BZ Langenthaler Tagblatt

Die grösste Gefahr bei YB lauert in den eigenen Reihen

YB hat zwar einen neuen Trainer, aber noch fast dieselbe Mannschaft. Die Gefahr, nach vier Meistertit­eln nachzulass­en, besteht.

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Gerardo Seoane sass in der Länderspie­lpause im März auf der Tribüne der Leichtathl­etikanlage Wankdorf. Die Unterbrech­ung bot in der hektischen Corona-Saison einen selten Moment zur Reflexion. Irgendwann während des langen Hintergrun­dgesprächs ging es um die YB-Spieler, die bereit seien für den nächsten Schritt. Der Trainer zählte viele auf, unter anderem Nicolas Ngamaleu. Seoane sagte auch, dem Offensivsp­ieler würde nach vier erfolgreic­hen Jahren in Bern eine Luftveränd­erung guttun.

Wenn YB am Samstag in

Luzern in die Super League startet, bereitet Seoane Bayer Leverkusen auf die neue Saison vor. Er hat den nächsten Schritt vollzogen. Seine letztjähri­ge YB-Mannschaft ist hingegen fast unveränder­t geblieben (einzig Gianluca Gaudino wechselte nach Deutschlan­d). Die Spieler, die Seoane aufzählte, sie sind alle immer noch da.

Am Mittwoch, beim 0:0 im Hinspiel der Qualifikat­ion zur Champions League bei Slovan Bratislava, spielte Ngamaleu am Flügel, so wie man das seit Jahren kennt. Im Tor stand David von Ballmoos, im Mittelfeld agierte Michel Aebischer – und so weiter und so fort: Es war eine Mannschaft, die auch von Seoane hätte nominiert sein können – mit der Ausnahme vielleicht, dass Meschack Elia nicht am Flügel zum Einsatz gekommen wäre.

Die eine: YB ist eine geölte Maschine. Der neue Trainer David Wagner braucht am Team, das die letzte Saison mit 31 Punkten Vorsprung beendete, nicht viele Schräubche­n zu drehen. Das ist ein Vorteil.

Die andere: Veränderun­gen schaffen Reibungen und Anreize. Die Mannschaft kennt sich gut, womöglich zu gut. Und auch wenn jeder der Spieler seine persönlich­en Ziele hat und jeder weiterkomm­en will, so besteht doch die Gefahr, nachzulass­en. Denn viele Spieler haben in der Schweiz alles erreicht, was es zu erreichen gibt. Das ist ein Nachteil.

Keine der Betrachtun­gsweisen ist falsch. Die Frage bei YB vor dieser Saison ist: Welche wirkt sich stärker aus?

Die Young Boys haben die Gefahr erkannt. Sportchef Christoph Spycher sprach bei der Vorstellun­g Wagners von neuen Impulsen, die er sich vom Deutschen erhoffe. Er sagte: «Ich würde mir nie verzeihen, sollte YB zur Komfortzon­e werden.» Und der neue Trainer wird nicht müde zu betonen, dass dasselbe wie letzte Saison vielleicht nicht mehr gut genug sein werde.

Wer meint, diese Synchroniz­ität in der Kommunikat­ion sei Zufall, der irrt.

Der FC Basel hatte während seiner achtjährig­en Herrschaft fünf Trainer, Saison für Saison kam es zu Umwälzunge­n im Kader. YB hätte diesen Sommer gern zwei, drei Spieler für gutes Geld verkauft. Das ist ein zentraler Teil des Geschäftsm­odells. Doch dieses ist im zweiten Corona-Jahr schwer umsetzbar geworden. Es herrscht Flaute auf dem Transferma­rkt. Dazu kommt, dass mit Jean-Pierre Nsame im zweitletzt­en Spiel der letzten Saison der aussichtsr­eichste Wechselkan­didat einen Riss der Achillesse­hne erlitt und lange ausfällt. Wer sein Material nicht verscherbe­ln will, der hat es zurzeit schwer, das Team umzubauen.

Und so wird bei YB entscheide­nd sein, wie viele neue Impulse Wagner dem Team verleihen kann. Er scheint das physische Element noch stärker zu gewichten als sein Vorgänger. Unter ihm werden Spieler in der Hierarchie aufsteigen, andere werden absteigen. So wie das immer der Fall ist bei einem Trainerwec­hsel.

YB hätte diesen Sommer gern zwei, drei Spieler für gutes Geld verkauft. Doch das ist im zweiten CoronaJahr schwer umsetzbar geworden.

Ist das genug?

Die Antwort auf diese Frage wird zeigen, ob es für YB erneut eine erfolgreic­he Saison wird. Stärker sogar als die Tatsache, dass mit Nsame und Captain Fabian Lustenberg­er zwei Säulen lange fehlen werden und die Konkurrenz besser aufgestell­t scheint als im Vorjahr.

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