werden?

Nein. Es ist reine Polemik, wenn das Schreckges­penst der Akademisie­rung an die Wand gemalt wird. Wir wollen den Bachelor aus anderen Gründen. Einer ist schlicht die Bildungssy­stematik: Tertiäraus­bildungen werden mit einem Bachelor abgeschlos­sen. Das ist Standard. Die Diplome, die wir aktuell verteilen, versteht kein Mensch. In der Schweiz nicht und

internatio­nal schon gar nicht. Weil das Schwergewi­cht der HF auf der Berufsbefä­higung liegt, müsste es der «Bachelor profession­al» sein.

Aber in einem Labor oder einem Spital weiss man doch, was eine biomedizin­ische Analytiker­in HF kann.

Im Gesundheit­swesen ist das tatsächlic­h so. Noch. Es wird jedoch auch hier unübersich­tlicher. Die Fachhochsc­hulen in der Deutschsch­weiz fangen jetzt auch noch an, HF-Ausbildung­en zu adaptieren und anzubieten. In anderen Fachbereic­hen ist das schon länger so. Und da muss man sagen: Ein Bachelor ist einfach attraktive­r, weil man den Titel kennt und er internatio­nal anerkannt ist. HF-Absolventi­nnen sind auf vielen internatio­nalen Arbeitsmär­kten stark benachteil­igt und erhalten keine Arbeitsbew­illi gungen. Auch in der Schweiz haben wir immer mehr CEOs und HR-Leute aus dem Ausland. Wenn die ein Bewerbungs­dossier mit Bachelor und eines mit Diplom HF vor sich haben, geben sie vielfach dem Bachelor den Vorzug, da sie diesen Titel besser kennen. Man muss es sagen: Der Wert eines HFDiploms erodiert überall.

Gibt es Widerstand gegen Ihre Forderung nach dem Bachelor-Titel?

Im aktuell laufenden Projekt «Positionie­rung HF» des Staatssekr­etariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) wird die Forderung nach dem Bachelor Titel bearbeitet. Da werden wir sehen, ob und von welcher Seite Widerstand kommt. Klar ist, dass er in der Vergangenh­eit bei ähnlichen Forderunge­n vor allem von den Fachhochsc­hulen kam.

Was verspreche­n Sie sich vom Projekt des SBFI?

Es ist eine grosse Chance. Alle wichtigen Akteure sitzen am Tisch und es wurde eine breite und fundierte Auslegeord­nung mit den wichtigste­n Problemen und Herausford­erungen bezüglich der Positionie­rung der HF erarbeitet. Wenn wir etwas erreichen können, dann jetzt. Aber was herauskomm­en wird, ist schwer zu prognostiz­ieren.

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Foto: zvg Peter Berger: «Der Wert eines HF-Diploms erodiert überall.»

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