Was wir in wel­chem Al­ter ler­nen. Ei­ne Lis­te von 0 bis 99.

Kaum auf der Welt, fängt es an. Und hört zum Glück nie auf: das Ler­nen. Un­se­re Au­to­rin hat sich ge­fragt, was wir wann ler­nen.

Das Magazin - - N° 14 — 7. April 2018 - Von Hei­ke Fal­ler

Ken­nen Sie die­sen Mo­ment? Vor Ih­nen liegt ein klei­nes Ba­by, blin­zelt ver­schla­fen in die Welt, und Sie den­ken: Wenn du wüss­test, was al­les auf dich zu­kommt. So je­den­falls ging es mir, als vor sechs Jah­ren mei­ne jüngs­te Nich­te auf die Welt kam. Der mit­tel­al­te Mensch (ich) blick­te in die Au­gen des neu­ge­bo­re­nen Men­schen und stell­te sich vor, was die­ser al­les ler­nen wird. Ich be­gann, es für sie auf­zu­schrei­ben, ein Le­bens­jahr, ei­ne Zei­le, ei­ne Lern­er­fah­rung von null bis hun­dert Jah­ren – vom Pur­zel­baum­ma­chen im Al­ter von drei bis zur Fahr­aus­weis­ab­ga­be jen­seits der acht­zig. Ir­gend­wann dach­te ich: Könn­te das nicht ein Kin­der­buch sein? Ei­nes, das Kin­der vor­blät­tern lässt ins Le­ben, das sie auch über­for­dert, so­dass sie viel­leicht ei­nen Er­wach­se­nen fra­gen, was das ei­ne oder an­de­re zu be­deu­ten hat. Ich such­te al­so ei­nen Il­lus­tra­tor, fand den jun­gen ita­lie­ni­schen Zeich­ner Va­le­rio Vi­da­li und fing an, mich mit der Fra­ge zu be­schäf­ti­gen: Was ler­nen Men­schen ei­gent­lich im Lau­fe ih­res Le­bens?

Klar – in der Kind­heit ler­nen wir al­le, wenn es gut läuft, ähn­li­che Din­ge: mit der Schwer­kraft um­zu­ge­hen, Ver­trau­en in an­de­re Men­schen zu ha­ben, Le­sen, Schrei­ben, Roll­schuh­lau­fen.

Aber als Er­wach­se­ne? Gibts ei­nen ge­mein­sa­men Nen­ner? Oder lernt je­der et­was an­de­res im Le­ben?

Im Lauf der letz­ten Jah­re ha­be ich da­her mit vie­len Men­schen über ih­re wich­ti­gen Le­bens­lek­tio­nen ge­re­det. Ich ha­be sehr ar­me Men­schen in­ter­viewt, et­wa ei­ne sy­ri­sche Flücht­lings­fa­mi­lie, die im Kel­ler ei­nes Miets­hau­ses in Istan­bul leb­te. Ich ha­be be­rühm­te Men­schen ge­fragt und sol­che, die ins so­zia­le

Ab­seits ge­ra­ten wa­ren. Das Über­ra­schen­de: Ja, es gibt ihn, den ge­mein­sa­men Nen­ner, die wich­ti­gen Er­fah­run­gen, um die man als Mensch nicht her­um­kommt. Klar, der ei­ne lernt Ski­fah­ren, die an­de­re kann For­meln lö­sen, und der Drit­te muss We­ge fin­den, mit ei­ner schwe­ren Kind­heit klar­zu­kom­men. Trotz­dem ka­men al­le Men­schen, mit de­nen ich ge­re­det ha­be, im­mer wie­der auf ähn­li­che Le­bens­lek­tio­nen zu­rück. Es sind The­men, die dick und fett in der Mit­te un­se­res Le­bens ste­hen und um die wir im Le­ben nur krei­sen, um sie in je­dem Al­ter aus ei­ner an­de­ren Per­spek­ti­ve zu se­hen.

Zum Bei­spiel un­ser Ver­hält­nis zur Welt: Mit drei oder vier Jah­ren stau­nen Men­schen über die Welt, he­ben je­de Kas­ta­nie auf und be­trach­ten sie von al­len Sei­ten. Mit dreis­sig sind die meis­ten Men­schen ziem­lich blind für die Na­tur und eher mit der so­zia­len Welt be­schäf­tigt, bis sie in ih­ren Vier­zi­gern wie­der an­fan­gen wahr­zu­neh­men, wie fan­tas­tisch das al­les ei­gent­lich ist. Und ein ganz al­ter Mann, der 91 war, als ich ihn be­frag­te, er­zähl­te mir, dass es sein schöns­ter Mo­ment die­ses Ta­ges ge­we­sen sei, als er ei­nem klei­nen Kind da­bei zu­schau­te, wie es ein Stück Brot aus der Ta­sche zog und es ei­ner Zie­ge hin­warf: Im Al­ter wer­den Men­schen oft wie­der so sen­si­bel wie Kin­der für das, was sie um­gibt. Es ist, als wür­den sie ei­nen lan­gen letz­ten Blick auf die Welt wer­fen. Das gröss­te The­ma im Le­ben von Men­schen ist ver­mut­lich der Tod: Ir­gend­wann zwi­schen drei und fünf ver­ste­hen Kin­der, dass Men­schen sterb­lich sind. Spä­tes­tens ab vier­zig spü­ren die meis­ten Men­schen, dass die­se End­lich­keit auch sie be­trifft. Aber wie geht man mit die­sem Schre­cken um? Man­che wa­chen mor­gens um vier mit Herz­ra­sen auf, aber vie­le schaf­fen es ir­gend­wann, nach die­sem Er­schre­cken, mehr im Mo­ment zu le­ben. Und ir­gend­wann, so er­fuhr ich bei den Ge­sprä­chen, die ich mit al­ten Men­schen führ­te, ver­liert der Tod sei­nen Schre­cken. Auch Men­schen, die ger­ne le­ben, kön­nen sich dann gut da­mit an­freun­den, dass es zu En­de geht. Das hat­te ich wirk­lich nicht ge­wusst über das Alt­wer­den: dass Men­schen tat­säch­lich ler­nen, mit dem Tod um­zu­ge­hen .

An­de­re wich­ti­ge Lern­er­fah­run­gen, die in den Ge­sprä­chen im­mer wie­der auf­tauch­ten: Wie ge­hen wir mit uns selbst um? Wie mit an­de­ren, was er­war­ten wir von ih­nen? Wie er­fah­ren wir die Zeit, und war­um scheint sie im­mer schnel­ler zu ver­ge­hen? Was macht uns glück­lich? Und was ist das über­haupt: Glück?

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