Ein tag im le­ben ei­ner Ge­flüch­te­ten­hel­fe­rin

Das Magazin - - N° 13 — 31. März 2018 - Pro­to­koll FLA­VIA VON GUNTEN Bild PRI­VAT

Ich sass auf der Rück­bank ei­nes Au­tos in der grie­chi­schen Ha­fen­stadt Pi­rä­us, als ich auf mei­nem Han­dy die Re­sul­ta­te der Prü­fun­gen ab­rief: durch­ge­fal­len in al­len Fä­chern des ers­ten Jah­res mei­nes Stu­di­ums der Rechts­wis­sen­schaf­ten.

Über­rascht war ich nicht, denn ich hat­te mich schlecht vor­be­rei­tet. Ein hal­bes Jahr vor den Prü­fun­gen, im Ja­nu­ar 2016, hat­te ich mit fünf Freun­den aus dem Gym­na­si­um den Ver­ein «Ku­ne» ge­grün­det. In Espe­ran­to, der völ­ker­ver­bin­den­den Spra­che, be­deu­tet Ku­ne «zu­sam­men». Ge­mein­sam woll­ten wir Ge­flüch­te­ten hel­fen. An­statt in Hör­sä­len ver­brach­te ich mei­ne Zeit in Flücht­lings­la­gern, ver­teil­te De­cken, Klei­der, Es­sen. Zwar kehr­te ich zwi­schen den Ein­sät­zen mehr­mals in die Schweiz zu­rück, mei­ne Ge­dan­ken aber blie­ben in Grie­chen­land. Egal, wo ich mich auf­hielt, ne­ben­her er­le­dig­te ich die gan­ze Ad­mi­nis­tra­ti­on des Ver­eins. Pau­sen gönn­te ich mir kaum, denn die Ar­beit für Ku­ne war mein per­sön­li­cher Treib­stoff. Zum ers­ten Mal hat­te ich das Ge­fühl, mei­nen Weg ge­fun­den zu ha­ben: Leu­te ken­nen ler­nen, Ar­beits­ein­sät­ze ko­or­di­nie­ren, Spen­den sam­meln – schö­ne­re Tä­tig­kei­ten konn­te ich mir nicht vor­stel­len. Oft wur­de ich ge­fragt, ob das gan­ze Leid der Ge­flüch­te­ten mich nicht trau­rig ma­che. Im Ge­gen­teil: Es mo­ti­vier­te mich, noch mehr Kraft in das Pro­jekt zu ste­cken. Aus mei­nem Ar­beits­rausch weck­ten mich dann die un­ge- nü­gen­den No­ten. Ich er­kann­te, dass ich als Ju­ris­tin für die Ge­flüch­te­ten mehr be­wir­ken kann. Auch wur­de ich mir der Ver­ant­wor­tung be­wusst, die ich tra­ge. Je­nen ge­gen­über, die kei­ne gu­te Bil­dung er­hal­ten, weil sie je­den Tag um ihr Le­ben kämp­fen müs­sen. Wie ein Va­ter in Pi­rä­us, der jahr­zehn­te­lang sei­ne Fa­mi­lie er­nährt hat­te und nun von mir, ei­ner jun­gen Stu­den­tin, sei­nen täg­li­chen Tel­ler Sup­pe er­hielt. Wie ab­surd die­ser Rol­len­tausch sich für ihn an­ge­fühlt ha­ben muss.

Die Nach­prü­fun­gen be­stand ich, aber bei Ku­ne muss­te ich die Stra­te­gie wech­seln. Mehr­wö­chi­ge Ein­sät­ze in grie­chi­schen Flücht­lings­camps? Schwie­rig zu ver­ei­nen mit ei­nem Uni­all­tag in Bern. Seit Fe­bru­ar 2017 tref­fen wir von Ku­ne uns an ei­nem Abend pro Wo­che mit den Be­woh­nern der Not­un­ter­kunft Brün­nen im Ber­ner Aus­sen­quar­tier Büm­pliz zu Fussball, Bas­ket­ball, Volleyball und Tischtennis. Geld­spen­den be­nö­tig­ten wir da­zu fast kei­ne, und un­se­re Aus­bil­dung lei­det auch nicht. Zu­dem ist der Ein­satz in der Schweiz nach­hal­ti­ger: Wir bau­en Ver­trau­en zu den Men­schen auf und un­ter­stüt­zen sie bei der In­te­gra­ti­on. In­dem wir mit ih­nen kon­se­quent Deutsch spre­chen und auch ab­seits des Sport­plat­zes un­se­re Un­ter­stüt­zung an­bie­ten. Weil im Kan­ton Bern die Asyl­ge­su­che seit An­fang 2017 sin­ken, wur­de die Un­ter­kunft in Brün­nen man­gels Aus­las­tung ge­schlos­sen. Seit­her or­ga­ni­sie­ren wir un­se­re Tref­fen via Whats­ap­pg­rup­pe. De ehe­ma­li­gen Be­woh­ner brin­gen Kol­le­gen mit, das Be­dürf­nis ist gross, die auf­ge­bau­ten Freund­schaf­ten zu pfle­gen.

In mei­nem Kopf schwir­ren vie­le Ide­en um­her, wie wir un­ser En­ga­ge­ment in der Schweiz aus­bau­en könn­ten. Im Mo­ment su­chen wir ei­nen Schre­ber­gar­ten, in dem wir mit den Ge­flüch­te­ten Ge­mü­se an­bau­en kön­nen. Auch ein Pro­jekt mit der Uni­ver­si­tät fän­de ich toll. Zum Bei­spiel könn­ten Schwei­zer Stu­die­ren­de An­wäl­ten in Flücht­lings­camps as­sis­tie­ren. Je mehr Leu­te die Dos­siers der Ge­flüch­te­ten be­ar­bei­ten, des­to ra­scher bes­sert sich de­ren Si­tua­ti­on. Und statt mit Frau Mus­ter und Herrn Müller könn­ten wir Stu­die­ren­de das in­ter­na­tio­na­le Recht an ech­ten Fäl­len üben.

Um zu ver­ste­hen, wie das grie­chi­sche Recht funk­tio­niert, wür­de ich am liebs­ten per­sön­lich mit den Ju­ris­ten vor Ort spre­chen. Aber ich muss auf­pas­sen, dass ich nicht wie­der den glei­chen Feh­ler wie am An­fang mei­nes Stu­di­ums ma­che. Im­mer noch fällt es mir schwer, mei­ne Res­sour­cen zwi­schen Ku­ne und dem Stu­di­um so auf­zu­tei­len, dass kei­nes der Pro­jek­te zu kurz kommt.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.