Max Küng Lie­be Fir­ma Hol­lystar

Das Magazin - - N° 13 — 31. März 2018 - MAX KÜNG ist Re­por­ter bei «Das Ma­ga­zin»; Il­lus­tra­ti­on SATOSHI HA­SHI­MO­TO

An­bie­te­rin für Vi­deo-on-de­mand, ich schrei­be Ih­nen die­sen Brief im Auf­trag mei­nes jün­ge­ren Soh­nes, acht Jah­re alt. Er pocht dar­auf, die­sen Brief zu ver­fas­sen. Sie wis­sen ja: Kin­der ha­ben manch­mal Ide­en und kön­nen dick­köp­fig sein, mei­ne Gü­te. Man sagt, das Här­tes­te auf der Welt sei Dia­mant, aber wis­sen Sie was: Ein trot­zen­der Kinds­kopf ist här­ter. Ich sag­te ihm: «Chill!» Er sag­te: «Re­de nicht so, wie du denkst, dass Kin­der re­den. Re­de über­haupt nicht, schrei­be!» So zart und glatt die Haut ei­nes Kin­des sein mag, Stirn­run­zeln be­kom­men sie schon früh sehr gut hin. Die­ses Kind al­so schaut grim­mig und dik­tiert: «Lie­be Fir­ma Hol­lystar. Wir woll­ten ei­nen schö­nen Abend ha­ben. Mit Tv-din­ner. Aber es wur­de kein schö­ner Abend. Es wur­de ganz das Ge­gen­teil. Wir brei­te­ten die Pick­nick­de­cke vor dem Fern­se­her aus. Weil mein Va­ter sehr pin­ge­lig ist, wenn es um den blö­den Tep­pich geht. Er sagt, der Tep­pich sei noch heik­ler, als er selbst es sei, wenn auf ihm Piz­za ge­ges­sen wird (al­so auf dem Tep­pich, nicht dem Va­ter). Wir woll­ten ei­nen Film schau­en. Ich freu­te mich. ‹Der Kauf­haus Cop 2›! Der soll gut sein. ‹Der Kauf­haus Cop 1› ha­be ich schon ge­se­hen, der war nicht so gut, weil es ei­gent­lich nur um das Schmu­sen geht. ‹Der Kauf­haus Cop 2› war lus­ti­ger, aber nicht lan­ge, und dar­an sind Sie schuld, lie­be Fir­ma Hol­lystar. Mit freund­li­chen Grüs­sen und so wei­ter.»

Ich möch­te den Wor­ten des Soh­nes noch ein paar hin­zu­fü­gen zum bes­se­ren Ver­ständ­nis der Um­stän­de. Wie ge­sagt, schau­ten wir «Der Kauf­haus Cop 2»: Als Teil ei­ner Fa­mi­lie ist man auch Teil ei­nes Teams, und so kommt es vor, dass man von Zeit zu Zeit Din­ge tut, die ei­nem zu­wi­der sind. Dies ist ja auch das Tol­le dar­an, Kin­der zu ha­ben: dass es nicht im­mer nur um ei­nen selbst geht. Wie dem auch sei: Ich kauf­te al­so die­sen Film bei Ih­nen, und nach 56 Mi­nu­ten muss­te je­mand aufs Klo. Kein Pro­blem. Da­für wur­de ja die Pau­se-tas­te er­fun­den. Als wir den Film je­doch wie­der aus der Star­re er­we­cken woll­ten, da ging nichts mehr. «Kein Pro­blem», sag­te ich, hob die Hän­de zu ei­ner os­ter­got­tes­dienst­mäs­sig ver­söhn­li­chen Ges­te in die Hö­he und mach­te mich so­gleich dar­an, das Pro­blem zu lö­sen, wel­ches ja an­geb­lich kei­nes war. Ich wuss­te: Ein Re­start löst al­le Sor­gen. Doch in der Fol­ge war es mir un­mög­lich, den Film vor­zu­spu­len. Mal ums Mal stürz­te das Sys­tem ab. Und so blieb uns nichts an­de­res üb­rig, als den Film noch­mals ganz von vor­ne zu schau­en, uns noch ein­mal die gan­zen 56 Mi­nu­ten rein­zu­zie­hen, die wir schon in­tus hat­ten, was wirk­lich ei­ne quä­len­de Er­fah­rung war.

Man denkt ja im­mer, die Welt wer­de stets schö­ner und bes­ser. Es gibt da­hin­ge­hend ja auch ei­ni­ge Ver­spre­chen. Und ich möch­te ge­wis­se Fort­schrit­te auch gar nicht leug­nen. Der Schrift­stel­ler Sal­man Rush­die et­wa mein­te un­längst in ei­nem In­ter­view, er wer­de im­mer wie­der mal ge­fragt, in wel­cher Zeit er am liebs­ten ge­lebt hät­te. Ob bei den Rö­mern oder Ne­an­der­ta­lern oder noch frü­her. Sei­ne Ant­wort aber sei: «Genau jetzt!» Und zwar aus ei­nem gu­ten Grund: Der Zahn­me­di­zin we­gen. «In je­dem an­de­ren Jahr­hun­dert, egal ob du Kö­nig warst oder Skla­ve, warst du ver­lo­ren, wenn du ei­nen fau­len­den Zahn hat­test.»

Wo er recht hat, da hat er recht, je­doch sind die Ver­spre­chen, Er­run­gen­schaf­ten und Pro­ble­me der mo­der­nen Tv-un­ter­hal­tung an­ders ge­la­gert als je­ne der Den­tal­me­di­zin. Egal, ob du Kö­nig warst oder Skla­ve: Als es noch kein Di­gi­tal­fern­se­hen gab, da gab es ein paar Pro­ble­me we­ni­ger.

Mit freund­li­chen Grüs­sen Max Küng

PS Noch schlim­mer, Kin­der­ge­burts­tag: Zwölf Sechs­jäh­ri­ge, die ge­spannt war­ten, bis man den bei itu­nes ge­kauf­ten Film star­tet, der dann auch tat­säch­lich star­tet, aber in eng­li­scher Spra­che. Dies sind Er­fah­run­gen, die man nicht ge­macht hat, hat man sie nicht ge­macht; und die man, hat man sie ge­macht, nie wie­der ver­gisst.

PPS Song zum The­ma: «Mo­dern T.V.» von The Clea­ners From Ve­nus (Al­bum «Blow Away Your Trou­bles», 1981)

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