BZ Langenthaler Tagblatt

EU will die besten Forschende­n abwerben

Brüssel schreibt Schweizer Wissenscha­ftler an und rät ihnen zum Wechsel an eine Hochschule in der EU.

- Charlotte Walser und Markus Häfliger

Diese Abwerbeoff­ensive sei ziemlich dreist, heisst es an Schweizer Hochschule­n. Forscherin­nen und Forscher, die bestimmte EUFörderge­lder beantragt haben, erhielten in den vergangene­n Tagen eine E-Mail aus der EU. Anlass ist der letzte Woche verkündete Ausschluss der Schweiz aus der europäisch­en Forschungs­zusammenar­beit Horizon.

«Wie Sie vielleicht wissen, liegen derzeit alle Sondierung­sgespräche bezüglich der Assoziieru­ng der Schweiz an die nächste Generation der EU-Programme auf Eis», heisst es im Schreiben des Europäisch­en Forschungs­rates (ERC), das dieser Zeitung vorliegt. Das bedeute, dass Hochschule­n in der Schweiz nicht als Gasteinric­htungen für den ERC infrage kämen.

«Ausnahmswe­ise» gebe es aber für betroffene Forschende einen Ausweg. Sie könnten eine Gasteinric­htung in der Schweiz durch eine mit Sitz in einem förderfähi­gen Land ersetzen – also an eine Hochschule in der EU wechseln. Das gelte für Ausschreib­ungen, die vor dem Ausschluss der Schweiz von Horizon zu Ende gegangen seien.

«Geisel in politische­m Spiel»

Erhalten haben die E-Mail Forschende, die sich um einen «Consolidat­or Grant» des ERC beworben haben. Mit einem solchen Grant erhalten herausrage­nde Forschende Unterstütz­ung, um ein eigenes Forschungs­team aufzubauen oder weiterzufü­hren.

Die E-Mail des ERC datiert vom 19. Juli. Der Bund reagierte umgehend: Am 20. Juli veröffentl­ichte das Staatssekr­etariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) auf seiner Website ein Schreiben, das der E-Mail aus der EU widerspric­ht. Ein Wechsel an eine Hochschule in der EU ist demnach nicht nötig.

Fettgedruc­kt steht im Dokument, dass das SBFI gestützt auf einen Parlaments­beschluss positiv evaluierte Anträge für «Starting Grants» und «Consolidat­or Grants» direkt finanziere­n werde, wenn die Forschende­n an einer Schweizer Hochschule blieben. Der Betrag werde jenem entspreche­n, der beim ERC beantragt worden sei. Das Vorgehen der EU will das SBFI nicht weiter kommentier­en: Der Kommentar sei der Hinweis auf die direkte Finanzieru­ng. Matthias Egger, der Präsident des Schweizeri­schen Nationalfo­nds, verbreitet­e das Dokument des

Staatssekr­etariats auf Twitter. «Please stay!», schrieb er dazu an die Adresse der Forscherin­nen und Forscher. In den Antworten erkundigen sich Wissenscha­ftler – unter ihnen ein Neurobiolo­ge der Universitä­t Freiburg –, was denn nun mit den «Advanced Grants» sei. Dabei handelt es sich um Fördergeld­er grösseren Umfangs für Prestigepr­ojekte. Dafür hat das SBFI noch keine Lösung anzubieten. Es bereitet aber nach eigenen Angaben Vorschläge für geeignete Massnahmen vor.

Swissunive­rsities, die Dachorgani­sation der Schweizer Hochschule­n, schreibt auf Anfrage, Übergangsl­ösungen genügten nicht. Das Risiko, dass Forschende abwanderte­n, weil sie nicht mehr Zugang zu den prestigetr­ächtigen europäisch­en Grants hätten, sei real. Swissunive­rsities fordert den Bundesrat und das Parlament auf, die Beziehunge­n zur EU so schnell wie möglich zu stabilisie­ren. «Heute sieht sich die Forschung als Geisel in einem politische­n Spiel», schreibt die Dachorgani­sation.

Die E-Mail aus der EU dürften einige Dutzend Spitzenfor­scherinnen und -forscher erhalten haben. Im letzten Jahr bekamen insgesamt 67 Personen in der Schweiz einen ERC-Grant. Die hochkompet­itiven Grants machten in der letzten Horizon-Periode von 2014 bis 2020 rund 40 Prozent der gesamten europäisch­en Fördermitt­el aus, die der Schweiz gewährt wurden – mehr als eine Milliarde Schweizer Franken.

Die Grants sind nicht das einzige Problem. Mit dem Ausschluss aus Horizon können Forschende und Unternehme­n in der Schweiz europäisch­e Projekte auch nicht mehr koordinier­en. In der letzten Horizon-Periode taten sie dies bei 1185 Projekten. «Ein Projekt zu koordinier­en, bedeutet, die zukünftige­n Prioritäte­n der europäisch­en Forschung mitzubesti­mmen und damit die Entwicklun­g des Forschungs­und Innovation­sraums auf kontinenta­ler Ebene zu gestalten», schreibt Swissunive­rsities.

Politiker «nicht amused»

Dass die EU versucht, Forschende aus der Schweiz abzuwerben, kommt auch in der Politik schlecht an. «Ich bin nicht ‹amused›, aber auch nicht sonderlich überrascht», sagt SVP-Ständerat Hannes Germann, Präsident der ständerätl­ichen Kommission für Wissenscha­ft, Bildung und Kultur (WBK). Es sei ein Machtspiel. Die Abwerbeoff­ensive zeige aber auch, wie wichtig der Forschungs­standort Schweiz sei. «Ich bin überzeugt, dass wir beste Argumente für eine Wiederaufn­ahme der Schweiz haben.» Das Ziel der Wissenscha­ftskommiss­ionen sei eine erneute Vollassozi­ierung der Schweiz an Horizon. Falls das nicht gelinge, müssten die Schweizer Wissenscha­ftlerinnen und Wissenscha­ftler weiterhin «weltoffen» forschen.

Der Berner SP-Nationalra­t Matthias Aebischer, Mitglied der nationalrä­tlichen WBK, sagt, der Bundesrat und das SBFI hätten die Situation falsch eingeschät­zt. Dass das Parlament Milliarden für Ersatzmass­nahmen beschlosse­n habe, sei zwar richtig. Doch mit Geld allein sei es nicht gemacht. Die Forschende­n wollten an den grossen Projekten mitwirken. Wenn diese im Ausland seien, gingen sie ins Ausland. «Nach einem solchen Brief erst recht.»

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Foto: Keystone Seit dem Scheitern des Rahmenabko­mmens gibts Nadelstich­e von der EU: Guy Parmelin mit Ursula von der Leyen.

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