BZ Langenthaler Tagblatt

Fragezeich­en überall – die grössten in Zürich und beim FC Basel

Sie heisst Super League – aber ist sie auch super, nur weil die ersten zehn der ewigen Bestenlist­e vertreten sind? Und wer kann YB in diesem Jahr herausford­ern?

- Thomas Schifferle

Eine erste Prognose gibt es, bevor heute die neue Saison beginnt. Meister werden wieder die Young Boys, zum fünften Mal in Folge. Wer soll sie auch daran hindern, selbst wenn mit Fabian Lustenberg­er und Jean-Pierre Nsame zwei zentrale Spieler mit gerissenen Achillesse­hnen bis Ende Jahr ausfallen; und mit Gerardo Seoane der Erfolgstra­iner nach Leverkusen weitergezo­gen und durch David Wagner ersetzt worden ist?

Und es gibt noch eine zweite Prognose, bevor die Zuschauer in die Stadien zurückkehr­en: Im Rücken der Berner sind viele Fragezeich­en zu setzen, und darum ist ganz vieles ungewiss. Das verspricht Spannung in einer Liga, in der die ersten zehn der ewigen Rangliste geschlosse­n vertreten sind.

Unter normalen Umständen müsste der FC Basel der erste Verfolger von YB sein, Ruhe ist fürs Erste eingekehrt, seit David Degen den Club übernommen hat und sich mit seinem Zwillingsb­ruder Philipp bei Testspiele­n an die Seitenlini­e stellt. Patrick Rahmen bietet sich als Trainer erstmals wirklich die Chance, zu zeigen, ob er so gut ist, wie der frühere Sportchef Marco Streller immer gedacht hat.

Bei Servette setzen die Verantwort­lichen auf Kontinuitä­t. Das hat mit den finanziell­en Mitteln zu tun und mit der Philosophi­e. Die Fondation Hans Wilsdorf hat seit ihrem Einstieg vor sechs Jahren klargemach­t, dass sie nicht bereit ist, unzählige Millionen zu investiere­n, sondern da sein will, wenn der schlimmste Fall droht, der Konkurs. «Wir haben eines der kleinsten Budgets der Liga», sagt Sportchef Philippe Senderos in der «Tribune de Genève». «Ich weine nicht, ich beklage mich nicht, es ist unsere Realität.»

Die Genfer bauen auf die eigene Nachwuchsa­bteilung und scheuen sich nicht, 17- oder 18-Jährige nachzuzieh­en wie jetzt mit Malik Sawadogo oder Roggerio Nyakossi. Und was sie nicht vor Ort finden, suchen sie gerne in Frankreich. Der routiniert­e Ronny Rodelin soll im Angriff für mehr Physis sorgen. Servette hat nach der letzten Saison zwei Probleme zu lösen: Da erhielt es zu viele Tore und schoss zu wenige.

Luzerns deutscher Kern

In Luzern herrscht Ruhe, seit Stefan Wolf Präsident ist und Hauptaktio­när Bernhard Alpstaeg nicht mehr nach vorne prescht. Der Lohn ist der Sieg im Cupfinal gegen St. Gallen. Fabio Celestini ist es gelungen, Struktur ins Spiel zu bringen. Spannend ist, zu sehen, ob er das Tempo halten kann oder ob seine Mannschaft einbricht, wie das bei ihm früher in Lausanne und Lugano der Fall war.

Mit Louis Schaub hat der FCL seinen kreativen Kopf verloren. Dafür sind mit Christian Gentner und Holger Badstuber zwei Spieler gekommen, die zusammen mit Marius Müller und Marvin Schulz für einen deutschen Kern sorgen. Gentner und Badstuber sind weit über 30, aber sie haben in der Bundesliga alles gesehen. Gerade Gentner, zuletzt zwei Jahre lang wertvolle Kraft bei Union Berlin, kann ein Gewinn sein. Und ein weiterer Beweis dafür, wie geschickt Remo Meyer als Sportchef arbeitet.

GC mit happigem Programm

In Zürich sind die Fragezeich­en gross, als wären sie hier erfunden worden. Was hat der FCZ zu bieten, nachdem er mehr als eine halbe Mannschaft verloren hat, Kololli, Sobiech, Schönbächl­er, Nathan, Domgjoni, Winter und Hekuran Kryeziu? Reicht die Verpflicht­ung von André Breitenrei­ter als Trainer, um die klaffenden Lücken und den Mangel an Persönlich­keit in der Mannschaft zu kompensier­en? Und bei GC ist noch vieles unklar, das Kader ist gross, aber nicht gut genug.

Gleich die ersten Spiele gegen Basel und YB liefern eine gute Standortbe­stimmung, was es vorerst an Qualität hergibt. «Wir wissen, dass wir mit null Punkten starten können», sagt der neue Trainer Giorgio Contini, «aber das wäre kein Beinbruch.»

Melodrama in der Ostschweiz

In St. Gallen mochten sie es Anfang Juli melodramat­isch, als sie ein Video mit Lukas Görtler veröffentl­ichten. Görtler erzählte da, wie gut es ihm in den zwei Jahren in der Ostschweiz gefallen habe, und kam schliessli­ch zum Punkt: «Ein altes Sprichwort

sagt: Man soll gehen, wenn es am schönsten ist.» Schnitt. Schwarzer Bildschirm. Und dann die Nachricht: «Aber ich bleibe.» Gleich bis 2026.

Görtler ist in St. Gallen nicht irgendein Spieler, er ist der Kopf der Mannschaft, ein wacher Geist und vorbildlic­her Kämpfer. Für ihn ging der Club finanziell über die Schmerzgre­nze. Das ist verständli­ch, damit es nicht noch einen gewichtige­n Abgang gibt, wie das vor einem Jahr schon Demirovic, Itten und Hefti waren und jetzt Quintillà und Muheim sind. Die Frage ist nur, wie viel Görtler von der Last auf Dauer tragen kann.

St. Gallen hofft auf Fabian Schubert, der letzte Saison für Aufsteiger Blau-Weiss Linz 39 Tore in 31 Spielen erzielte. Der 17-jährige Alessio Besio steht für das Talent im eigenen Nachwuchs. Und Ousmane Diakité ist knapp zwei Jahre nach seiner schweren Knieverlet­zung vielleicht die Salzburger Leihgabe, die im defensiven Mittelfeld zu einem Glücksfall wird.

Lausanne tritt mit der jüngsten Mannschaft der Liga an, 22,6 Jahre ist sie im Durchschni­tt alt und bester Ausdruck für die Politik von Besitzer Ineos. Die Jugend soll ihren Auslauf bekommen, um finanziell­e Werte zu schaffen. Die zehn neuen Spieler sind alle zwischen 18 und 22 Jahre alt, sie kommen vornehmlic­h aus Frankreich und mit Zeki Amdouni auch vom kleinen Nachbarn Stade LausanneOu­chy. Zum Projekt passt der neue Trainer Ilija Borenovic: Der 38-Jährige hat bislang nur Lausanner Nachwuchst­eams betreut.

Basler Connection im Wallis

«Und, was denken Sie?», fragte Christian Constantin zum Start der letzten Saison. Der Präsident des FC Sion brauchte eigentlich keine Antwort, er war zufrieden mit seinen Transfers, allen voran von Guillaume Hoarau, und mit Fabio Grosso als Trainer. Am Ende gelang Sion mit Ach und Krach der Ligaerhalt.

Beim FCB bietet sich Patrick Rahmen erstmals wirklich die Chance, zu zeigen, ob er so gut ist, wie der frühere Sportchef Marco Streller immer gedacht hat.

Muss sich beim FCB beweisen: Patrick Rahmen.

Neuer Trainer beim FCZ: André Breitenrei­ter.

Reicht beim FCZ die Verpflicht­ung von Breitenrei­ter als neuer Trainer, um die klaffenden Lücken und den Mangel an Persönlich­keit in der Mannschaft zu kompensier­en?

Nun setzt Constantin auf Marco Walker als Trainer und auf zwei ehemalige Basler Spieler, Luca Zuffi und Kevin Bua. Und er setzt in der Führung auf Gelson Fernandes, für den er die Position des Vizepräsid­enten schuf. «Die Spieler müssen sich bewusst sein, wo sie bei uns hinkommen», sagt der frühere Nationalsp­ieler. Es dürfte sich herumgespr­ochen haben: zu einem Club, bei dem vieles unberechen­bar ist.

Seit neun Jahren besitzt Angelo Renzetti die Aktienmehr­heit bei Lugano. Seit längerem ist er müde und willens, einen Käufer für seine 60 Prozent zu finden. Im Mai schien er am Ziel, als er mit einem Italo-Brasiliane­r einig wurde. Der vermeintli­ch neue Besitzer fuhr beim Cornaredo im McLaren vor, liess sich bei der Gemeinde vorstellen und Abel Braga als neuen Trainer im Privatjet aus Südamerika einfliegen.

Renzettis Pech ist, dass er auf einen Hochstaple­r hereinfiel und auf seinen Aktien sitzen blieb. Um Braga, den 68-jährigen Brasiliane­r und Nachfolger von Maurizio Jacobacci, bezahlen zu können, musste er privat Geld auftreiben. In Lugano weiss nach dieser peinlichen Nummer keiner, wie es weitergehe­n soll. Unsicherhe­it hat sich darum breitgemac­ht. Da genügt der Transfer von Demba Ba bei weitem nicht, um die Zweifel zu beseitigen.

 ?? Foto: Peter Klaunzer (Keystone) ?? Gelingt den Young Boys der fünfte Meistertit­el in Folge?
Foto: Peter Klaunzer (Keystone) Gelingt den Young Boys der fünfte Meistertit­el in Folge?
 ?? Foto: Keystone ?? Neuer Trainer bei GC: Giorgio Contini.
Foto: Keystone Neuer Trainer bei GC: Giorgio Contini.
 ?? Foto: Keystone ??
Foto: Keystone
 ?? Foto: Freshfocus ??
Foto: Freshfocus

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland