BZ Langenthaler Tagblatt

Warum er über ein Mittel für Wanderer stolpert – und noch Glück hat

Der Hürdenläuf­er lutschte an einer Tablette, die ihm nun eine Sperre von neun Monaten einbrockt – und selbst den Schweizer Anti-Doping-Chef zum Staunen bringt.

- Christian Brüngger

Ernst König wählt seine Worte mit Bedacht. Das muss er nur schon, weil er Chef der nationalen Anti-Doping-Agentur ist. Aber König lässt im Gespräch keinen Zweifel aufkommen, dass er schlicht baff ist: über die positive Dopingprob­e von Kariem Hussein bzw. dessen Verhalten.

Natürlich würde es der diplomatis­che König nie so formuliere­n, sondern so: «Auf unserer Website oder mittels App kann jede Substanz darauf gecheckt werden, ob sie erlaubt oder verboten ist. Das dauert bloss ein paar Sekunden.»

Fataler Irrtum

Oder so: «Wir bläuen den Athleten immer und immer wieder ein, dass sie checken sollen, wenn sie ein Mittel zu sich nehmen.» Oder so: «Wie alle Athleten musste auch Kariem Hussein vor den Spielen einen Onlinekurs absolviere­n, in dem es um alle diese Facetten ging.»

Und trotzdem teilte der Europameis­ter von 2014 gestern Morgen schriftlic­h und mündlich mit, dass er für neun Monate gesperrt worden sei. Er habe nach dem Finallauf an den Schweizer Meistersch­aften von Ende Juni eine Gly-Coramin-Lutschtabl­ette zu sich genommen – ein Produkt, das in der Schweiz vor allem in den 1970er- und 1980erJahr­en boomte. Er ging von einer zugelassen­en Substanz aus.

Diese Annahme trifft aber nur für das Training und nicht für Wettkämpfe zu. Das darin enthaltene Stimulans Nikethamid kann die Leistung positiv beeinfluss­en – und ist darum rund um Einsätze verboten. Was Hussein offenbar nicht wusste, weil er weder Verpackung noch Beilagezet­tel gelesen hat: Die Firma, welche das Produkt herstellt, empfiehlt es primär ermatteten Wanderern oder anderen müden Freizeitsp­ortlern. Im entspreche­nden Prospekt, in dem explizit steht, dass «die Einnahme eine positive Reaktion bei AntiDoping-Kontrollen»

zur Folge haben kann, sind darum praktische­rweise auch noch gleich ein paar Wanderunge­n als Tipps aufgeführt.

Warum also um alles in der Welt nimmt ein Topathlet, der notabene auch noch Arzt und damit in pharmakolo­gischer Hinsicht kein Laie ist, diese Lutschtabl­ette? Weil sein Blutzucker­spiegel gemäss eigener Aussage nach dem Finallauf fiel. Also lutschte er Gly-Coramin, das mehrheitli­ch aus Traubenzuc­ker besteht.

Alles zusammen macht aus Hussein darum keinen klassische­n Dopingfall, weil selbst Ernst König sagt, der Athlet habe das Mittel nicht zur Leistungss­teigerung eingenomme­n. Er sagt aber auch: «Wir lehren schon die jungen Athleten, dass sie keine Zusatzprod­ukte benutzen sollen. Wem beispielsw­eise der Blutzucker­spiegel fällt, der kann ihn etwa mittels einer Banane heben.»

Der irritieren­de Satz

Insofern irritiert ein Satz im Communiqué von Hussein, das ab Freitagmor­gen zirkuliert­e, besonders: «In diesem Fall bin ich an meinem eigenen Anspruch an Perfektion gescheiter­t», liess er sich zitieren. Hussein redete am Freitag nicht mit den Medien, sondern steht erst heute für Fragen zur Verfügung.

Und: Hussein ist mit einer Dauer der Sperre von neun Monaten noch glimpflich davongekom­men. Es hätten im schlimmste­n Fall auch zwei Jahre sein können – im besten eine Verwarnung. Weil es praktisch keine solchen Fälle mit dieser Substanz gibt, stützten sich die Schweizer primär auf ein Urteil des Internatio­nalen

Sportgeric­htshofs. Es handelte sich um den Fall von Tennisspie­ler Marin Cilic, der die gleiche Substanz (Nikethamid) in seinem Urin hatte.

Glaubhaft und kooperativ

Mildernd wirkte im Fall von Hussein, dass er nach der positiven Probe sofort kooperiert­e und seinen Fauxpas einräumte. Alles, was er sagte und die Dopingbekä­mpfer überprüfen konnten, war glaubhaft. Gegen eine kürzere Sperre sprachen seine Erfahrung als Athlet und sein berufliche­r Hintergrun­d.

Hussein ist kein athletisch­er Jungspund mehr und hätte folglich mit dem Thema sowohl als Sportler wie auch als Mediziner vertraut sein müssen – oder zumindest vorsichtig genug, abzuchecke­n, was er da zu sich nimmt.

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Foto: Getty Images Kann sich sein Fehlverhal­ten selber gar nicht erkären: Kariem Hussein.

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