BZ Langenthaler Tagblatt

Nichts als plaudern – aber gekonnt

Was für ein Leben! Wie aus einem schmächtig­en Juristen der grosse Entertaine­r Alfred Biolek wurde, der den Menschen plaudernd so nahe kam.

- Carolin Gasteiger

Wenn ihm das Lob zu viel wurde, dann verglich Alfred Biolek sich immer mit einer Hummel. Als er 2008 die Goldene Kamera für sein Lebenswerk entgegenna­hm – das war so ein Moment. Alle im Saal applaudier­ten stehend, und er redete von der Hummel. Aus aerodynami­scher Sicht, sagte Biolek dann, könne das Tier eigentlich gar nicht fliegen, tue es aber trotzdem.

Einfach fliegen trotz allem – ein Lebensmott­o für glückliche Menschen. Bloss nicht alles zerdenken, bloss nicht alles kaputtrefl­ektieren. Wer zu lange überlegt, der merkt am Ende noch, dass er vielleicht gar nicht kann, was er tut. Kam nicht infrage für Biolek, den Bauchmensc­hen, der sich an so vieles intuitiv heranwagte. An die Talks, ans Kochen, an die Menschen. Vor allem an die Menschen.

Dabei war er eigentlich Jurist. Alfred Biolek kam 1934 als Kind streng konservati­ver und erzkatholi­scher Eltern zur Welt. Der

Vater war Anwalt, sein dritter Sohn Alfred wurde das auch und fing 1963 als Rechtsbera­ter beim ZDF an. Die Herren des ZDFRechtsd­ienstes gingen nach der Arbeit gern ins Wirtshaus. Dort erzählte Biolek Witze. Irgendwann habe dann, so erinnerte sich Biolek, einer gerufen: «Der muss vor die Kamera!» Vier Monate später hatte er seine erste Sendung: Tipps für Autofahrer. «Der Drang zur Bühne war immer da», sagte er rückblicke­nd.

Er wurde bei RTL geoutet

1970 kündigte Biolek beim ZDF und zog nach München. Weg mit Anzügen, Krawatten, CDU-Parteibuch – stattdesse­n Schlaghose­n, Pilotenbri­lle und ein aufregende­s Boheme-Leben. «Schluss mit der ganzen Bürgerlich­keit, mit den ganzen Regeln!», habe er sich gesagt und von da an auch «offen, aber nicht öffentlich» homosexuel­l gelebt. Offiziell outen sollte ihn erst 1991 Rosa von Praunheim in der RTL-Sendung «Explosiv». Biolek war im ersten Moment wütend; mit ein bisschen Abstand erklärte er jedoch, es habe so etwas wie «eine Verspannun­g gelöst».

Biolek, vom Anwalt zum Hippie mutiert, arbeitete nun als Produzent bei der Bavaria. Unter anderem war er für Rudi Carrells «Am laufenden Band» verantwort­lich. Bald bekam er eigene Sendungen und moderierte von 1976 an den «Kölner Treff». Von einer Talksendun­g träumte er schon früh: «Zwei Stühle vor einer Wand, ein Blumenstra­uss, und ich rede mit einem Gast, wie bei mir zu Hause, mehr brauche ich nicht.» Bei dem Konzept blieb er. Ob in «Bio’s Bahnhof», «Boulevard Bio» oder «alfredissi­mo!»: Biolek wollte seinem Gegenüber nie politische Bekenntnis­se oder knallige Statements entlocken; Bio wollte plaudern.

Disziplin und Genuss

In «alfredissi­mo!» (1994 bis 2007) verlagerte der Entertaine­r das Plaudern in die Küche und lockte unter anderem Hannelore Kohl, Helmut Berger und Alice Schwarzer an den Herd – der «Pfeffer immer aus der Mühle»! Es passt hervorrage­nd zum Bauchmensc­hen Biolek, dass er ebenso intuitiv aufzuhören wusste, wie er angefangen hatte. 2003 lief «Boulevard Bio» das letzte Mal, vier Jahre später «alfredissi­mo!». Er hatte gemerkt, «dass ich es nicht mehr besser machen kann».

Sein Leben habe stets zu gleichen Teilen aus Genuss und Disziplin bestanden, sagte er einmal. Nun sollte es ruhiger werden. Er zog von Berlin nach Köln, wo er seine letzten Jahre zurückgezo­gen verbrachte, gepflegt von seinem Adoptivsoh­n Scott. Gestern ist er im Alter von 87 Jahren gestorben.

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Foto: Keystone Geplauder am Herd: Biolek mit Muppet Rumpel (2005).

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