BZ Langenthaler Tagblatt

Sie ist nur 142 Zentimeter gross und überragt doch alle

Kunstturne­rin Simone Biles kann zur grossen Figur in Tokio werden. Weil sie zeigt, was sonst keine kann.

- David Wiederkehr

Der Alarm ging sofort los. «Ich kann nicht mehr atmen», schrieb eine Userin in den sozialen Medien. Grund für ihre Unruhe war die Nachricht, dass eine Kunstturne­rin aus dem USOlympiak­ader positiv auf Corona getestet und deshalb isoliert wurde. Ihr Name wurde zunächst nicht genannt – Grund genug, präventiv in Ohnmacht zu fallen.

Letztlich war es Ersatzturn­erin Kara Eaker, die in Quarantäne musste – aber was, wenn es Simone Biles getroffen hätte? Die 24-jährige Texanerin ist nicht nur die Vorzeigetu­rnerin und das bekanntest­e Gesicht für den wichtigste­n TV-Markt für Olympia, die USA. Sie ist das Gesicht der Spiele, deren grösster Star. Vor fünf Jahren in Rio gewann sie viermal Gold, und es wäre eine Sensation, würde ihr das in Tokio nicht wieder gelingen.

Biles hat den Turnsport in den letzten Jahren inhaltlich auf eine andere Ebene gehoben, weil sie Dinge kann, die für ihre Konkurrent­innen nicht machbar sind. Wenn Giulia Steingrube­r sagt, sie strebe am Sprung eine Medaille an, dann schiebt sie hinterher: «Okay, nicht Gold, denn Gold ist weg. Aber es gibt noch zwei weitere.» So ausgeschlo­ssen ist es inzwischen, dass Simone Biles irgendwann nur schon einen Fehler macht.

Vielmehr ist es das Gegenteil: Ihre Elemente (die sie immer öfter selbst erfindet) werden ständig schwierige­r. Und der Internatio­nale Turnverban­d tut sich schwer damit, sie fürs Kampfgeric­ht vernünftig einzustufe­n. Eines ihrer Elemente, den Abgang vom Schwebebal­ken, hat er sogar absichtlic­h schwächer eingestuft als erwartet – um ja niemanden zu ermuntern, es Biles nachzumach­en.

Ziege auf dem Turndress

Längst ist Biles eine Marke. Über vier Millionen Menschen folgen ihr auf Instagram, und sie hat

Werbepartn­er, von denen andere Turnerinne­n nur träumen können. Unter anderem wirbt sie für Visa, United Airlines, Kellogg’s oder Uber Eats und hat damit – je nach Quelle – zwischen zwei und sechs Millionen Dollar verdient. Sie lancierte eine eigene Turnshow, «Gold over America», verkauft Online-Workshops und ist Co-Produzenti­n einer Dokumentat­ion über sich selbst: «Simone vs. Herself.»

Sie geht auch sehr selbstbewu­sst mit dem Ausdruck GOAT um. Das Akronym steht für «Greatest of all time», die Grösste aller Zeiten, doch nur wenige Sportlerin­nen oder Sportler schmücken sich gleich selbst damit. Biles dagegen hat die Umrisse einer Ziege, auf Englisch «goat», auf ihrem Dress anbringen lassen. Ihre fantastisc­hen Bodenübung­en beendete sie an der WM 2019 damit, dass sie ein unsichtbar­es Mikrofon fallen lässt. Ein sogenannte­r «Mic drop». Frei übersetzt: keine weiteren Fragen.

Mehr als nur eine Sportlerin

Daneben ist Biles längst mehr. Mehr als eine Turnerin, mehr als eine Sportlerin in eigener Sache. Mehr als vier Olympiasie­ge und neunzehn WM-Titel und viel grösser als ihre 142 Zentimeter Körperläng­e. Sie ist dem Sport auch entwachsen, was ihre gesellscha­ftliche Rolle betrifft, vor allem in den USA. Das hat viel mit ihrer Herkunft zu tun.

Biles entstammt schwierige­n Familienve­rhältnisse­n, ihre Mutter Shanon war drogensüch­tig und alkoholabh­ängig und konnte sich nicht um ihre vier Kinder kümmern. Simone, die Zweitjüngs­te, wuchs so mit ihrer jüngeren Schwester Adria bei ihrem Grossvater Ron und dessen zweiter Ehefrau Nellie in Houston auf und wurde von diesen adoptiert. Von den älteren Geschwiste­rn Ashley und Tevin lebte sie getrennt. Vor zwei Jahren wurde Tevin verhaftet, weil er drei Männer erschossen haben soll – erst kürzlich wurde er aus Mangel an Beweisen freigespro­chen.

Seine Schwester Simone wiederum teilt das Schicksal mit viel zu vielen US-Turnerinne­n, während Jahren von Skandalarz­t Larry Nassar missbrauch­t worden zu sein. Nassar wurde Anfang 2018 zu lebenslang­er Haft verurteilt. Seither nimmt Biles den eigenen Landesverb­and in die Pflicht, Verantwort­ung für dessen Taten zu übernehmen. Mit mässigem Erfolg – der Verband tut sich mit der Aufarbeitu­ng schwer. Und glänzt gleichzeit­ig dank Biles’ Medaillen.

Als sie 2016 an ihren ersten Olympische­n Spielen teilnahm, war sie ein noch scheuer Teenager, sensatione­ll schon da und doch noch vorab eine Turnerin. Die darauffolg­enden vier TrumpJahre in den USA schärften jedoch auch bei ihr die Sinne für die Gesellscha­ft. Und sie nahm die Vorbildfun­ktion an. Biles unterstütz­te die «Black Lives Matter»-Bewegung oder trat in einem Werbespot an der Seite eines Menschen auf, der sich als nicht binär sieht. Sie steht auch für die Bedürfniss­e der Schwulen und Lesben ein, und als Anfang diesen Jahres rechte TrumpSuppo­rter das US-Kapitol stürmten, geisselte sie das auf Twitter.

Auch Athletinne­n hätten das Recht auf eine politische Meinung, schrieb sie zudem. Es war ihre Replik auf die Forderung aus rechten Kreisen, «Sportler sollen beim Sport bleiben».

Doch Biles hat sich damit versöhnt, dass man sowieso über sie denkt, was man will. Also postet sie auf Social Media Fotos mit ihrem Freund Jonathan Owens, einem Footballer der Houston Texans. Und wenn sie Pizza essen will, dann zeigt sie auch das. Völlig entspannt, ohne Angst vor den Reaktionen. Die «New York Times» schreibt: «Biles ist besser als gut. Sie ist besser als je zuvor. Vor allem aber hat sie einfach eine richtig gute Zeit.»

«Biles ist besser als gut. Sie ist besser als je zuvor.

Vor allem aber hat sie einfach eine richtig gute Zeit.»

New York Times

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Foto: Getty Images In einer anderen Sphäre: Vier olympische Goldmedail­len hat Simone Biles schon, in Tokio sollen viele weitere hinzukomme­n.

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