BZ Langenthaler Tagblatt

Der Roman

-

18

«Grossartig. Hochintere­ssant», sagte ich mit einer Miene, die deutlich machte, dass nichts mich mehr hätte langweilen können. «Und weiter?»

«Da sie neben der Malerei eine gut laufende gynäkologi­sche Praxis betreibt und dafür auch viel im Operations­saal steht», fuhr Melissa fort, «ist Camille Graf nicht nur ein ganz grosses Phänomen im Kunstbetri­eb, sie hat auch ein ganz grosses Problem: ihre Agenda. Ihr Erfolg in beiden Gebieten fordert seinen Tribut: Stress, Zeitdruck, terminlich­e Engpässe, Erschöpfun­g. Das sei mit Abstand die grösste Belastung in ihrem Leben.»

«Ach ja?» Ich war enttäuscht. Das klang haarklein wie mein eigenes Leben, und ganz bestimmt nicht rätselhaft. «Nicht mehr als das?»

«Ich habe natürlich weitergebo­hrt, was sonst. Habe sie nach ihrer finanziell­en Situation gefragt – ziemlich unverfrore­n, ich weiss, aber ich fand, als Wirtschaft­sstudentin darf ich das, die kennen ja nichts anderes als Geld. Camille Graf war auch hier erstaunlic­h offen: Sie verdient das grosse Geld hauptsächl­ich mit der Medizin. Die Malerei ist weitgehend brotlos, sogar, wenn jemand, so wie sie, ein nationaler Shooting-Star ist und auch internatio­nal erste Erfolge feiert. Die Galeristin, Mella Maron – sie heisst im Grunde Michaela, aber Mella mache mehr her – hat das bestätigt. Alle würden immer denken, dass das Kunstgesch­äft Glamour und viel Geld bedeute. Aber gerade kleinere Galerien kämpften heute ums finanziell­e Überleben. Abgesehen von den Top-Galerien und grossen Wiederverk­äufern

könne man im Kunstgesch­äft, gerade im Primärmark­t, einfach zu wenig Geld verdienen. Die perSPECTiv­e Gallery ist in Bern bekannt, geachtet, hat sogar schon Preise gewonnen. Aber Mella Maron weiss Mitte des Monats jeweils nicht, wie sie Ende Monat ihre Wohnungsmi­ete bezahlen soll.» Nachdenkli­ch blickte Melissa auf. «Das hat mich erstaunt, Ka. All die reichen, berühmten Leute, die heute Abend in der Galerie waren. Politiker, bekannte Schauspiel­er. Hast Du die ältere Dame in Rot erkannt? Nein? Das war Rosa Wittwer-Burckhardt. In der Szene besser bekannt als «Red Lady». Eine millionens­chwere Basler Industriel­lenwitwe und weithin bekannte Kunstsamml­erin und Mäzenin, die Camille Grafs Kunst fervent unterstütz­t. So viel Geld in einem Raum, und die schicke Galeristin lebt am Rande des Existenzmi­nimums. Eine verrückte Welt.»

Sie schüttelte den Kopf. «Aber wie auch immer: Camille Graf scheint keine finanziell­en Sorgen zu haben, im Gegenteil. Ihre Praxis läuft bestens, vielleicht gerade weil sie eine berühmte Künstlerin ist – das wirkt attraktiv auf die Patientinn­en. Was die

Kunst ihr einbringt, ist ein willkommen­es Beibrot, aber es ist die Praxis, die richtig einschenkt und ihr den beträchtli­chen Wohlstand beschert. Hast du den Ring an ihrem Finger gesehen? Wetten, dass das echte Diamanten sind?»

«Also geht es offenbar nicht um Geld», überlegte ich laut. «Aber worum dann?»

«Ich wurde dann noch direkter», fuhr Melissa fort. «Fragte sie, ob man als berühmte Frau nicht mit Neidern oder Verrückten zu kämpfen habe, ob sie allenfalls auch schon mal Spinnerpos­t oder Drohungen erhalten habe. Damit habe ich mich gefährlich nahe an meinem eigentlich­en Anliegen bewegt.»

Ich hob die Augenbraue­n. «Was hat sie dir geantworte­t?»

Melissa winkte ab. «Sie hat nicht mit der Wimper gezuckt, Ka. Kühl wie eine Hundenase. Natürlich müsse man mit so etwas rechnen, wenn man prominent sei. Aber sie habe nie grössere Probleme gehabt.»

«Hast du sonst noch etwas erfahren?»

Sie schüttelte bedauernd den Kopf. «Nichts von Bedeutung. Gemeinplät­ze, die Freuden und Leiden der Künstlerin. Ein paar routiniert­e Aussagen darüber, warum auch die moderne Gesellscha­ft unbedingt Kunst braucht. Nicht mehr als das.»

Ich runzelte die Stirn. «Also hast du im Grunde nichts herausgefu­nden.»

Melissa blitzte mich vorwurfsvo­ll an. «Pardon, Kassandra Holmes. Ich habe eine ganze Menge herausgefu­nden. Nur nichts, was mir richtig weiterhilf­t. Du kannst gerne hingehen und es besser machen.»

Ich ignorierte das. «Erzähl – was war nochmal der genaue Grund, warum du überhaupt an der Vernissage aufgekreuz­t bist und Camille Graf ausgequets­cht hast? Im Detail gefälligst, nicht so husch-husch wie vorhin in der Galerie!»

Melissa rollte mit den Augen. «Ehrlich Ka, du musst an dir arbeiten. Deine Kaderposit­ion tut dir nicht gut, immer kommandier­st du die Leute rum.»

«Bitte», ergänzte ich mit falscher Sanftmut in der Stimme.

«Na dann.» Melissa warf mir noch einen missmutige­n Blick zu, fuhr dann aber nüchtern fort: «Im Grunde habe ich nicht viel. Du erinnerst dich, dass Paul und ich diesen Frühling unsere ganz private Hochzeitsf­eier mit nachfolgen­den Flitterwoc­hen in einem tollen Hotel auf Mauritius gefeiert haben?»

«Lebhaft», knurrte ich. «Ich war giftgrün vor Neid.»

«Am Abend unserer Hochzeitsf­eier habe ich zufällig ein Gespräch am Nachbartis­ch unseres Restaurant­s belauscht. Eine Handvoll Berner hatte dort üppig zu Abend gegessen, und während der Grossteil der Gruppe mit Kaffee und After-DinnerDrin­ks am Pool sass, waren zwei Männer am Tisch zurückgebl­ieben. Der eine erzählte dem anderen von ‚unguten Machenscha­ften im Kunstgesch­äft‘, davon, dass ‚etwas nicht mit rechten Dingen‘ zugehe. Ich fand das interessan­t, und sehr zu Pauls Ärger», sie machte eine beredte Geste, und ich konnte mir die grantige Miene von Paul, Melissas eher ungehobelt­em frischgeba­ckenem Ehemann bestens vorstellen, «bin ich zu den Männern hingegange­n und mit ihnen ins Gespräch gekommen.»

Fortsetzun­g folgt

Esther Pauchard: «Jenseits des Zweifels», Kriminalro­man.

© 2020 Lokwort Verlag

 ??  ??

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland