BZ Langenthaler Tagblatt

Wetten, dass er sich für YB ausbezahlt?

In der neuen Saison muss der selbstbewu­sste Franzose mehr Verantwort­ung schultern. In Abwesenhei­t von Jean-Pierre Nsame könnte er zum wichtigste­n Einzelspie­ler avancieren.

- Moritz Marthaler

Wetten? «Es gibt schon genug Druck», sagt Jordan Siebatcheu und lächelt. Nach dem 0:0 bei Bratislava eröffnet der französisc­he Stürmer mit den Young Boys heute auch die SuperLeagu­e-Saison – über den Ausgang der Partie gegen Luzern mag er nicht mutmassen.

Aber zu einer Wette hat er unfreiwill­ig bereits beigetrage­n. Das Engagement von Jordan Siebatcheu war für YB ein ungewisses Spiel. Zwar ging Sportchef Christoph Spycher mit überschaub­arem Risiko ans Werk und übernahm den in Frankreich aufgewachs­enen US-Amerikaner mit kamerunisc­hen Wurzeln leihweise von seinem damaligen Club Stade Rennes. Aber dennoch: Für YB stellte sich nach dem Abgang von Guillaume Hoarau die Frage, ob mit dem damals formschwac­hen Siebatcheu der nächste lang gewachsene Franzose in Bern seine Karriere erfolgreic­h neu werde lancieren können.

Die knappe Antwort ein Jahr später ist: Ja. 12 Tore glückten Siebatcheu vergangene Saison, 3 in der Europa League, im Mai unterschri­eb er bei YB folgericht­ig einen Dreijahres­vertrag. Als er vor einem Jahr von Stade Rennes nach Bern kam, trug er noch immer den Ruf eines teuren Missverstä­ndnisses mit sich herum. Fast 10 Millionen Euro hatte Rennes 2018 an Siebatcheu­s Stammclub Reims überwiesen, das Engagement war von Formtiefs und Verletzung­en geprägt gewesen.

Vom Stürmer im Jammertal zum Goalgetter

Und auch in Bern hatte Siebatcheu Startschwi­erigkeiten. In Kurzeinsät­zen blieb er blass, ihm fehlte die Bindung zum Spiel, bis in den Herbst wartete er auf sein erstes Tor. Es fiel schliessli­ch kurz vor Weihnachte­n gegen Lugano, als der grosse Torjäger Jean-Pierre Nsame verletzt fehlte. Im gleichen Spiel gelang ihm das zweite, und drei Tage später in St. Gallen doppelte er doppelt nach. Vier Treffer in zwei Spielen, der Stürmer im Jammertal war plötzlich ein Goalgetter im Gipfelglüc­k – und zur Winterpaus­e wussten sie bei YB: Die Aktie Siebatcheu ist im Steigen begriffen.

Seither geht es für den selbstbewu­ssten Franzosen aufwärts. Drei Tore im Sechzehnte­lfinal gegen Leverkusen, ein gewichtige­r Beitrag zum Meistertit­el, der neue Vertrag im Mai. Der kommenden Saison blickt Siebatcheu gelassen entgegen – trotz einer grösseren Rolle im Team.

Nach dem Achillesse­hnenriss von Nsame ist der 25-Jährige nun der Stossstürm­er Nummer 1 und mit seiner Grösse neben den kleineren, weniger erfahrenen Meschack Elia (23 Jahre) und Felix Mambimbi (20 Jahre) gesetzt. Siebatcheu sagt: «Wir stehen so oder so unter Druck – alle erwarten doch, dass wir wieder Meister werden. Wir müssen alle liefern und sind weiter erfolgshun­grig.»

Die starke Abhängigke­it von Nsame

YB zeigte sich gerade in den letzten beiden Jahren extrem abhängig vom zweifachen Torschütze­nkönig Nsame. Und der Kameruner wird noch lange fehlen. Nach seiner überragend­en Saison 2019/20 mit 32 Liga-Treffern war die Offensive in der vergangene­n Spielzeit etwas breiter aufgestell­t, Nsame erzielte «nur» noch knapp 25 Prozent aller YBTore in der Super League. Und jetzt? «Die Verantwort­ung wird auf noch mehr Schultern verteilt sein», sagt Siebatcheu, «weil es auch komplizier­te, zähe Spiele geben wird, die lange 0:0 stehen. Darauf bereitet uns der Trainer gut vor.»

Der Trainer ist neu bei YB, aber im Umgang mit David Wagner brauchte Siebatcheu keinen langen Anlauf. Als er nach dem Sieg mit dem amerikanis­chen

Nationalte­am in der Nations League der Concacaf-Verbände und einer Woche Ferien in Kamerun zu YB stiess, fanden die beiden US-Bürger sofort ins Gespräch. «Er scheint deutsche Disziplin und amerikanis­che Lockerheit zu vereinen», sagt Siebatcheu über seinen Trainer. Wagner kennt das Umfeld, in dem sich Siebatcheu als «Secondo» im Nationalte­am derzeit bewegt. Der Deutsche absolviert­e seine acht Länderspie­le für die USA ebenfalls mit vielleicht weniger Bezug zum Land als einige seiner Mitspieler. Auch Nationaltr­ainer Gregg Berhalter zählte wie Wagner in den 90erJahren zum US-Kader, zusammen auf dem Platz standen die beiden aber nie.

Bereits wieder im Dreitagest­akt

Der Auftakt in die neue Saison ist YB mit dem Spiel in Bratislava weder besonders geglückt noch total misslungen. Die Berner zeigten sich insofern modern, als sie nach der abgeschaff­ten Regel im Europacup beim 0:0 gleich gänzlich aufs Auswärtsto­r verzichtet­en. Siebatcheu stand 90 Minuten auf dem Feld, blieb aber wirkungslo­s. «Man hat gesehen, wie gross die Unterstütz­ung von 1000 Zuschauern sein kann. Wir hoffen darauf, dass viele YB-Fans ans Heimspiel kommen, um diesen wichtigen Sieg zu holen.»

Vor dem Rückspiel in einer Woche wartet am heute die Aufgabe in Luzern, danach geht es bereits wieder europäisch weiter, die Spiele folgen im Dreitagest­akt. «An diesen Rhythmus sind wir nach letzter Saison gewöhnt. Wir werden das wegstecken», sagt Siebatcheu.

Wetten?

So könnte YB spielen

von Ballmoos; Maceiras, Camara, Zesiger, Garcia; Ngamaleu, Aebischer, Lauper, Spielmann; Siebatcheu, Elia. –

Es fehlen: Nsame, Lustenberg­er, Maier und Monteiro (verletzt).

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Foto: Raphael Moser Nach Anlaufschw­ierigkeite­n geht es für Jordan Siebatcheu bei YB immer höher hinaus.

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