BZ Langenthaler Tagblatt

Der Weg zur Urabstimmu­ng

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In den Migros-Statuten steht, dass sich die zehn Genossensc­haften verpflicht­en, «auf den Verkauf von alkoholisc­hen Getränken und Tabakwaren zu verzichten».

Dieser Passus steht an der Delegierte­nversammlu­ng vom 6. November des Migros-Genossensc­hafts-Bundes zur Debatte. Ein Antrag will dieses Verbot streichen, ein zweiter will es beibehalte­n. Beim dritten Antrag soll nur das Alkoholver­bot kippen. Bei einer Mehrheit kommt es zu einer Urabstimmu­ng bei allen zehn regionalen Genossensc­haften.

im November eine Mehrheit gäbe, müssten die 2,2 Millionen Genossensc­hafter über die Alkoholfra­ge entscheide­n, es käme zur Urabstimmu­ng.

Ex-Chef macht eine Umfrage

Anton Scherrer führte die Migros von 2001 bis 2005. Als er kürzlich vom Vorstoss der Delegierte­n erfuhr, führte er mit seiner Familie zu Hause gleich eine ganz eigene Urabstimmu­ng über die Alkoholfra­ge durch. Man habe hin und her diskutiert und sei zum Schluss gekommen, dass die Kunden selber mündig seien zu entscheide­n, erzählt der 78-Jährige.

Er habe sich gefragt, ob das Alkoholver­bot zum Image der Migros gehöre. Und kam zum Schluss: eher nein. «Der Verzicht auf Alkohol ist nicht mehr der Anker der Migros. Der Anker ist ein gutes Angebot zu bestem Preis-Leistungs-Verhältnis. Und das soziale Engagement, besonders im kulturelle­n Bereich», sagt Scherrer.

Zudem müsse man in der Alkoholfra­ge den Zeitgeist beachten. Besonders für Jüngere sei es kaum ein Thema, ob die Migros Alkohol verkaufe oder nicht. Ihnen fehle der Bezug zur damaligen Migros und zu ihrem Gründer. «Sie interessie­rt das beste Angebot», sagt Scherrer. Darum sei es gut, dass man nun die Genossensc­hafter darüber befrage.

Wenn Scherrer vom anderen Zeitgeist spricht und Monika Weber Duttweiler zitiert, hat das etwas von einer Exegese. Beide haben Duttweiler nicht mehr gekannt, und doch versuchen sie,

Duttweiler­s Worte und Werte zu deuten, auszulegen. Was kann die Migros? Was darf sie?

Jules Kyburz hat noch mit Duttweiler gearbeitet. Als 20-jähriger Magaziner fing er bei der Migros an, arbeitete sich zum Unternehme­nschef hoch und wachte danach neunzehn Jahre lang als Präsident der Duttweiler-Stiftung über die Werte der Migros. Heute ist er 89 Jahre alt, ein Pensionär, der immer noch auf den Golfplatz geht.

Kyburz sagt, es gebe einen guten Grund, weshalb die Migros nun den Alkohol einführen solle. «Es hat eine gewisse Verlogenhe­it, wenn die Migros sagt, dass sie keinen Alkohol verkaufe.» Er spricht die Migros-Töchter Denner, Galaxus und LeShop an, auch die Migros-Partner-Läden. Über all diese Kanäle verkauft die Migros bereits heute Wein, Bier und Spirituose­n. Eine ganzheitli­che Einführung wäre daher logisch. Und doch ist Kyburz «absolut dagegen»: «Wir müssen Duttis Erbe hochhalten.»

Wen verärgert man?

Kyburz ist aufgefalle­n, wie die Migros Lindt und Ovomaltine ins Sortiment nahm und damit die erfolgreic­hen Eigenmarke­n Chocolat Frey und Eimalzin zurückstuf­te. Er hat gesehen, wie das Unternehme­n, das so stolz war auf seine Identität, sich immer mehr der Konkurrenz anpasste. «Die Migros war anders. Doch nun werden wir immer gleicher.»

Tatsächlic­h stellen sich der Migros mit dem Alkoholver­kauf ganz fundamenta­le Fragen. Kann sie es sich leisten, einen – wahrschein­lich nicht zu knappen – Teil ihrer Konsumenti­nnen und Konsumente­n zu verärgern, für die das Alkoholver­bot zum Kern der Marke gehört?

Martin Schläpfer, der langjährig­e frühere Cheflobbyi­st der Migros in Bern, hat Zweifel. «Wenn man ein solches Alleinstel­lungsmerkm­al nach so langer Zeit aufgibt, muss man das kommunikat­iv gut begründen.» Sollte es zur Urabstimmu­ng kommen, werde es für die Migros um viel gehen. «Zwei Fünftel der Schweizer Stimmbevöl­kerung wird mitreden können. Es wird eine nationale Debatte geben. Da geht es nicht einfach um Wein und Bier. Da geht es um das Erbe Duttweiler­s.»

Für das Unternehme­n ist das eine Debatte mit Risiken. In den Medien fiel das Unternehme­n in den vergangene­n Jahren oft negativ auf. Durchzogen­e Geschäftsz­ahlen, der Verkauf von Globus ins Ausland, der Skandal um Wahlbetrug und Bereicheru­ng in der Genossensc­haft Neuenburg-Freiburg: Die Migros hätte Good News wieder einmal nötig. Aber taugt der Verkauf von Alkohol und Tabak dazu?

Womöglich wird die Identität der Migros bald öffentlich verhandelt, von Genf bis Romanshorn. Darauf müsse die Migros eine Antwort haben, sagt Martin Schläpfer. «Sie wird den Leuten erklären müssen, wofür sie denn in Zukunft noch steht.»

Die Migros braucht wieder eine Vision. Vielleicht mehr denn je.

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