Hans ul­rich obrist trifft Jean­ne Mo­reau

Das Magazin - - N° 13 — 31. März 2018 - HANS UL­RICH OBRIST ist künst­le­ri­scher Di­rek­tor der Ser­pen­ti­ne Gal­le­ries in Lon­don.

Al­les be­gann mit Ce­rith Wyn Evans. Er ist ein gu­ter Freund von mir, ein gross­ar­ti­ger Kon­zept­künst­ler, aus­ser­dem ist er Wa­li­ser. Ei­nes Ta­ges er­zähl­te ich ihm, dass ich ger­ne Jean­ne Mo­reau tref­fen wür­de, die Gran­de Da­me des fran­zö­si­schen Ki­nos. Er war be­geis­tert und schick­te mich gleich auf ei­ne Mis­si­on: Sie sol­le ei­nen ganz be­stimm­ten Satz sa­gen, den er dann wie­der­um für ei­nen Film ver­wen­den wer­de. Der Satz lau­te­te: «Est-ce que le film est déjà com­men­cé?» Go­dard hat­te ja ein­mal ge­sagt, dass der Film längst an­ge­fan­gen hat, wenn wir im Ki­no sit­zen, denn wir ha­ben be­stimm­te Er­war­tun­gen, Vor­stel­lun­gen, Pro­jek­tio­nen, be­vor das Licht aus­geht. Auch die Lein­wand ist schon da.

Ein paar Mo­na­te spä­ter sass ich in der Bras­se­rie We­p­ler an der Place de Cli­chy in Pa­ris und war­te­te auf Mo­reau, die ei­nem Tref­fen zu­ge­stimmt hat­te. Sie war per­fekt zu­recht­ge­macht, ihr Haar ma­kel­los, ihr Ma­ke-up, ih­re Gar­de­ro­be – al­les per­fekt. Und sie frag­te: Wo ist der Fo­to­graf ?

Ich hat­te kei­nen Fo­to­gra­fen da­bei. Ich ha­be nie ei­nen Fo­to­gra­fen da­bei, weil ich mich ja nur un­ter­hal­ten möch­te. Sie aber dach­te, es han­de­le sich um ein In­ter­view für ein Ma­ga­zin. Da war ich in Nö­ten. Na­tür­lich woll­te ich sie nicht ent­täu­schen, da sie sich schon so vor­be­rei­tet hat­te, und zog mein ipho­ne aus der Ta­sche. Mit ei­ner Not­lü­ge – «Ich ma­che im­mer bei­des selbst, In­ter­view und Fo­tos» – ver­such­te ich, der Si­tua­ti­on die Pein­lich­keit zu neh­men, und be­gann, mit mei­nem Han­dy Fo­tos von ihr zu ma­chen.

Sie un­ter­brach mich ziem­lich schnell, mit der Be­mer­kung: «Mon cher, on fait pas de fo­tos d’une femme com­me Ça». Ich müs­se die Ka­me­ra wei­ter nach oben hal­ten, wei­ter weg, wei­ter links, wei­ter rechts. Wir mach­ten dann ein rich­ti­ges Shoo­ting – be­zie­hungs­wei­se sie, denn bei je­dem Bild sag­te sie, wel­chen Aus­schnitt und wel­che Dis­tanz ich wäh­len soll­te. Und sie riet mir, al­le mei­ne Freun­de und Be­kann­ten zu fo­to­gra­fie­ren.

Wann genau der Film mei­nes Freun­des an­fängt, weiss ich zwar im­mer noch nicht, da­für ha­be ich mit dem Fo­to­gra­fie­ren be­gon­nen. Seit­her fo­to­gra­fie­re ich täg­lich, wie ein Wil­der. Zu­vor ha­be ich nie Fo­tos von Men­schen ge­macht, ich fand das ei­gent­lich im­mer zu in­dis­kret, ei­ne Grenz­über­schrei­tung, die sich nicht ge­hört. Aber Jean­ne Mo­reau hat mir er­klärt, dass der ein­zi­ge Ma­kel am Por­trä­tie­ren von Men­schen dar­in be­steht, die­se schlecht aus­se­hen zu las­sen.

Wie Hans Ul­rich Obrist Jean­ne Mo­reau kurz vor ih­rem Tod in ei­nem Ca­fé traf und sie ihm zeig­te, wie man rich­tig fo­to­gra­fiert.

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