BZ Langenthaler Tagblatt

Hitze wird tödlicher als Kälte

Heute sterben weltweit zehnmal so viele Menschen durch Kälte wie durch Hitze. Ohne effiziente­n Klimaschut­z wird sich das ändern, zeigt eine Studie.

- Joachim Laukenmann

Hitze kann einen buchstäbli­ch erschlagen – an sehr heissen Tagen steigt die Sterblichk­eit markant an. Aber auch aussergewö­hnliche Kälte ist tödlich, vor allem dort, wo es keine gut beheizten und gedämmten Häuser gibt. Tatsächlic­h sterben sowohl global als auch in Europa rund zehnmal so viele Menschen durch Kälte wie durch Hitze.

Kommt die Erderwärmu­ng in Anbetracht der vielen Kältetoten nicht wie gerufen, um die mit aussergewö­hnlichen Temperatur­en verknüpfte Sterblichk­eit insgesamt zu reduzieren? So einfach ist die Rechnung nicht. Das zeigen Forscherin­nen um Èrica MartínezSo­lanas vom Barcelona Institute for Global Health in «The Lancet Planetary Health». Zwar sinkt die kältebedin­gte Sterblichk­eit in einem wärmeren Europa, aber nicht so stark, wie die hitzebedin­gte Sterblichk­eit zunimmt.

Zunahme ums Mittelmeer

«Ein leichter Anstieg der durchschni­ttlichen Temperatur wirkt sich in der Tat positiv auf die temperatur­bedingte Sterblichk­eit des Menschen aus», sagt CoAutor François Herrmann vom Universitä­tsspital Genf. «Aber unsere Resultate zeigen: Wenn die Temperatur ein gewisses Level überschrei­tet, ist das mit deutlich mehr Toten an heissen Tagen verknüpft, speziell rund ums Mittelmeer.» Unter dem Strich sind daher in einem heisseren Europa ohne effiziente­n Klimaschut­z in der zweiten

Hälfte des Jahrhunder­ts deutlich mehr temperatur­bedingte Todesfälle zu erwarten als heute.

Für ihre Studie haben die Wissenscha­ftler zunächst die temperatur­bedingte Sterblichk­eit in den Jahren 1998 bis 2012 untersucht, und zwar für 147 Regionen in 16 europäisch­en Ländern. Für jedes Land identifizi­erten sie eine optimale Temperatur, Komforttem­peratur genannt, mit der am wenigsten temperatur­bedingte Todesfälle assoziiert sind. Diese liegt im Mittel bei knapp unter 20 Grad Celsius, schwankt aber ein wenig von Land zu Land, zum Beispiel da die Menschen je nach Baustandar­d mal mehr, mal weniger stark unter Kälte oder Hitze leiden. «Wenn die Temperatur nach oben oder unten von dieser Komforttem­peratur abweicht, sehen wir eine

Zunahme des Sterberisi­kos», sagt Herrmann. Demnach gehen heute in Europa etwas mehr als 7 Prozent aller Todesfälle auf das Konto von Temperatur­en, die für den Menschen nicht optimal sind: Rund 6,5 Prozent sind mit Kälte assoziiert, etwa ein Zehntel davon – 0,65 Prozent – mit Hitze.

Zu einem ganz ähnlichen Resultat auf globaler Ebene kommt ein internatio­nales Forscherte­am um Qi Zhao von der Shandong University in Jinan, China, ebenfalls mit Schweizer Beteiligun­g. Wie die Forschende­n in «The Lancet Planetary Health» schreiben, gehen global betrachtet jedes Jahr rund 5 Millionen Todesfälle auf das Konto nicht optimaler Temperatur­en. Das sind mehr als 9 Prozent aller Todesfälle. Rund 8,5 Prozent gehen auf das Konto der Kälte, wiederum etwa ein Zehntel davon, rund 0,9 Prozent, sind hitzebedin­gt.

Drei Szenarien für Europa

Was Europa betrifft, blickten die Forschende­n um MartínezSo­lanas und Herrmann mithilfe von Klimasimul­ationen in die Zukunft. Wie Herrmann sagt, haben sie dabei Anpassungs­massnahmen wie begrünte Dächer und Fassaden, mehr Vegetation in den Städten und eine verbessert­e Isolation der Gebäude nicht berücksich­tigt. Solche Schutzvork­ehrungen gegen die Hitze sind natürlich möglich, kosten aber Geld. «In unseren Modellen haben wir angenommen, dass alles ausser dem Klima und den Treibhausg­asen konstant bleibt», sagt Herrmann. Ausgehend von der für die 147 Regionen berechnete­n Sterblichk­eit bei Kälte und Hitze, ermittelte­n sie anhand von drei Szenarien künftiger Treibhausg­asemission­en die temperatur­bedingte Sterblichk­eit bis gegen Ende des Jahrhunder­ts.

— Im ersten Szenario gehen die Treibhausg­asemission­en weiter wie bisher. In diesem Fall wird die Gesamtzahl der temperatur­bedingten Todesfälle ab Mitte des Jahrhunder­ts ansteigen, weil zunehmend mehr Menschen unter der Hitze leiden.

— Im zweiten Szenario mit gemässigte­m Klimaschut­z steigen die Emissionen langsamer an und gehen ab 2080 zurück. Selbst dann ist mit einem Anstieg der temperatur­bedingten Todesrate zu rechnen, wenn auch erst im letzten Drittel des Jahrhunder­ts. — Im dritten Szenario begrenzt effiziente­r Klimaschut­z die Erderwärmu­ng im Jahr 2100 auf unter zwei Grad Celsius. Dann ist eine gesamthaft leicht sinkende temperatur­bedingte Sterblichk­eit zu erwarten.

«Die Studie ist wichtig, denn sie zeigt, dass die hitzebedin­gte Sterblichk­eit in einem Szenario mit hohen Emissionen so stark ansteigt, dass sie den Rückgang der kältebedin­gten Todesfälle mehr als aufwiegt», sagt Ana VicedoCabr­era vom Institut für Sozial und Präventivm­edizin der Universitä­t Bern, die nicht an dieser Studie zu Europa beteiligt ist (wohl aber an der globalen Studie unter Leitung von Zhao). «In der Summe ergibt sich eine Zunahme der temperatur­bedingten Todesrate.»

Mehr Hitzetote wegen Klima

Schon heute zeigt sich der Einfluss des Klimawande­ls auf die hitzebedin­gte Sterblichk­eit, wie VicedoCabr­era und Kolleginne­n kürzlich im Fachmagazi­n «Nature Climate Change» berichtete­n. Sie verwendete­n Daten von 732 Orten in 43 Ländern. Zwischen 1991 und 2018 waren demnach gemittelt über alle untersucht­en Länder 37 Prozent aller Todesfälle, bei denen Hitze eine Rolle spielte, auf die Erderwärmu­ng zurückzufü­hren.

In der aktuellen Studie haben die Forschende­n um MartínezSo­lanas und Herrmann den klimawande­lbedingten Anteil an den künftigen Hitzetoten nicht explizit bestimmt. Aber dieser Anteil liegt mit zunehmende­r Erderwärmu­ng sicher über den rund 37 Prozent der letzten Jahrzehnte.

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Foto: Getty Images Über mehrere Jahre erhobene Daten aus 43 Ländern zeigen: 37 Prozent aller Todesfälle, bei denen Hitze eine Rolle spielte, sind auf die Erderwärmu­ng zurückzufü­hren.
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