BZ Langenthaler Tagblatt

«Unsere Kinder werden indoktrini­ert»

Rechte Amerikaner beklagen angebliche­n Gender-Wahn und übertriebe­nen Anti-Rassismus. Jetzt nehmen sie lokale Schulgremi­en ins Visier.

- Thorsten Denkler, New York

Debbie Edsall steht im Stadtzentr­um von South Riding, knapp 50 Kilometer westlich von Washington, und sammelt Unterschri­ften. Gemeinsam mit ihren Mitstreite­rn von «Fight for Schools» fordert die 55-Jährige die Abwahl der Mitglieder des Loudoun County School Boards, der zuständige­n Behörde des Schulbezir­ks. Nach drei Stunden werden sie 70 neue Unterschri­ften beisammenh­aben in ihrem Kampf gegen angebliche­n Gender-Wahn, übertriebe­nen AntiRassis­mus und dem vermeintli­chen Pandemie-Versagen der Schulveran­twortliche­n.

Warum sie das macht? «Um meine Tochter zu schützen», sagt Debbie Edsall. Sie war auch dabei, als das School-Board-Treffen kürzlich im 20 Autominute­n entfernten Ashburn aus dem Ruder lief. In normalen Zeiten hören bei den Treffen eine Handvoll interessie­rter Bürger zu oder stellen Fragen. Es sind aber keine normalen Zeiten mehr in Loudoun County. School Boards sind direkte gewählte Gremien, welche die Geschicke der Schulen in einem Bezirk steuern. Die Lerninhalt­e werden zwar von den Bundesstaa­ten vorgegeben. Aber die Boards haben Einfluss darauf, wie diese Inhalte in den Unterricht einbezogen werden.

«Shame on you!»

Für die Sitzung des Loudoun County School Boards in Ashburn hatten sich 250 Bürgerinne­n und Bürger angemeldet. «Shame on you! Shame on you!», schrien sie, «schämt euch!» Und sie hielten Schilder hoch: «Stop Teaching Racism» – «hört auf, Rassismus zu lehren». Die Sitzung musste abgebroche­n werden. Zwei Teilnehmer wurden festgenomm­en.

Es sind die alten Kampftheme­n: weisse Vorherrsch­aft, systemisch­er und alltäglich­er Rassismus, Gleichstel­lungsfrage­n. Die Methoden aber sind neu: Nie zuvor sind lokale Gremien wie School Boards derart gezielt und konzertier­t angegriffe­n worden.

Atoosa Reaser ist Vizevorsit­zende des School Boards von Loudoun County. Sie ist im Visier der rechten Protestbew­egung, bekommt Todesdrohu­ngen und Schmähanru­fe. Im Videogespr­äch wirkt sie trotzdem entschiede­n, sich nicht kleinkrieg­en zu lassen. «Ich will Kindern helfen, sich eine Zukunft aufzubauen», sagt sie. «Und ich hoffe, dass sich letztlich alle darauf einigen können.»

Auf die Mitglieder von School Boards loszugehen, ist eine neue Taktik rechter Strategen wie dem früheren Trump-Berater Steve Bannon. Dieser sagte kürzlich: «Der Weg, die Nation zu retten, ist sehr leicht. Er geht über die School Boards.»

Board-Mitglieder sind mehr engagierte Bürger als profession­elle Politiker. Gut organisier­te lokale Gruppen wie «Fight for Schools» sammeln Hundertaus­ende Dollar an Spenden ein. Das ist in einem Wahlkampf um Sitze im School Board eine Menge Geld.

Ähnliche Kämpfe toben in Texas, Missouri oder auch Kalifornie­n. Der Sender NBC berichtet von landesweit 165 Gruppen, die lokale School Boards bekämpfen. Im ersten Halbjahr 2021 sind landesweit 55 Abwahlproz­esse von School-Board-Mitglieder­n in Gang gesetzt worden. Doppelt so viele wie sonst in einem Jahr.

Auch Jackie Brooks will für die Abwahl des Loudoun County School Boards unterschre­iben. Der Sohn der 47-Jährigen geht in die nahe gelegene Lightridge High School. Ihr Mann ist weiss, sie kommt aus Bolivien. «Das geht doch nicht, dass sie den Kindern beibringen, dass alle Weissen Rassisten sind», sagt sie. Brendon Kruk stimmt Brooks zu. Seinen vier Kindern werde erzählt, «Weisse sind die Unterdrück­er und Schwarze die Unterdrück­ten». Kinder sollten mit der Sklaverei, dem Bürgerkrie­g und der Bürgerrech­tsbewegung konfrontie­rt werden, sagt der 50-Jährige. Aber was da gerade in den Schulen passiere, «das geht einfach zu weit».

Der zentrale Begriff ist die «Critical Race Theory» (CRT), ein in den 1970er-Jahren etablierte­s Konzept, das heute an juristisch­en Fakultäten unterricht­et wird. Es untersucht, welche Rolle das Recht darin spielt, die «rassistisc­he Ungleichhe­it in unserem Land zu fördern», sagt Kimberlé Crenshaw, Professori­n an der Columbia School of Law. Auf keinen Fall aber sei das Stoff für Primarschü­ler.

Brendon Kruk und seine Mitstreite­r sind überzeugt, dass die CRT in den Schulen von Loudoun County unterricht­et wird. Und dass das ein marxistisc­hes Denkkonstr­ukt sei, mit dem Hass auf Weisse, gar Hass auf die USA gelehrt werde. Das glaubt auch Mike Brown. Der 47-Jährige ist Afroamerik­aner, Ex-FBI-Ermittler und kinderlos. Er unterstütz­t die «Fight for Schools»-Bewegung, denn «unsere Kinder werden mit CRT indoktrini­ert».

Behörden wehren sich

CRT werde nicht in den Schulen vermittelt, sagen dagegen das Loudoun County School Board, die Schulleite­r und der Superinten­dent für den Schulbezir­k. «Wir haben das in einer öffentlich­en Anhörung speziell zu dieser Frage dargelegt», sagt SchoolBoar­d-Vize Atoosa Reaser. Von den Kritikern sei niemand erschienen.

Sehr wohl aber wird in den Schulen auf aktuelle Ereignisse eingegange­n. Wie nach dem Mord an George Floyd im vergangene­n Jahr, als die landesweit­en «Black Lives Matter»-Proteste gegen Polizeigew­alt entflammte­n. Viele Lehrkräfte haben die Ereignisse später im Unterricht behandelt. Mit der CRT hat das nichts zu tun, rechte Aktivisten behaupten trotzdem das Gegenteil. Sie haben die CRT zu ihrem Kampfbegri­ff gemacht.

Für CRT-Forscherin Crenshaw ist klar, woher diese Art von Widerstand kommt. Die Menschen wollen Lehren verbieten, deren Vertreter sich weigerten, «die Lüge zu verbreiten, dass Amerika seine rassistisc­he Geschichte triumphier­end überwunden habe und dass alles hinter uns liege». Ein Blick nach Loudoun County reicht, dass dem nicht so ist. Rassistisc­he Übergriffe gehören auch hier zum Alltag.

Auf die Mitglieder von School Boards loszugehen, ist eine neue Taktik rechter Strategen wie Steve Bannon.

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Foto: Andrew Caballero-Reynolds (AFP) «Ich bin keine Unterdrück­erin»: Kinder und ihre Eltern demonstrie­ren gegen die Critical Race Theory.

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