Ni­k­laus Pe­ter Über Hel­den

Das Magazin - - N° 13 — 31. März 2018 - Ni­k­laus Pe­ter

Der deut­sche Phi­lo­soph G. W. F. He­gel kommt an ei­ner Stel­le sei­ner Schrif­ten auf ein ge­flü­gel­tes Wort zu spre­chen: «Für ei­nen Kam­mer­die­ner gibt es kei­nen Hel­den.» Ei­nes je­ner tro­cke­nen und trä­fen Sprich­wor­te, mit dem de­vo­tes An­him­meln von Per­so­nen auf den Bo­den des Ir­di­schen her­un­ter­ge­holt wird, nach dem Mot­to: «Na, den ken­ne ich ziem­lich gut...» Die­je­ni­gen, die ganz na­he sind, wie Kam­mer­die­ner oder viel­leicht Ver­wand­te, se­hen gros­se Men­schen gleich­sam tag­täg­lich in der Un­ter­wä­sche, im Knorz des All­tags – und da wer­den aus Hel­den dann eben stink­nor­ma­le Men­schen.

He­gel kommentiert das und dreht den Spiess und die Per­spek­ti­ve um: Das kom­me nicht da­her, weil je­ner et­wa nicht ein Held, «son­dern weil die­ser – der Kam­mer­die­ner ist». Des­halb kön­ne er den Hel­den nicht als Hel­den wahr­neh­men. Das leuch­tet ein, denn das Wahr­neh­mungs­feld des Kam­mer­die­ners ist die Kam­mer, die Toi­let­te, der un­hel­den­haf­te All­tag des Hel­den: Auch die­ser muss sich wa­schen, an­zie­hen, Fin­ger­nä­gel schnei­den, viel­leicht ent­weicht ihm ein Rülp- ser. Aber sol­che Ein­bli­cke ins Pri­va­te des Hel­den dür­fen nicht zur Mei­nung ver­lei­ten, dass die­ser kein Held sei.

Nun wird man mit dem be­las­te­ten Be­griff des Hel­den ge­wiss vor­sich­tig um­ge­hen wol­len; wenn man je­doch statt «Held» et­wa «ein vor­bild­li­cher Mensch» sagt, ei­ner, der sei­ne Hu­ma­ni­tät ex­em­pla­risch lebt? Ei­ner, des­sen Mut sich in brenz­li­gen Si­tua­tio­nen be­währt, des­sen in­ne­re Kraft auf an­de­re Men­schen aus­strahlt? Der mit sei­nen Wor­ten und sei­nem Cha­ris­ma an­de­re auf­zu­rich­ten weiss, ei­ner, der so­gar sein Le­ben für an­de­re zu wa­gen be­reit ist? Wenn man es so sieht – dann ha­ben das Grin­sen und die Dauer­i­ro­nie ge­gen je­de Form von Ge­schich­ten über Hei­li­ge, über Men­schen, auf de­ren Ge­sicht und in de­ren Le­ben Gött­li­ches trans­pa­rent wird, et­was Kam­mer­dien­er­haf­tes. Ge­wiss, es gibt ei­ne Kul­tur von Hei­li­gen­ge­schich­ten, die ver­schwitzt, köh­ler­glau­ben­haft und pein­lich ist – für das, was durch die Le­gen­den hin­durch­leuch­tet, gilt dies nicht.

Wir le­ben in ei­ner Welt, in der die Kam­mer­die­ner­per­spek­ti­ve zum Ge­schäfts­mo­dell von Fern­seh­sen­dern und Bou­le­vard­zei­tun­gen ge­wor­den ist – das Aus­schlach­ten des Pein­lich-pri­va­ten, der Miss­grif­fe und Irr­gän­ge. Zü­ge des Mensch­li­chen, des Rei­nen, ethisch Ver­trau­ens­wür­di­gen und eben Hei­li­gen fal­len dort so­fort un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht. «Hei­li­ges» gibt es da nur in der Form von Sen­ti­men­ta­li­tät.

Ei­ner, der Hei­li­gen­le­ben vom Frömm­le­ri­schen, aber auch von der Lä­cher­lich­ma­chung frei hielt, war der Schwei­zer re­for­mier­te Theo­lo­ge Wal­ter Nigg (1903–1988). Ihm ge­lang es, in sei­nen Bü­chern über Hei­li­ge und Ket­zer auf re­la­tiv knap­pem Raum be­we­gen­de, far­bi­ge Le­bens­bil­der von mensch­li­cher Tie­fe zu zeich­nen. Das Ge­heim­nis der Wir­kung die­ser Bil­der lag dar­in, dass Nigg die von ihm be­schrie­be­nen Ge­stal­ten lieb­te, auch das Schrä­ge. Er ent­deck­te in ih­nen Aus­ser­or­dent­li­ches und Ex­em­pla­ri­sches, und das ver­such­te er her­aus­zu­ar­bei­ten, ver­wisch­te da­bei aber nie Pro­ble­me, Gren­zen und Grenz­wer­ti­ges.

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