BZ Langenthaler Tagblatt

Duttis Erbe wankt

Die Migros prüft eine Aufhebung des Alkoholver­bots, der Aufschrei ist gross. Verrät der orange Riese damit seine Ideale? Über einen entspreche­nden Antrag wird der Genossensc­hafts-Bund im November entscheide­n.

- Christian Zürcher und Alan Cassidy

Dutti. Ein Wort reicht, und man spürt sogleich, wie viel Monika Weber noch immer von MigrosGrün­der Gottlieb Duttweiler hält. Sie nennt ihn «Dutti», immer wieder, und es klingt so liebevoll, wie eben nur über Jahre gewachsene Kosenamen klingen können. Sie schwärmt davon, wie Duttweiler preiswerte Nelken ins Sortiment aufnahm, damit Männer ihren Frauen Blumen kaufen konnten. Sie lobt die Visionen, mit denen er die Migros prägte – und damit das ganze Land. Sie sagt: «Er war ein Phänomen.»

Weber ist 78 Jahre alt, und sie hat, wenn man so will, Duttweiler­s Lebenswerk weitergetr­agen. Sie war als National- und Ständeräti­n die profiliert­este Politikeri­n des Landesring­s der Unabhängig­en (LdU), jener Partei, die Duttweiler gegründet hatte. Sie vertrat als Lobbyistin die Migros sechs Jahre lang in Bundesbern, und sie hat als pensionier­te Frau in den vergangene­n Jahren rund siebzig Vorträge über Duttweiler­s Leben gehalten.

Kaum eine Person kennt das Schaffen des 1962 gestorbene­n Duttweiler so gut wie Weber. «Dutti war ein Mann mit Idealen. Und diese Ideale übertrug er auf die Migros», sagt sie. Er wollte gute Produkte für alle Konsumente­n, nicht nur für die begüterten. Er förderte Gesellscha­ft und Kultur mit dem Kulturproz­ent. Er war gegen Alkohol und Tabak in den Läden, weil er darin eine Gefahr für die Volksgesun­dheit sah. Alles Dinge, die die Migros zu einem besonderen Unternehme­n machten.

An den Idealen gerüttelt

An diesen Idealen Duttweiler­s wird in diesen Tagen wieder einmal kräftig gerüttelt. Vor einer Woche wurde über die «SonntagsZe­itung» der Plan von Migros-Delegierte­n publik, die das Alkoholver­bot aufheben wollen. Monika Weber hat davon gelesen. «Erstaunt» sei sie, und sie sagt – sehr diplomatis­ch –, dass sie sich nicht in die Unternehme­nspolitik einmischen wolle. «Die Welt verändert sich», sagt sie und fügt an: Das Alkoholver­bot habe ihr immer gefallen. Es sei eine Eigenheit, die die Migros von anderen abhebe. Die Firma verzichtet­e auf Geld, damit Menschen sich nicht ins Elend soffen.

Statt sich zu den Plänen der Migros-Manager zu äussern, lässt Monika Weber lieber Dutti sprechen. Dessen Zitate hätten auch heute noch Bestand. Zum Beispiel: «Die Langweiler in der Welt sind die grössten Sünder.» Oder: «Der Kapitalism­us muss gereinigt werden von seinem reinen Profitdenk­en.»

Solche und ähnliche Zitate Duttweiler­s können den Blick darauf versperren, was aus der Migros heute geworden ist: ein Unternehme­n mit einem Jahresumsa­tz von fast 30 Milliarden Franken. Ein Handelsimp­erium, das fast alle Lebensbere­iche umfasst. Zur Migros gehören Discounter (Denner), Fachmärkte (Obi, SportXX), Möbelhäuse­r (Micasa), Fitnesscen­ter und Gesundheit­spraxen. Zur Migros gehören auch Reiseanbie­ter (Hotelplan), Onlinehänd­ler (Digitec-Galaxus, LeShop) und die Migros-Bank. 100’000 Menschen arbeiten in der Schweiz für eine Firma der Migros-Gruppe. Sie ist die grösste private Arbeitgebe­rin des Landes.

Diese Grösse macht die Migros mächtig, aber auch träge. Das Unternehme­n mit seinen zehn Genossensc­haften leide unter «barocken, unflexible­n und patriarcha­len Strukturen», konstatier­te das Onlinemaga­zin «Republik» vor zwei Jahren. Im ewigen Wettstreit mit Coop, der grössten Konkurrent­in, musste sie zunehmend Rückschläg­e einstecken. Im vergangene­n Jahr löste Coop die Migros beim Umsatz im Detailhand­el sogar erstmals als Marktführe­rin ab, wie eine Erhebung des Instituts GFK zeigt. Für das Selbstvers­tändnis der Migros, sagt ein Insider, sei dies ein schwerer Schlag. Beim Management am Zürcher Hauptsitz steige deshalb die Nervosität.

Kein Wunder also, dass nun eine alte Idee neuen Auftrieb erhält: der Verkauf von Alkohol. Der Aufschrei in den Kommentars­palten war schon einmal beträchtli­ch, von Profitdenk­en und verratenen Werten war zu lesen. Bis zu 2 Milliarden Franken mehr Einnahmen pro Jahr könnte die Migros damit erzielen, rechnete der ehemalige Finanzchef Mario Bonorand in der «Aargauer Zeitung» vor. Diese kommerziel­len Gelüste sind nicht neu, doch so real war die Frage lange nicht mehr. Wenn es an der Versammlun­g der MigrosDele­gierten

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Foto: Bildarchiv ETH-Bibliothek Zürich Der Ford-T-Lastwagen diente als erster Migros-Wagen: Am 25. August 1925 nahm die Migros ihren Geschäftsb­etrieb mit fünf Verkaufswa­gen auf.
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Ex-Lobbyistin Monika Weber ist erstaunt über die Diskussion; Ex-Chef Anton Scherrer ist dafür.

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