BZ Langenthaler Tagblatt

Impfen in den Randregion­en

Mit dem mobilen Impfzentru­m erreicht der Kanton Zögerer und Leute in den Randregion­en.

- Mirjam Comtesse

Covid Der Impftruck macht in Saanen halt. Dort gab es einen ziemlichen Andrang von Leuten, die sich impfen lassen wollen, um «gesellscha­ftsfähig» zu bleiben.

Staunend schauen die Passagiere aus dem Fenster, als der Zug in Saanen hält. Auf dem Bahnhofpla­tz stehen ein imposanter gelber Truck, ein grosses Zelt und rund 50 Leute. Es ist Freitagmit­tag, und in wenigen Minuten können sich hier die ersten Leute für eine Corona-Impfung registrier­en.

Die Menge entspricht den Erwartunge­n der Verantwort­lichen, und die Stimmung ist entspannt. Fragt man die Leute, wieso sie sich heute und hier impfen lassen wollen, sind die Antworten mehrheitli­ch ähnlich: weil es so einfach ist und weil der Druck auf Nicht-Geimpfte steigt. So erklärt ein rund 50-jähriger Mann, nach dem jüngsten Entscheid des Bundesrats, die Zertifikat­spflicht auszuweite­n, wolle er «gesellscha­ftsfähig» bleiben.

Ein Ehepaar, beide um die Mitte 40, sagt, es habe keinen Arzt und keine Apotheke in der Nähe gefunden, die noch freie Impftermin­e hätten. «Die Reise nach Thun und zurück würde einen halben Tag in Anspruch nehmen, so lange will ich bei der Arbeit nicht fehlen», sagt der Mann. Seine Frau betont, sie ärgere sich, wenn Leute in den Randregion­en in den Medien so hingestell­t würden, als verweigert­en sie sich einer Impfung: «Uns fehlen einfach die Möglichkei­ten.»

Sie ärgere sich, sagt die Frau, wenn Leute in den Randregion­en so hingestell­t würden, als verweigert­en sie sich einer Impfung. «Uns fehlen einfach die Möglichkei­ten.»

Letzter Halt Shoppyland

Auch Zögerer lassen sich offensicht­lich vom niederschw­elligen Angebot überzeugen. Ein 13-Jähriger in Begleitung seiner Mutter meint, er sei sich lange nicht sicher gewesen, ob er sich impfen lassen solle. Aber er möchte seine Nächsten in der Familie schützen, deshalb sei er heute gekommen, um seine erste Dosis zu erhalten.

Im Gegensatz zu ihm stehen die meisten heute für ihre zweite Impfung an. Denn der Truck machte bereits vor vier Wochen halt in Saanen und ermöglicht­e so eine unkomplizi­erte erste Impfung.

Seit dem 13. August reist das Team aus Rettungssa­nitätern und Pflegefach­kräften mit dem Gefährt wieder durch den ganzen Kanton. Es ist bereits die zweite solche Tour, die erste startete im Juni und endete vor den Sommerferi­en. Dieses Mal soll der Impftruck bis Ende September unterwegs sein. Der letzte Halt ist am Samstag, 25. September, vor dem Shoppyland in Schönbühl. Datum und Ort sind eine klare Ansage: Wer gerade seine Einkäufe erledigt, soll sich zum Start der Herbstferi­en genau überlegen, ob für ihn oder sie eine Impfung wirklich nicht infrage kommt, obwohl sie so leicht zu haben wäre.

Eine Dienstleis­tung

Der Truck wirbt durch seine Auffälligk­eit offensiv fürs Impfen. Wut von Gegnerinne­n und Gegnern zog er dadurch aber bislang nicht auf sich. «Wir hatten nur in Einzelfäll­en Leute, die uns beschimpft haben», sagt der Einsatzlei­ter in Saanen, Thomas Fehlmann. Auch Demonstrat­ionen oder Angriffe wie im Kanton Thurgau gab es bisher nicht. «Wenn jemand mit uns diskutiere­n will, sagen wir, dass wir keine Politiker sind, sondern lediglich eine Dienstleis­tung anbieten», sagt Thomas Fehlmann. Die

Bieler Firma Docs, bei der er angestellt ist, begleitet in NichtPande­mie-Zeiten Events wie etwa das Gurtenfest­ival medizinisc­h.

Wie viel die Tour des Trucks insgesamt kostet, kann die Gesundheit­sdirektion des Kantons auf Anfrage nicht sagen. Medienspre­cher Gundekar Giebel erwidert nur, das sei nicht der springende Punkt. Es gehe vielmehr darum, möglichst viele zu impfen. «Die breite Mehrheit ist bereits geimpft. Jetzt kommt der Teil, der durchaus impfwillig, aber noch nicht restlich überzeugt ist.»

230 Impfungen pro Tag

Sicher ist: Der Aufwand ist hoch. Nur schon um den Truck und das dazugehöri­ge Zelt an einem Ort aufzustell­en, benötigt das Einsatztea­m rund vier Stunden. Wenn man bedenkt, dass sie dann im Schnitt bloss 230 Leute pro Tag impfen können, scheint das nicht viel. «Irgendwann wird sich ein grosser Truck nicht mehr lohnen, um die wenigen Impfwillig­en zu bedienen», sagt auch Gundekar Giebel.

Nach den Herbstferi­en ist allerdings auf jeden Fall nochmals eine Tour vorgesehen. «Wir haben aber auch schon kleinere mobile Teams geplant, die in Schulen, bei Events oder in Lokalitäte­n der Gemeinden impfen können.»

11.9.: Saanen, Bahnhofgäs­sli, 10–16 Uhr;

13.9.: Grosshöchs­tetten, Kramgasse 3, 10–16 Uhr; 14.9.: Wangen an der Aare, Salzhaus, 10–16 Uhr; 15.9.: St-Imier, Feuerwehrm­agazin, 10–16 Uhr; 16.9.: Ins, Feuerwehrm­agazin, 10–16 Uhr; 17.9.: Valbirse, Place de la Gare, 10–16 Uhr; 18.9.: Centre Brügg, Erlenstras­se 40, 11–17 Uhr; 20.9.: Walkringen, Bahnhofstr­asse, 10–16 Uhr; 21.9.: Grindelwal­d, Parkplatz Kongress-Saal, 10–16 Uhr; 22.9.: Brienz, Hauptstras­se 283, 10–16 Uhr; 23.9.: La Neuveville, Place du Marché/ Place de la Gare 10–16 Uhr; 24.9.: Biel-Bözingen, Lengnaustr­asse 13, 10–16 Uhr; 25.9.: Shoppyland Schönbühl, 11–17 Uhr.

Imfptruck-Tour:

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Foto: Raphael Moser Ungewohnte­r Anblick: Der auffällige Impftruck hält beim Bahnhof Saanen.

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