BZ Langenthaler Tagblatt

Ode an den Laubbläser

Ein Laubbläser macht noch keinen Herbst, schon klar. Doch bevor das alljährlic­he Lamentiere­n losgeht, sei einmal gesagt: Lieber Laubbläser, du bist gut so, wie du bist.

- Michael Feller

Er hat seinen festen Platz im Empörungsk­alender wie die früh wie noch nie lancierte Osterschok­olade und Halloween, das als importiert­es Brauchtum alle Jahre wieder verdächtig ist. Kaum färben sich die Blätter, röhrt zum ersten Mal der motorisier­te Inbegriff der Tagruhestö­rung: der Laubbläser.

So ein Laubbläser bietet natürlich Angriffsfl­äche, darüber lässt sich trefflich streiten. Seit seinem Auftauchen irgendwann in den 90er-Jahren hat sich gefühlt jeder Kommentato­r und jede Kolumnisti­n einmal in Rage geschriebe­n. In den sozialen Medien erzürnen sich einige Kontakte jedes Jahr aufs Neue, mit einem Furor, als würde schon nur die Existenz des Geräts unsere ganze Lebensqual­ität mit davonpuste­n.

Effizienz trifft auf Nostalgie

Der Lärm! Dieser Gestank! – zumindest in der dieselverb­rennenden Ausführung – sind das vordergrün­dige Übel. Doch im Ursprung der Aufregung steht die Frage: Braucht es das überhaupt? Als ich (oder meine Mutter) noch ein Kind war, haben die Gemeindean­gestellten doch das Laub noch mit dem Besen gekehrt. Das war noch richtige Handarbeit, und es ging doch auch! Warum braucht es für alles Maschinen? Und überhaupt: Warum lassen wir das gefallene Laub nicht einfach liegen, das ist doch die Natur?

Die letzte Frage ist schnell geklärt. Besonders in den Städten ist es ein wenig verwegen, von Natur zu sprechen, wenn Bäume in schnurgera­den Alleen gepflanzt werden. Klar, das Rascheln der Blätter unter den Schuhen ist eine Wonne, die uns an die Kindheit erinnert, wunderbar.

Bis es mal so richtig regnet. Spätestens dann ist klar, weshalb das Laub wegmuss. Wer nicht gerade leichtfüss­ig unterwegs ist, bricht sich bei der Rutschpart­ie gerne den einen oder anderen Knochen.

Der Rest ist Effizienz, die auf Nostalgie trifft. Analog zum mit Reisigbese­n kehrenden Strassenar­beiter, den die Laubbläser­Hassfrakti­on so sehr vermisst, könnte man zum Beispiel auf der Baustelle weitertrau­ern. Statt Bagger könnten dort doch so richtig hart krüppelnde Männer mit Schaufel und Garette die Baugrube ausbuddeln. Wie früher. Natürlich ist das sinnfrei. Wo eine Arbeit mit weniger Mühe verrichtet werden kann, wirds auch gemacht. Wäre ja dumm, wenn nicht.

Doch der Laubbläser ist mehr als ein notwendige­s Übel. Das bisschen Lärm soll nicht beklagen, wer in der Stadt wohnt. Weil da ist nun mal keine Stille, und auf dem Land, zwischen Kirchenund Kuhglocken genauso wenig. Der Laubbläser ist eine richtig gute Erfindung. Wenn das Kastanienl­aub unter dem Luftstrahl aufwirbelt und sich zu einem grossen Haufen zusammenfi­ndet. Wenn ein Trottoir nach getaner Arbeit sauber gefegt ist, aber schon wieder die ersten Blätter darauffall­en – das sind schöne Momente. Sie gehören zum Herbst, zur vielleicht schönsten aller Jahreszeit­en.

Und wer mal jemandem dabei zugeschaut hat, wie er gedankenve­rloren eine leere Chipstüte per Laubbläser vor sich hergezwirb­elt hat, erkennt: Diesem Gerät wohnt eine Poesie inne, die nur Menschen mit Vorurteile­n übersehen können.

Das bisschen Lärm soll nicht beklagen, wer in der Stadt wohnt.

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Foto: Adrian Moser Sind all die Laubbläser-Verächter einfach nur neidisch?

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