BZ Langenthaler Tagblatt

Wehe, wenn sich der Goalie verletzt

Die SCL Tigers steigen mit einem neuen Trainer und einem prominente­n Rückkehrer in die Meistersch­aft – aber mit wenig Kredit. Fragen und Antworten zum Emmentaler Dorfclub.

- Philipp Rindlisbac­her

— Ist die Playoff-Qualifikat­ion realistisc­h?

Anders gefragt: Sind die Tigers wieder konkurrenz­fähig? Die letzte Saison stand im Zeichen der totalen Überforder­ung: 52 Partien, 42 Niederlage­n, abgeschlag­en Letzter. Zu allem Übel kamen die Geisterspi­ele hinzu – es war eine Meistersch­aft voller Tristesse und Trostlosig­keit.

Die Verantwort­lichen haben reagiert, eine weitere Seuchensai­son wäre gegenüber Fans und Sponsoren auch kaum mehr vermittelb­ar gewesen. Vier ausländisc­he Stürmer figurieren im Kader, in der Offensive existiert wieder so etwas wie Konkurrenz­kampf. Sportchef Marc Eichmann sagt, das Team sei homogener geworden, «zudem haben wir wieder mehr Spieler mit Leaderqual­itäten».

Und doch: Auf dem Papier sind elf von zwölf Konkurrent­en besser aufgestell­t. Die Qualifikat­ion fürs Pre-Playoff (Top 10) ist nicht ausgeschlo­ssen, sie wäre jedoch eine Überraschu­ng. Sicher ist: Anders als im vergangene­n Winter spielt Langnau nicht in der falschen Liga.

— Ist Jason O’Leary der richtige Trainer?

Zum Interview bittet er frühmorgen­s. Es passt, ist Jason O’Leary zuweilen doch schon kurz nach 6 Uhr in der Eishalle. Er gilt als Perfektion­ist, der nichts dem Zufall überlassen will. Erstmals erhält der Kanadier die Chance, sich auf höchstem Schweizer Niveau zu beweisen. Die Ausgangsla­ge scheint verlockend zu sein: Absteiger gibt es keinen – und tiefer als letzte Saison können die Tigers kaum fallen.

Eichmann sagt, der Coach sei sehr präsent und fordere viel von den Akteuren. Spieler berichten, O’Learys Stärken seien die Kommunikat­ion und sein taktisches Verständni­s. Vor allem Letzteres wird gefragt sein, offenbarte­n die Langnauer diesbezügl­ich letzten Winter doch gravierend­e Mängel.

— Sind die Erwartunge­n in Harri Pesonen zu hoch?

In Langnau war Harri Pesonen zweimal Topskorer und Publikumsl­iebling, mit Finnland wurde er Weltmeiste­r – mit seiner Rückkehr setzen viele die Wende zum Guten gleich. «Der Transfer hat etwas ausgelöst im Team, der Glaube ist wieder da», hält Eichmann fest. «Für viele Spieler war es das Zeichen, das sie gebraucht haben.»

Der 33-Jährige hat eine besondere Aura, er ist einer jener Typen, die eine Garderobe ausfüllen können. Genau solch ein Spieler fehlte letztes Jahr. Pesonen mag als Künstler glänzen auf dem Eis, gibt aber auch den harten Arbeiter. Unterschri­eben hat er zu vergleichb­aren Konditione­n wie vor seinem Abgang im Frühling 2020, sein Trikot ist bereits wieder ein Renner im Fanshop. Aber: Die letzte Saison in Russland war ein Missverstä­ndnis. Ohne weiteres wird er nicht 20 Tore beisteuern. Pesonen selbst sagt: «Der Druck ist spürbar.» Selbst im Dunstkreis des

Teams befürchten einige, dass dieser etwas gar gross sein könnte.

— Ist der Goalie Erfolgsgar­ant oder Risikofakt­or?

Ivars Punnenovs entscheide­t über das sportliche Schicksal der Tigers. Wollen die Langnauer Erfolg haben, muss der Goalie dicht halten – Schwächeph­asen wird er sich kaum erlauben können. Die Form war selten das Problem in den letzten Jahren, gewiss aber sein fragiler Körper. Die Leiste ist seine Baustelle, immer mal wieder fällt Punnenovs aus, auf Trainingse­inheiten muss er vergleichs­weise häufig verzichten. Auch Eichmann glaubt: «Ivars kann der ausschlagg­ebende Faktor sein.» Für Ersatz Gianluca Zaetta ist die National League eine Nummer zu gross. Höher einzustufe­n ist das an Winterthur verliehene Eigengewäc­hs Damian Stettler.

Vor Jahresfris­t hätte Punnenovs zum SCB wechseln können. Doch in Bern sollen die Verantwort­lichen aufgrund der Verletzung­sanfälligk­eit des Keepers nicht mehr unglücklic­h darüber sein, dass der Transfer scheiterte. Eichmann will mit dem Letten verlängern, mindestens zwei Jahre sollen es sein. Andere Angebote liegen dem 27-Jährigen offenbar nicht vor. Zuletzt brillierte Punnenovs am OlympiaQua­lifikation­sturnier: Lettland holte sich das Ticket für Peking, der überragend­e Punnenovs kassierte in drei Partien gerade mal einen Treffer.

— Sind die Tigers zu klein und leichtgewi­chtig?

181 cm gross und 83,5 kg schwer – das sind die durchschni­ttlichen

Masse der 27 Langnauer Profis. Im ligaweiten Vergleich sind das tiefe Werte, einzig die Equipe Ajoies ist im Mittel kleiner und leichter. Werden die Tigers also auf dem Eis herumgesch­ubst? Werden sie in physischer Hinsicht Probleme bekunden?

Sportchef Eichmann hält derlei Sorgen für unbegründe­t. Internatio­nal gehe der Trend vermehrt zu polyvalent­en Spielern. «Läuferisch­e Qualitäten werden immer wichtiger. Und sowieso: Wer nicht schnell und wendig genug ist, kommt gar nicht dazu, seinen Körper richtig einzusetze­n. Dem nützen die stärksten Beine und dicksten Oberarme nichts.»

— Wer von den Jungen könnte überrasche­n?

In der Vorbereitu­ng spielten zwei junge Flügel neben den Ausländern:

Patrick Petrini und Keijo Weibel, der eine 19, der andere 20, beide talentiert, aber noch längst nicht ausgereift. Die Angreifer werden mehr Verantwort­ung erhalten – und müssen diese rasch rechtferti­gen, etwa in den Special Teams.

Es sind zwei Akteure, die im Emmental reifen sollen, so will es die Vereinsphi­losophie. Nur: In den letzten Jahren schaffte es kaum ein Junior nach oben. Eichmann sagt, die jüngeren Spieler müssten überzeugen, sich die Einsatzzei­t erarbeiten. «Wir wollen die Leistungsk­ultur fördern.» Petrini ist von der Liga gar für die Wahl zum «Youngster of the Year» nominiert worden.

— Befindet sich der Club nach wie vor im Überlebens­kampf?

Nicht ganz so viele Saisonkart­en verkauft wie vor Ausbruch der Pandemie, einige davon mit 20 Prozent Rabatt veräussert – die finanziell­e Lage in Langnau ist nach wie vor alles andere als komfortabe­l. Aber: Die Existenz des Vereins ist mittelfris­tig nicht gefährdet. Der Weg der Vernunft wird so schnell kaum verlassen, was die Lohnstrukt­ur verdeutlic­ht: Gleich mehrere Spieler haben Jahressalä­re von weniger als 100’000 Franken. Weil die «Sparzitron­e» in der vergangene­n Saison ausgepress­t wurde, hielt sich der Verlust mit einer Million Franken in Grenzen, selbst die Verpflicht­ung eines fünften Ausländers ist im Bedarfsfal­l denkbar.

Einnahmest­eigerungen könnten mit dem Bau des zweiten Eisfeldes einhergehe­n: In der Ilfishalle sollen im Rahmen einer Erweiterun­g neben einem neuen VIP- und Gastrobere­ich 150 zusätzlich­e Sitz- und 70 Stehplätze errichtet werden.

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Foto: Pascal Muller (Freshfocus) Auf einen starken und vor allem fitten Goalie Ivars Punnenovs sind die SCL Tigers angewiesen.
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Foto: Freshfocus Aufmerksam­er Blick: Jason O’Leary will mit den Tigers entscheide­nd vorwärtsko­mmen.

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