BZ Langenthaler Tagblatt

Erfrischen­de Kunst, hier und jetzt

Nie hat man mehr Platz im Museum als bei schönem Sommerwett­er. Wir sagen, welche Ausstellun­gen in acht Schweizer Städten sich gerade besonders lohnen.

- Paulina Szczesniak

1 Zürich: Hodler, Klimt und die Wiener Werkstätte

Zwei Fragen. Erstens, wie bringt es ein Paar 1912 in Wien gefertigte­r Damenschuh­e zum Museumsexp­onat? Und zweitens: Was hat das mit Zürich zu tun? Die Antwort auf die erste Frage kommt von Gustav Klimt höchstpers­önlich: Auch das unscheinba­rste Ding mehre, wenn es vollkommen ausgeführt sei, die Schönheit dieser Erde. Und da Klimts Künstlerko­llege Koloman Moser und der Architekt Josef Hoffmann 1903 die Wiener Werkstätte ins Leben riefen, die auch im Ausland unglaublic­hen Erfolg hatte mit der Idee, dass alle Bereiche des täglichen Lebens – von der Kleidung über EssService bis zur Tapete – von Kunst durchdrung­en sein sollten, bringt uns das zur Antwort auf die zweite Frage: In Zürich (genauer: an der noblen Bahnhofstr­asse) und mitten im Ersten Weltkrieg eröffneten nämlich gleich zwei Verkaufsfi­lialen mit Produkten der Wiener Werkstätte.

Wie all dies – der Krieg, der Hunger nach Schönheit, die bildende Kunst, das Kunsthandw­erk und die Architektu­r – zusammenhi­ng und inwiefern das für Ferdinand Hodler ein Karrierepu­sher war: Das erklärt die Ausstellun­g «Hodler, Klimt und die Wiener Werkstätte» anhand von Malerei, Möbeln, Stoffen, Foto und Textdokume­nten… und, eben: besagten hübschen Schühchen, die übrigens Egon Schieles Ehefrau Edith gehörten.

Kunsthaus Zürich, bis 29. 8. Di, Fr–So 10–18 Uhr, Mi/Do 10–20 Uhr

2 Basel: Kara Walker

In den Neunzigern knallte die New Yorkerin Kara Walker uns Scherensch­nitte vor den Latz, die Mord, Sex, Gewalt oder Mischforme­n davon zeigten. Heute malt sie auch mal Barack Obama mit Trumps abgetrennt­em Kopf im Schoss. Klingt grauenvoll, ist aber so unverschäm­t ästhetisch, dass man sich dabei ertappt, wie man minutenlan­g mit halb offenem Mund vor ihren Werken verharrt. Will heissen: viel Zeit einplanen für diese im beeindruck­enden Neubau von Christ & Gantenbein untergebra­chte Ausstellun­g, die nicht nur die erste Soloschau der Afroamerik­anerin in der Schweiz ist, sondern auch sehr umfangreic­h ausfällt – nicht zuletzt, weil sie unter anderem 600 Zeichnunge­n umfasst, die Walkers Atelier noch nie zuvor verlassen haben. Brisant, hochpoliti­sch, grandios!

Kunstmuseu­m Basel, bis 26. 9. Di, Do–So 10–18 Uhr, Mi 10–20 Uhr

3 Lugano: Nicolas Party

Ladies and Gentlemen, dürfen wir vorstellen: the next big thing der Schweizer Kunstszene! Schon klar, es ist reichlich unelegant, jemanden auf seinen berufliche­n Erfolg herunterzu­brechen, zumal einen Kreativsch­affenden. Aber es ist halt schon schampar interessan­t zu sehen, was auf dem Kunstmarkt gerade gefragt ist! In Asien sind das die Pastellgem­älde des 41jährigen Lausanners Nicolas Party (ja, er heisst wirklich so, kein Künstlerna­me), die schon mal für hohe sechsstell­ige Beträge weggehen. Und sie machen ja auch Spass, diese kompromiss­los bunten, grossen Porträts, deren Flächigkei­t unwillkürl­ich an Magritte und Rousseau und Vallotton denken lässt, während bei den Landschaft­en noch ein Hauch Max Ernst mitzuschwi­ngen scheint.

Etwas viel der kunsthisto­rischen Referenzen? Gar nicht. Party gibt unumwunden zu, sich gern mal bei den Grossen zu bedienen. Überhaupt geht ihm die Ehrfurcht vor dem Altehrwürd­igen ab – sonst würde er wohl kaum in «seine» Ausstellun­gsräume mittels zusätzlich eingezogen­er Wände und bemalter Böden eingreifen. Erfrischen­d, das Ganze, man muss es zugeben. Ob der Hype anhalten wird? Schaden dürfte Partys erste grosse Museumsaus­stellung in Europa jedenfalls nicht.

Masi Lugano, bis 9. 1. 2022.

Di, Mi, Fr 11–18 Uhr, Do 11–20 Uhr, Sa/So 10–18 Uhr

4 Bern: August Gaul

Manchmal fügt sich alles so schön. Zum Beispiel, wenn ein Bildhauer, der August Gaul heisst, sich auf die Darstellun­g von Tierfigure­n spezialisi­ert. Und wie kam besagter Gaul (1869–1921) auf die Tierli? Indem er 1890 eine Dauerfreik­arte für den Berliner Zoo gewann. Fortan ging er fleissig dorthin, mit Skizzenblo­ck und Zeichensti­ft, und fand nicht nur attraktive Sujets, sondern seine Berufung und Herzensang­elegenheit: «Ich mache Tiere, weil es mich freut», fasste er später sein Lebenswerk zusammen.

Was übrigens durchaus Erfolg hatte: Gaul wurde mehrfach ausgezeich­net, an die Pariser Weltausste­llung 1900 eingeladen und emsig gesammelt. Insbesonde­re vom jüdischen Ehepaar Hugo und Elise Zwillenber­g, das 1939 mitsamt seinen über hundert GaulTiersk­ulpturen aus Berlin nach Amsterdam floh, bevor es in den 60ern nach Bern zog, wo die Sammlung schliessli­ch 2013 als Dauerleihg­abe ins Kunstmuseu­m gelangte. In der aktuellen Schau treffen die zwillenber­gschen Tiere auf viele weitere Werke, Skizzen und Dokumente von und zu Paul Gaul, dessen Oeuvre erstmals in den gesellscha­ftspolitis­chen Kontext seiner Zeit (Industrial­isierung, Verstädter­ung) gesetzt wird. Und dabei überrasche­nd aktuelle Denkanstös­se liefert. Übrigens: Diese Schau finden auch Kinder super.

Kunstmuseu­m Bern, bis 24. 10. Di 10–21 Uhr, Mi–So 10–17 Uhr

5 Winterthur: Ernst A. Heiniger

Ernst Albrecht Heiniger? Nie gehört? Dabei hat dieser Schweizer nicht nur einen, sondern gleich zwei Oscars gewonnen! Und das kam so: An einem Sommertag im

Jahr 1952 traf Heiniger im Luzerner Hotel Palace auf Walt Disney, der auf der Suche nach einem Kameramann war … Stopp. Die Geschichte ist eh zu lang, um sie hier zu erzählen. Fahren Sie lieber gleich nach Winterthur, wo derzeit – endlich! – die Filme und Fotografie­n dieses vergessene­n Grossen der Schweizer Avantgarde gezeigt werden. Kesse Perspektiv­en, grandiose Schwarzwei­ssaufnahme­n, 360GradKin­oleinwände und sogar eine echte Liebesgesc­hichte sind zu entdecken. Die Ausstellun­g ist das Resultat einer sorgfältig­en Aufarbeitu­ng von Heinigers Nachlass, der erst 2014 von Hollywood in die Schweiz kam. Eine phänomenal­e Wiederentd­eckung. Ach ja, noch was: Wenn Sie schon in Winterthur sind, nehmen Sie die grosse Expression­istenAusst­ellung im dortigen Kunstmuseu­m auch gleich mit. Es lohnt sich.

Fotostiftu­ng Schweiz, bis 10. 10. Di–So 11–18 Uhr, Mi 11–20 Uhr

6 Luzern: I Like a Bigger Garden

Die New Yorker Galeristin Betty Parsons (eine Legende!) erlaubte sich 1951 eine absolute Frechheit.

Als ihr nämlich die Superstars Mark Rothko, Jackson Pollock und Co. ans Herz legten, sich künftig nur noch um deren Vermarktun­g zu kümmern und die kleineren Fische abzustosse­n, erwiderte sie cool, einen «grösseren Garten» zu bevorzugen: «I like a bigger garden.» Der Kult gewordene Satz ist nun Titel einer DreierAuss­tellung, in der die Luzerner Künstlerin Josephine Troller (1908– 2004) auf zwei aus einer späteren Generation trifft: Charlotte Herzig (*1983) und Ben Sledsens (*1991). Der gemeinsame Nenner des Trios? Ganz viel Blumen, Blüten und Grünzeug. Ein grosser Garten halt!

Kunstmuseu­m Luzern, bis 17. 10. Di–So 11–18 Uhr, Mi 11–19 Uhr

7 Aarau: Schweizer Skulptur seit 1945

Klar, da ist Alberto Giacometti. Da sind Tinguely und Luginbühl, und da ist natürlich Ugo Rondinone mit seinen in Alu gegossenen Olivenbäum­en. Dass da aber noch ganz, ganz viele andere sind, im Tummelfeld der Schweizer Skulptur der Nachkriegs­zeit, das führt diese Schau auf geradezu überwältig­ende Art und Weise vor Augen: 230 Werke von sage und schreibe 150 Kunstschaf­fenden aus allen Landesregi­onen reihen sich bei diesem Rundgang an und nebeneinan­der. Hätte schwierig werden können – starke Werke neigen dazu, einander die Show zu stehlen –, ist aber überrasche­nd heiter herausgeko­mmen: ein bisschen wie ein vergnügtes Klassentre­ffen nach vielen, vielen Jahren, an dem man sich gegenseiti­g erzählt, wie es einem so ergangen ist, abcheckt, wie gut die anderen gealtert sind, in Erinnerung­en schwelgt … und den Jungen zeigt, dass man noch ganz ordentlich mithalten kann, imfall. Unbedingt sehenswert!

In Aarau zeigt man den Jungen, dass man noch ganz ordentlich mithalten kann, imfall.

Aargauer Kunsthaus, bis 26. 9. Di–So 10–17 Uhr, Do 10–20 Uhr

8 Lausanne: Jean Otth

Jetzt mal ehrlich, liebe Deutschsch­weizer: Die Kunstschaf­fenden aus dem französisc­hsprachige­n Teil unseres Landes kennt ihr nun wirklich nicht so gut. Tut was dagegen – und führt euch die Ausstellun­g von Jean Otth zu Gemüte! Der 2013 Verstorben­e war so etwas wie das Westschwei­zer Pendant zu Pipilotti Rist. In männlich. Rund 20 Jahre früher. Nicht ganz so irre bunt und gewiss auch etwas sperriger. Aber das Foto (genauer, bei Otth: das Dia) und das Video samt Loops und Bildstörun­gen als visuelles Experiment­ierfeld, das verbindet die beiden über den Generation­en wie den Röstigrabe­n hinweg, ebenso das fast schon zwanghafte Interesse am menschlich­en Körper. Hübsch, wie die ganze verpixelte Haut mit der knallharte­n Ästhetik des neuen, Ende 2019 eröffneten Museumsbau­s der spanischen Architekte­n Barozzi/Veiga kontrastie­rt – der allein auch schon eine Reise wert wäre, notabene …

Musée Cantonal des Beaux-Arts Lausanne, bis 12. 9.

Di–So 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr

 ?? Foto: Privatbesi­tz, Solothurn ?? Bei diesen Farben im Kunstmuseu­m Luzern geht einem das Herz auf. Danke, Josephine Troller! «Verzauberu­ng», 1970.
Foto: Privatbesi­tz, Solothurn Bei diesen Farben im Kunstmuseu­m Luzern geht einem das Herz auf. Danke, Josephine Troller! «Verzauberu­ng», 1970.
 ?? Foto: René Rötheli ?? 230 Werke von 150 Kunstschaf­fenden aus allen Landesregi­onen finden im Aargauer Kunsthaus zusammen.
Foto: René Rötheli 230 Werke von 150 Kunstschaf­fenden aus allen Landesregi­onen finden im Aargauer Kunsthaus zusammen.
 ?? Foto: Julian Salinas ?? Es gibt einiges zu sehen in der Ausstellun­g von Kara Walker im Kunstmuseu­m Basel. Viel Zeit einplanen!
Foto: Julian Salinas Es gibt einiges zu sehen in der Ausstellun­g von Kara Walker im Kunstmuseu­m Basel. Viel Zeit einplanen!

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