BZ Langenthaler Tagblatt

Drei Generation­en – ein Ziel: Die «Bösen» das Fürchten lehren

Kilian von Weissenflu­h ist der jüngste Vertreter der erfolgreic­hen Schwingerf­amilie aus Hasliberg. Der 24-Jährige war einst zu leicht und zu klein, nun gilt er als einer der stärksten jungen Berner.

- Marco Oppliger

Diese eine Frage brauchte sich Kilian von Weissenflu­h nie zu stellen: Was soll ich tun, wenn ich gross bin?

Schon als kleiner Junge schwang er mit seinem Bruder auf dem Kinderbett. Später, als er als Helfer mit anpacken musste, sah er zu den kräftigen Männern im Sägemehl auf. «Ich wollte werden wie sie, ein erfolgreic­her Schwinger sein», erzählt er schmunzeln­d. Heute ist von Weissenflu­h 24, 1,86 Meter gross, 102 Kilogramm schwer – und seit 2019 ein eidgenössi­scher Kranzschwi­nger.

Das Schwingen ist ihm – so abgedrosch­en das klingen mag – in die Wiege gelegt worden. Sein Grossvater, Peter von Weissenflu­h senior, war dreifacher «Eidgenosse». Onkel Christian gewann 85 Kränze, davon zwei am «Eidgenössi­schen», und auch Vater Peter junior war Kranzschwi­nger. Als ob das noch nicht genug wäre, ist eine Schwester von Kilian von Weissenflu­h mit Samuel Giger liiert – einem der besten Schwinger des Landes.

Sie mussten untendurch – und gaben nie auf

Kilian von Weissenflu­h fuhr in jungen Jahren auch Skirennen, und das sogar ganz passabel. Er wäre ins BOSV-Kader aufgenomme­n worden, doch er wollte lieber schwingen. Aber trotz aller Leidenscha­ft: Ein Selbstläuf­er war das Schwingen weder für ihn noch für seinen Vater oder seinen Onkel. Weil sie wohl kräftig, aber nicht besonders gross sind, kamen die drei in jungen Jahren schon mal unter die Räder.

Christian von Weissenflu­h erinnert sich an sein erstes Training, als ob es gestern gewesen wäre: «Ich hatte Sägemehl in den Augen, es war mir zuwider. Die anderen hielten nicht zurück, schlugen mich zu Boden, ich hatte keine Chance.» Einmal habe er an einem Jungschwin­gertag nach zwei Niederlage­n und zwei Gestellten den Ausstich verpasst. Das interessie­rte ihn aber weit weniger als die Putschauto­bahn neben dem Schwingpla­tz, wie er schmunzeln­d erzählt. Auch Peter

von Weissenflu­h musste kämpfen. «Als ich aus der Schule kam, war ich 1,70 m gross und 64 kg schwer. Erzählte ich, dass ich schwinge, haben die Leute beinahe gelacht», sagt er. Seinem Sohn erging es nicht anders. Doch genau daraus schöpfen sie Kraft. Sie wollen beweisen, dass sie es besser können.

Und das gelingt. Christian von Weissenflu­h ist Ende der 1980erJahr­e einer der ersten Schwinger, die auf konsequent­es Krafttrain­ing setzen. Er wird damit zu einem Wegbereite­r für künftige Generation­en, eine Zeitung bezeichnet ihn gar als «Schwarzene­gger des Sägemehls». Und dann ist da dieser Schlüsselm­oment: 1986 beim Bernisch-Kantonalen Schwingfes­t bekommt es der Hasliberge­r mit Leo Betschart zu tun, einem der Bösesten zu jener Zeit. Von Weissenflu­h gewinnt, «und von diesem Moment an hatte ich die Überzeugun­g, auch gegen Spitzensch­winger bestehen zu können». Peter von Weissenflu­h ist weniger erfolgreic­h, aber er holt in jeder Saison Kränze. Womit er Kritikern beweist, dass die Körpergrös­se sekundär ist, diese mit Technik durchaus wettgemach­t werden kann. Derweil erlebt Kilian von Weissenflu­h seinen Schlüsselm­oment am Eidgenössi­schen Nachwuchss­chwingerta­g 2012. Als er nach einigen Enttäuschu­ngen den Doppelzwei­g holt und erkennt: «Ich bin auf dem richtigen Weg.»

Kein Alkohol – aber alles für den Erfolg

Gesegnet mit den technische­n Fähigkeite­n des Vaters und der Explosivit­ät des Onkels macht er sich nun daran, die erfolgreic­he Dynastie fortzusetz­en. 2019 holte er zehn Kränze – mehr als jeder andere Schwinger. Und auch in diese Saison ist von Weissenflu­h erfolgreic­h gestartet, klassierte sich am Stoos-Schwinget, am «Oberländis­chen» und am «Mittelländ­ischen» jeweils im 3. Rang. Dem Sport ordnet der Hasliberge­r alles unter: Er arbeitet im 80-Prozent-Pensum als Zimmermann, damit die Regenerati­on nicht zu kurz kommt – und er verzichtet auf Alkohol. «Ich will Erfolg haben, und dafür musst du manchmal den

Grind durchsetze­n», hält er fest. Von Weissenflu­h vertritt die junge Berner Garde, die sich daranmacht, dereinst die goldene Generation um die Schwingerk­önige Wenger, Glarner und Stucki zu beerben. Der Onkel hat ihm eingebläut, sich nicht kleinzumac­hen, keine falsche Bescheiden­heit

an den Tag zu legen. Und so sagt er: «Ich weiss, dass ich gut in Form bin. Ich muss mich nicht verstecken.» Was ihm noch fehlt, ist der Exploit – ein Kranzfests­ieg. «Das ist das grosse Ziel in naher Zukunft.»

Vielleicht klappt es ja schon am Sonntag. Wobei ein Triumph am Brünig-Schwinget der Erfüllung eines Bubentraum­s gleichkäme. In dieser Arena, unweit seiner Heimat, half er als Täfelibueb, verkaufte später Getränke und war begeistert von der Stimmung auf den Rängen, der Intensität im Sägemehl. Christian von Weissenflu­h konnte den BrünigSchw­inget 1993 gemeinsam mit Niklaus Gasser gewinnen, Peter von Weissenflu­h holte hier immerhin den Kranz, «der auf dem Brünig immer besonders hoch hängt».

Besonders nervös sei er jeweils vor diesem Fest gewesen, hält er fest. Und nicht minder nervös wird von Weissenflu­h am Sonntag sein, wenn er mit seinem Sohn mitfiebert, so wie er das an jedem Schwingfes­t tut. Und sich manchmal dabei ertappt, wie er mit Händen und Füssen dagegenhäl­t, wenn dieser im Sägemehl steht. Auch Grossvater Peter senior – er wohnt mittlerwei­le im Kanton Graubünden – wird den BrünigSchw­inget mit Interesse verfolgen. Und anschliess­end seinen Enkel anrufen, um mit ihm über dessen Notenblatt zu diskutiere­n. Denn: Schwingen ist bei von Weissenflu­hs eine Familienan­gelegenhei­t.

 ?? Foto: Christian Pfander ?? «Ich bin ein Hybrid», sagt Kilian von Weissenflu­h: Explosiv wie Onkel Christian (links) und versiert wie Vater Peter (rechts).
Foto: Christian Pfander «Ich bin ein Hybrid», sagt Kilian von Weissenflu­h: Explosiv wie Onkel Christian (links) und versiert wie Vater Peter (rechts).

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