Wie Da­nie­le Gan­ser zum Ho­he­pries­ter al­ler Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker wur­de.

Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker ha­ben Kon­junk­tur. Ei­ner da­von ist Da­nie­le Gan­ser. Was treibt die­sen Mann an?

Das Magazin - - N° 14 — 7. April 2018 - Von ro­ger scha­win­ski

Das Il­lu­mi­na­ten­au­ge – Sym­bol­bild für die Kraft von Ver­schwö­rungs­theo­ri­en.

kon­spi­ra­ti­ve Ver­si­on. Gleich­zei­tig lässt sei­ne Prä­sen­ta­ti­on von 9/11 je­doch kei­ne Zwei­fel dar­an, dass er die of­fi­zi­el­le Er­klä­rung des Ein­stur­zes von WTC7 für un­glaub­wür­dig hält.

Da­nie­le Gan­ser lehnt den pe­jo­ra­tiv be­nutz­ten Be­griff «Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker» für sei­ne Per­son ve­he­ment ab. Der sei in sei­nem Fall schlicht dif­fa­mie­rend, er­klärt er. Mit die­ser Be­zeich­nung wer­de er von sei­nen Geg­nern und Nei­dern in ei­ne Schub­la­de ge­steckt, in die er nicht ge­hö­re. Die­ses Schub­la­den­den­ken wird von ihm als «Fra­ming» be­zeich­net. Ne­ga­ti­ve Be­richt­er­stat­tung über sei­ne Per­son und sei­ne Ar­beit sei ein sol­ches Fra­ming. Mit die­sem An­satz wer­de er zu Un­recht in den «Vt-fra­me» (Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker-fra­me) ge­steckt, be­klagt er sich. Er sei Wis­sen­schaft­ler. Punkt.

Hin­ter al­lem steckt die CIA

In der Ein­lei­tung zu sei­nem ak­tu­el­len Buch «Il­le­ga­le Krie­ge» er­läu­tert Gan­ser sei­ne Mis­si­on gleich selbst. Sein Va­ter sei ge­bür­ti­ger Deut­scher, der in der Schweiz leb­te und 1943 vom deut­schen Ge­ne­ral­kon­sul in Zü­rich zum Wehr­dienst ein­be­ru­fen wur­de. «Mein Va­ter war da­mals 21 Jah­re jung und woll­te nicht an Hit­lers Krieg teil­neh­men. Die­se Ent­schei­dung mei­nes Va­ters ge­gen den Krieg hat mich als Sohn und His­to­ri­ker be­wegt», schreibt er. So teil­te sein Va­ter dem deut­schen Ge­ne­ral­kon­sul schrift­lich mit: «Ich kann es heu­te noch nicht ver­ste­hen, dass un­ser hoch­christ­li­ches Deutsch­land je­des Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl vor Gott ver­lo­ren ha­ben soll­te.»

Der selbst er­nann­te «Frie­dens­for­scher» hat sich mit Be­zug auf sei­nen Va­ter und des­sen da­ma­li­ge Ent­schei­dung zur Nicht­teil­nah­me am Zwei­ten Welt­krieg in sei­nen Kampf ge­stürzt. Dies er­läu­ter­te er in ei­nem In­ter­view im In­ter­net­por­tal «Nach­denk­sei­ten» so: «Frie­dens­for­scher und auch Frie­dens­ak­ti­vis­ten, die sich ak­tiv ge­gen Ge­walt und Kriegs­pro­pa­gan­da aus­spra­chen, wur­den im­mer wie­der an­ge­grif­fen. Hans und So­phie Scholl von der Frie­dens­be­we­gung Weis­se Ro­se wur­den ent­haup­tet… Je­mand, der auch in der Frie­dens­for­schung ak­tiv

ist, hat mir kürz­lich ge­sagt: ‹Weisst du, sie kön­nen uns gar nicht mehr al­le um­brin­gen, wir sind zu vie­le.›»

Schon wäh­rend sei­ner Tä­tig­keit bei Ave­nir Suis­se prä­sen­tier­te sich Gan­ser sei­nen Kol­le­gen mit Ver­schwö­rungs­theo­ri­en – wes­halb man ihn bald ent­liess. Für Gan­ser ist der ame­ri­ka­ni­sche Ge­heim­dienst CIA die kon­ge­nia­le Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­ti­on der Gesta­po. Des­halb wähnt er sich heu­te, gleich wie die da­ma­li­gen hel­den­haf­ten Geg­ner des Na­zi­re­gimes, im Epi­zen­trum ei­nes Krie­ges zur Ver­tei­di­gung der Men­sch­lich­keit, in dem er als op­fer­be­rei­ter Mär­ty­rer – gleich wie die Ge­schwis­ter Scholl – sein Le­ben ein­zu­set­zen be­reit ist.

Ge­bo­ren 1972 in Lu­ga­no, fand Da­nie­le Gan­ser be­reits in jun­gen Jah­ren sein Feind­bild, ge­gen das er sei­nen be­din­gungs­lo­sen Wi­der­stand zu leis­ten be­reit ist: Er iden­ti­fi­zier­te die Na­to und die die­ses Mi­li­tär­bünd­nis do­mi­nie­ren­den USA als «das Bö­se» schlecht­hin. In Ba­sel be­such­te Da­nie­le Gan­ser die Rudolf St­ei­ner Schu­le und tauch­te dort in die Welt der An­thro­po­so­phie ein, ei­ne Wel­t­an­schau­ung, die auf spi­ri­tu­el­le, eso­te­ri­sche und über­sinn­li­che Ele­men­te auf­baut. Nach dem Gym­na­si­um nahm er das Stu­di­um an der Phi­lo­so­phisch­his­to­ri­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Ba­sel auf. Er schrieb ei­ne Li­zen­zi­ats­ar­beit über die Ku­ba­kri­se und wid­me­te sich dort in aus­führ­li­cher Form der Rol­le der USA. Auch bei sei­ner Dis­ser­ta­ti­on, die er 2001 bei Pro­fes­sor Ge­org Kreis ein­reich­te, blieb er bei sei­nem gros­sen The­ma. Dies­mal be­schrieb er die ita­lie­ni­sche Ge­heim­ope­ra­ti­on Gla­dio, bei der er die Na­to als Draht­zie­he­rin ent­tarn­te.

Sei­ne Dok­tor­ar­beit wur­de zu­erst auf Eng­lisch, dann in sie­ben wei­te­ren Spra­chen und schliess­lich auch auf Deutsch ver­öf­fent­licht – ak­tu­ell liegt be­reits die 13. Auf­la­ge auf Deutsch vor. In ihr schil­dert Gan­ser die in Ita­li­en zwi­schen 1960 und 1980 po­li­tisch mo­ti­vier­ten Ter­ror­an­schlä­ge, die von ei­nem Netz­werk von Neo­fa­schis­ten un­ter dem Na­men Gla­dio aus­ge­führt wur­den. Durch ge­ziel­te Ir­re­füh­run­gen mach­te man da­für aber links­ex­tre­me Ter­ro­ris­ten ver­ant­wort­lich, vor al­lem die da­mals sehr ak­ti­ven Ro­ten Bri­ga­den. In­vol­viert wa­ren bei Gla­dio ita­lie­ni­sche Be­am­te, die mit dem ame­ri­ka­ni­schen Ge­heim­dienst und der Na­to in Ver­bin­dung stan­den, schreibt Gan­ser. Dies wur­de 1990 in ei­nem ita­lie­ni­schen Un­ter­su­chungs­be­richt fest­ge­hal­ten. Die Er­geb­nis­se wur­den spä­ter je­doch mehr­fach in­fra­ge ge­stellt.

Ein zen­tra­les Be­weis­stück für Da­nie­le Gan­sers Haupt­the­se der Na­toBe­tei­li­gung an die­sen «Ope­ra­tio­nen un­ter fal­scher Flag­ge» war ein Do­ku­ment: das «Uni­ted Sta­tes Ar­my Field Ma­nu­al 30-31B», auch be­kannt als «West­mo­re­land Field Ma­nu­al», weil es an­geb­lich von Ge­ne­ral Wil­li­am West­mo­re­land un­ter­schrie­ben war. Die­ses wur­de je­doch vom Aus­sen­mi­nis­te­ri­um der USA und ei­ner Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on des Us-re­prä­sen­tan­ten­hau­ses als so­wje­ti­sche Fäl­schung be­zeich­net. Dies ha­be ein Kgb-über­läu­fer be­reits bei ei­ner Kon­gress­an­hö­rung 1982 be­stä­tigt. Gan­ser hin­ge­gen er­wähnt als Be­leg für die Echt­heit des Do­ku­ments un­ter an­de­rem Äus­se­run­gen von Li­cio Gel­li, dem Ex­chef der ita­lie­ni­schen P2-ge­heim­lo­ge, die im Zen­trum des gröss­ten Skan­dals der ita­lie­ni­schen Nach­kriegs­ge­schich­te stand. Gel­li hat ge­gen­über ei­nem Re­por­ter der BBC tat­säch­lich er­klärt: «Die CIA gab mir das Do­ku­ment.» Phi­lip H. J. Da­vies vom Bru­n­el Cent­re for In­tel­li­gence and Se­cu­ri­ty Stu­dies ist der Über­zeu­gung, dass Gan­sers Buch «durch­setzt ist von er­fun­de­nen Ver­schwö­run­gen, über­trie­be­nen Be­schrei­bun­gen des Aus­mas­ses und der Wir­kung von ge­hei­men Ak­tio­nen, ei­nem feh­len­den Ver­ständ­nis des Ma­nage­ments und der Ko­or­di­na­ti­on von Ope­ra­tio­nen in­ner­halb und zwi­schen na­tio­na­len Re­gie­run­gen und … ei­nem bei­na­he voll­stän­di­gen Ver­sa­gen, Ak­tio­nen und Ent­schei­dun­gen in ei­nen rich­ti­gen his­to­ri­schen Kon­text zu stel­len».

In­tel­li­gent, aber …

Gan­ser trat 2001 ei­ne Stel­le bei der Denk­fa­brik Ave­nir Suis­se an. Zwei Jah­re spä­ter trenn­te man sich von ihm, weil er bei sei­nen Vor­ge­setz­ten mit Ver­schwö­rungs­theo­ri­en Auf­se­hen er­reg­te und weil man das Pres­ti­ge und die Glaub­wür­dig­keit des Thinktanks nicht schä­di­gen woll­te. An­schlies­send war er kurz­zei­tig an der ETH Zü­rich tä­tig. Sein da­ma­li­ger Chef Kurt Spill­mann, Pro­fes­sor für Si­cher­heits­po­li­tik und Kon­flikt­for­schung, be­zeich­net Gan­ser zwar als in­tel­li­gen­ten Mit­ ar­bei­ter, «aber ich konn­te nicht ak­zep­tie­ren, dass je­mand, der wis­sen­schaft­lich in mei­nem In­sti­tut ar­bei­te­te, solch un­sin­ni­ge Ver­schwö­rungs­theo­ri­en ver­brei­tet». Über Gan­sers spä­te­re Ak­ti­vi­tä­ten ur­teilt er hart: «Für mich ist er ein Ver­füh­rer und Ge­schäf­te­ma­cher, der mit sei­nen Vor­trä­gen Sä­le füllt. Mit se­riö­ser For­schung hat dies nichts zu tun.» Die Ent­las­sung von der ETH sei auf­grund ei­ner di­rek­ten In­ter­ven­ti­on der ame­ri­ka­ni­schen Bot­schaf­te­rin in Bern er­folgt, er­klär­te Gan­ser sein Schei­tern im aka­de­mi­schen Be­reich, oh­ne da­für Be­wei­se lie­fern zu kön­nen.

2006 ver­öf­fent­lich­te Gan­ser im «Ta­ges­an­zei­ger» ei­nen Ar­ti­kel zu den An­schlä­gen vom 11. Sep­tem­ber 2001, mit dem er sich beim seit Jah­ren meist­dis­ku­tier­ten The­ma der Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker ein­brach­te. «Die Ver­si­on der Bush­ad­mi­nis­tra­ti­on blind zu über­neh­men, wür­de den grund­le­gen­den Prin­zi­pi­en der Wahr­heits­su­che wi­der­spre­chen», lie­fer­te er als Er­klä­rung. «Wir brau­chen ei­ne of­fe­ne, sach­li­che, wis­sen­schaft­li­che De­bat­te über al­le of­fe­nen Fra­gen zu 9/11.» Mit die­sen Ak­ti­vi­tä­ten ent­fern­te sich Gan­ser von der aka­de­mi­schen Welt. Den­noch ver­folg­te er wei­ter das Ziel ei­ner wis­sen­schaft­li­chen Kar­rie­re. Doch 2010 wur­de sei­ne Ha­bi­li­ta­ti­ons­schrift zum The­ma Peak Oil zu­rück­ge­wie­sen – von ei­nem Pro­fes­so­ren­kol­le­gi­um, dem auch Pro­fes­sor Ge­org Kreis, sein Dok­tor­va­ter und aka­de­mi­scher Men­tor, an­ge­hör­te; of­fen­bar ge­nüg­te sie den Kri­te­ri­en für ei­ne Ha­bi­li­ta­ti­on nicht. Die Ar­beit wur­de ge­mäss Aus­sa­gen von Fach­per­so­nen als ei­ne weit­ge­hend po­pu­lär­wis­sen­schaft­li­che Darstel­lung be­ur­teilt, die sich zu­dem auf ei­ne Ver­schwö­rungs­theo­rie stütz­te, die voll­stän­dig dis­kre­di­tiert ist. Sei­ne ab­ge­lehn­te Ha­bi­li­ta­ti­on ver­öf­fent­lich­te Gan­ser 2013 un­ter dem Ti­tel «Eu­ro­pa im Erd­öl­rausch: Die Fol­gen ei­ner ge­fähr­li­chen Ab­hän­gig­keit».

Sein Dok­tor­va­ter Ge­org Kreis ist auf­grund von Gan­sers be­ruf­li­chem Wer­de­gang zu­neh­mend be­sorgt, und dies nicht nur we­gen des­sen Fas­zi­na­ti­on für die al­ter­na­ti­ven The­sen zu 9/11: «Er wirk­te auf mich von der Idee be­ses­sen, Ge­heim­ak­ti­vi­tä­ten auf­de­cken zu müs­sen, und nutzt we­nig ge­klär­te Vor­komm­nis­se wie das At­ten­tat

auf ‹Char­lie Heb­do›, um sug­ges­tiv be­stimm­te Ver­mu­tun­gen in die Welt zu set­zen, und da­für hat er of­fen­bar ei­nen ein­fa­chen Schlüs­sel: die CIA», ist Kreis’ kri­ti­sches Fa­zit. Dass er das Vor­wort zur deut­schen Aus­ga­be von Gan­sers Dis­ser­ta­ti­on ge­schrie­ben hat, scheint Pro­fes­sor Kreis ex­trem pein­lich zu sein. «Zu mei­ner Recht­fer­ti­gung muss ich sa­gen, dass bei der Ab­nah­me der Dis­ser­ta­ti­on das Werk an sich und nicht die wei­te­re Ent­wick­lung des Dok­to­ran­den und die zu Be­ginn weit we­ni­ger of­fen­sicht­li­che Nei­gung mass­ge­bend war», er­klärt er.

Die Ab­leh­nung sei­ner Ha­bi­li­ta­ti­on, hin­ter der Gan­ser vor al­lem po­li­ti­sche Grün­de ver­mu­te­te, er­schüt­ter­te ihn. Von da an ent­fern­te er sich weit­ge­hend aus der aka­de­mi­schen Welt und grün­de­te in Ba­sel das von ihm be­nann­te Si­per (Swiss In­sti­tu­te for Pe­ace and Ener­gy Re­se­arch AG), ei­ne Ak­ti­en­ge­sell­schaft, die sich prak­tisch al­lein mit der Ver­mark­tung sei­ner Vor­trä­ge, Bü­cher und In­ter­views be­schäf­tigt. Seit 2012 hat Gan­ser ei­nen Lehr­auf­trag an der Uni­ver­si­tät St. Gal­len, wo er je­weils im Herbst­se­mes­ter als Teil der Vor­le­sung «Ge­schich­te und Zu­kunft von Ener­gie­sys­te­men» als letz­tes ver­blie­be­nes aka­de­mi­sches Fei­gen­blatt über er­neu­er­ba­re Ener­gi­en – aber nicht über sein Haupt­the­ma 9/11 – re­fe­rie­ren darf. Die­se pe­ri­phe­re Tä­tig­keit führt er auf sei­ner Home­page auf, um sich so sei­ne wis­sen­schaft­li­che Glaub­wür­dig­keit zu si­chern.

Die Rus­sen wa­ren rech­tens

In sei­ner ab­ge­lehn­ten Ha­bi­li­ta­ti­ons­ar­beit wid­me­te sich Gan­ser der The­se von Peak Oil, ge­mäss der die För­de­rung von Öl in na­her Zu­kunft ei­nen Hö­he­punkt er­rei­chen wer­de, um da­nach stark ab­zu­fal­len, was zu ge­wal­ti­gen po­li­ti­schen Ver­wer­fun­gen in Form von Res­sour­cen­krie­gen füh­ren müs­se. Doch die Er­eig­nis­se – un­ter an­de­rem ge­wal­ti­ge neue Öl­fun­de, zu­sätz­li­che För­der­me­tho­den und das Auf­kom­men der er­neu­er­ba­ren Ener­gi­en – wi­der­leg­ten und dis­kre­di­tier­ten die­sen ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schen An­satz.

Da­nie­le Gan­sers neu­es Buch «Il­le­ga­le Krie­ge» lie­fert be­reits im Un­ter­ti­tel die Ant­wort auf die Fra­ge nach dem Bö­sen in der Welt. Er lau­tet: «Wie die Na­to-län­der die UNO sa­bo­tie­ren.» Um Gan­sers ak­tu­el­le Ar­gu­men­ta­ti­on als Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker rich­tig ver­ste­hen zu kön­nen, muss man auf die wich­tigs­ten The­sen in die­sem Buch ein­ge­hen. Der von ihm ge­wähl­te An­satz ist er­schre­ckend ein­di­men­sio­nal: Krie­ge, die mit der Zu­stim­mung der UNO ge­führt wer­den, sei­en le­gal, er­klärt er, al­le an­de­ren hin­ge­gen il­le­gal.

An­ge­fan­gen von der In­ter­ven­ti­on der USA beim Sturz der Re­gie­rung Mossa­degh in Iran im Jahr 1953 über ähn­li­che Ein­mi­schun­gen in Gua­te­ma­la, Ku­ba und Ni­ca­ra­gua bis zu den Krie­gen in Viet­nam, Irak und Sy­ri­en do­ku­men­tiert er dies mit vie­len, zum Teil aber auch frag­wür­di­gen Quel­len aus «Al­ter­na­tiv­me­di­en». So be­schreibt er die für ihn aus­nahms­los ver­ab­scheu­ungs­wür­di­gen Hand­lun­gen der USA und ih­rer Na­to­part­ner. Sei­ne The­se wa­ckelt, et­wa wenn er die Be­set­zung von Un­garn durch so­wje­ti­sche Trup­pen im Jahr 1956 be­schreibt. Noch akro­ba­ti­scher wer­den sei­ne Ar­gu­men­te bei der Be­set­zung der Krim durch Russ­land im Jahr 2014. «Da die rus­si­schen Sol­da­ten nicht über ein Man­dat des Uno-si­cher­heits­rats ver­füg­ten, war die mi­li­tä­ri­sche In­ter­ven­ti­on der Krim il­le­gal. Die­ser il­le­ga­len rus­si­schen In­ter­ven­ti­on war je­doch ein il­le­ga­ler ame­ri­ka­ni­scher Putsch in Kiew vor­aus­ge­gan­gen, für den auch kein Man­dat des Uno-si­cher­heits­rats vor­lag.» Da­mit kann er die USA als Ver­ur­sa­cher und da­mit als Haupt­schul­di­gen be­zeich­nen. Auf die­se Wei­se über­nimmt Gan­ser – wie im­mer – die rus­si­sche The­se der Vor­gän­ge rund um den Mai­dan in Kiew. Und des­halb kommt er zu fol­gen­dem Schluss: «Auf der Ba­sis der ver­füg­ba­ren Da­ten bin ich der An­sicht, dass die Ab­spal­tung der Krim als Se­zes­si­on be­zeich­net wer­den muss und dass der Be­griff Anne­xi­on falsch ist und nur da­zu dient, die Span­nun­gen mit Russ­land zu schü­ren.» Mit die­ser un­be­leg­ten Be­haup­tung und der gleich­zei­ti­gen Exkul­pa­ti­on Pu­tins ver­ab­schie­det er sich aus dem Kreis se­riö­ser His­to­ri­ker. Die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft hat die Anne­xi­on der Krim durch Russ­land im Rah­men der Uno-voll­ver­samm­lung als ei­ne be­son­ders kras­se Ver­let­zung des Völ­ker­rechts be­zeich­net.

Noch frag­wür­di­ger wird Gan­sers Po­si­ti­on im Sy­ri­en­krieg. «Weil die re­gu­lä­re Re­gie­rung von Sy­ri­en die rus­si­schen Kampf­flie­ger ein­ge­la­den hat­te, lag kein Bruch der Uno-char­ta vor.» In Vor­trä­gen be­stä­tigt er die­se «For­schungs­re­sul­ta­te», dass die Rus­sen «auf Ge­such der ge­wähl­ten sy­ri­schen Re­gie­rung» ein­ge­grif­fen ha­ben, und dies «ist ge­mäss Völ­ker­recht le­gi­tim». Den Ein­satz rus­si­scher Bom­ber ge­gen die sy­ri­schen Städ­te recht­fer­tigt er mit dem Hin­weis, dass die Ame­ri­ka­ner zu­erst Bom­ben auf Sy­ri­en ge­wor­fen hät­ten, oh­ne dar­auf hin­zu­wei­sen, dass dies nicht ge­gen As­sad, son­dern al­lein im Kampf ge­gen die Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat (IS) ge­schah und da­mit kein di­rek­tes Ein­grei­fen in den sy­ri­schen Bür­ger­krieg war, wie es um­ge­kehrt die Rus­sen hand­ha­ben. Des­halb fällt bei Gan­ser fol­ge­rich­tig auch un­ter den Tisch, dass nach den gros­sen Gift­gas­an­grif­fen im Jahr 2013 nicht das Ein­grei­fen, son­dern das Nicht­an­grei­fen der Ame­ri­ka­ner für den wei­te­ren Kriegs­ver­lauf ent­schei­dend war. Oba­ma hat­te ei­nen Gift­gas­an­griff als das Über­schrei­ten ei­ner «ro­ten Li­nie» be­zeich­net, war dann aber zu­rück­ge­zuckt und re­agier­te, an­ders als die Rus­sen, nicht wie an­ge­droht mi­li­tä­risch. Bei der Fra­ge der Ur­he­ber­schaft des wie­der­hol­ten Ein­sat­zes von Gift­gas ge­gen die sy­ri­sche Zi­vil­be­völ­ke­rung lässt Gan­ser nur je­ne Ar­gu­men­te gel­ten, die ei­ne Schuld As­sads be­strei­ten und die­se Ver­bre­chen der Op­po­si­ti­on zu­schrei­ben. Dies macht er ent­ge­gen den Be­wei­sen, die bei der UNO be­reits 2013 vor­ge­bracht wur­den.

Da­mit stimmt er in den Chor vie­ler Ver­schwö­rungs­platt­for­men aus meh­re­ren Län­dern ein, auf de­nen die­se The­se ver­tre­ten wird. Wie im­mer lässt

«Prü­fen Sie, prü­fen Sie», ruft Gan­ser den Zu­hö­rern sei­ner Vor­trä­ge im­mer wie­der zu.

Gan­ser auch bei die­sem The­ma sei­ne üb­li­che Ana­lo­gie­schluss-lei­er mit den­sel­ben Bei­spie­len er­klin­gen – vom Golf von Ton­kin bis zum Irak­krieg –, um der Na­to die Schuld zu­zu­schie­ben. Im Sep­tem­ber 2017 mach­ten Un-er­mitt­ler in ih­rem Be­richt As­sad auch für die Gift­gas­an­grif­fe im April 2017 in der Ort­schaft Chan Schai­chun ver­ant­wort­lich, bei de­nen über 80 Men­schen durch Sa­rin ge­tö­tet wur­den. «Das stellt ein Kriegs­ver­bre­chen dar», ur­teilt die Kom­mis­si­on. Es hand­le sich um «wahl­lo­se An­grif­fe auf Ge­gen­den mit Zi­vil­be­völ­ke­rung».

Und da­mit de­mas­kiert sich der «Frie­dens­for­scher» Gan­ser als Pro­pa­gan­dist Mos­kaus. Sei­ne De­fi­ni­ti­on der «il­le­ga­len Krie­ge» er­weist sich beim Sy­ri­en-krieg in be­son­ders kras­ser Wei­se als un­taug­lich. Ei­ne Re­gie­rung, die die ei­ge­ne Be­völ­ke­rung mas­sa­kriert, Hun­dert­tau­sen­de von Mit­bür­gern tö­tet, Mil­lio­nen ver­treibt und selbst vor dem Ein­satz von Gift­gas nicht zu­rück­schreckt, führt ge­mäss Gan­sers Dik­ti­on al­so ei­nen «le­ga­len Krieg», wenn ent­spre­chen­de Re­so­lu­tio­nen im Si­cher­heits­rat von ei­nem Mit­glied und Haupt­ak­teur mit Ve­tos ver­hin­dert wer­den – was in die­sem Fall mehr­fach ge­sche­hen ist. Noch gro­tes­ker wird die­se Ana­ly­se, wenn die­ses stän­di­ge Mit­glied des Si­cher­heits­rats auf «Ein­la­dung» des Dik­ta­tors di­rekt mi­li­tä­risch in die­sen Kon­flikt ein­greift, wie Gan­ser er­klärt.«prü­fen Sie, prü­fen Sie, glau­ben Sie nicht blind», ruft Gan­ser den Zu­hö­rern sei­ner Vor­trä­ge im­mer wie­der zu, de­nen er die Ver­si­on sei­ner Ge­schich­ten je­weils in ei­nem ful­mi­nan­ten, mit vie­len Po­in­ten, An­ek­do­ten, Bild­do­ku­men­ten und Da­ten an­ge­rei­cher­ten Pot­pour­ri prä­sen­tiert.

Die 9/11-Fi­xie­rung

Mit sei­nem ge­schicht­li­chen Ab­riss der «il­le­ga­len Krie­ge», der «Ope­ra­tio­nen un­ter fal­scher Flag­ge» und der wei­te­ren si­nis­tren Ak­ti­vi­tä­ten der Na­to und der USA legt Gan­ser die Grund­la­ge für sei­ne lang­jäh­ri­ge Be­schäf­ti­gung mit den Hin­ter­grün­den der At­ten­ta­te von 9/11. Da­bei un­ter­schlägt Gan­ser ei­nen ge­wich­ti­gen Un­ter­schied zu den in sei­nem Buch auf­ge­führ­ten «il­le­ga­len» Krie­gen. Er kann sich bei sei­nen Dar­stel­lun­gen frü­he­rer Er­eig­nis­se auf ei­nen Fun­dus öf­fent­li­cher In­for­ma­tio­nen stüt­zen, wo­bei er sich zur Stei­ge­rung der Dra­ma­tik zu­sätz­lich auch auf frag­wür­di­ge Quel­len be­zieht.

Ganz an­ders prä­sen­tiert sich die Aus­gangs­la­ge bei 9/11. Zwar las­sen die da­zu pu­bli­zier­ten Un­ter­su­chungs­be­rich­te ei­ni­ge Fra­gen of­fen, auf die sich die Kri­ti­ker vor al­lem be­ru­fen. Aber es gibt nicht ei­nen ein­zi­gen Be­weis ei­ner Ver­schwö­rung durch die USA, kein ein­zi­ges Mail, kei­ne ein­zi­ge glaub­wür­di­ge Aus­sa­ge ei­ner Per­son, die an die­ser an­geb­li­chen Ver­schwö­rung be­tei­ligt ge­we­sen sein will. We­gen der Kom­ple­xi­tät, die ei­ne in­ner­ame­ri­ka­ni­sche Pla­nung und Aus­füh­rung der An­schlä­ge von 9/11 ver­langt hät­te, müss­te es sich um ei­ne Ver­schwö­rung rie­si­gen Aus­mas­ses ge­han­delt ha­ben.

Die Er­fah­run­gen der letz­ten Jah­re mit Wi­kileaks, den Ent­hül­lun­gen von Ed­ward Snow­den und den per­ma­nen­ten Ha­cker­an­grif­fen von staat­li­chen und nicht staat­li­chen Stel­len in vie­len Be­rei­chen be­le­gen, dass es heu­te kaum mehr mög­lich wä­re, Ge­heim­nis­se die­ser Be­deu­tung auf län­ge­re Zeit zu be­wah­ren, bei de­nen ei­ne Viel­zahl von Per­so­nen in­vol­viert sein müss­te. Dies hin­dert al­ler­dings die Ge­mein­de der Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker nicht dar­an, sich seit Jah­ren auf die­sen ei­nen Bra­ten zu stür­zen. Und na­tür­lich ist Da­nie­le Gan­ser ganz vor­ne mit da­bei. Für Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker ist die an­geb­li­che Be­tei­li­gung der Us-re­gie­rung bei 9/11 der durch nichts zu über­tref­fen­de Be­weis für die Arg­list der Im­pe­ria­lis­ten, die zur Durch­set­zung ih­rer Zie­le nicht nur un­zäh­li­ge Men­schen in an­de­ren Län­dern er­mor­den, son­dern nicht ein­mal da­vor zu­rück­schre­cken, Tau­sen­de ei­ge­ner Bür­ger zu op­fern. Wenn die­se The­se welt­weit glaub­wür­dig ver­tre­ten wer­den kann, dann ist das ganz gros­se Ziel, näm­lich die Ver­teu­fe­lung und Ver­dam­mung Ame­ri­kas, auf viel ein­drück­li­che­re Wei­se ge­lun­gen, als es mit je­dem an­de­ren denk­ba­ren Be­weis mög­lich wä­re. Und des­halb sind die an­ti­ame­ri­ka­ni­schen Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker fi­xiert auf 9/11 – und wer­den es noch sehr lan­ge blei­ben. Wer das in­fra­ge stellt, wird ver­un­glimpft.

Auf So­ci­al Me­dia be­zeich­ne­te Gan­ser mei­nen Hin­weis in der Sen­dung «Are­na» , dass der Fall 9/11 auf­grund lang­jäh­ri­ger wis­sen­schaft­li­cher Un­ter­su­chun­gen de­fi­ni­tiv ge­löst sei, als «Frech­heit». Und als ich ihn per Mail um ein In­ter­view bat, um vie­le der er­wähn­ten Punk­te zu klä­ren, sag­te er mit der la­pi­da­ren Be­grün­dung ab, dass ich dar­über «nach der ‹Are­na› si­cher nicht über­rascht» sei.

An­de­re Mei­nun­gen oder gar kri­ti­sche Fra­gen sind in der Welt der Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker eben grund­sätz­lich nicht er­wünscht. So rich­tig wohl füh­len sich die­se Leu­te nur in end­lo­sen Mo­no­lo­gen vor ih­rer Ge­mein­de oder im Aus­tausch mit Gleich­ge­sinn­ten. In ih­ren Echo­kam­mern be­kla­gen sie sich über die bös­ar­ti­gen und un­fai­ren An­grif­fe von Men­schen, die mit Blind­heit ge­schla­gen sind und aus po­li­ti­scher Kurz­sich­tig­keit oder schlich­ter Dumm­heit die evi­den­te Wahr­heit nicht er­ken­nen wol­len. Sol­che Atta­cken auf ih­re Tä­tig­keit sind für Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker aber von gröss­ter Wich­tig­keit, denn schlim­mer als al­le Ab­leh­nung ist für sie, von der Öf­fent­lich­keit nicht be­ach­tet zu wer­den. Nur wenn man sich ge­gen Fein­de zu ver­tei­di­gen hat, kann man sich vor der ei­ge­nen Ge­mein­de in der Mär­ty­rer­po­se prä­sen­tie­ren. Nur so lässt sich in idea­ler Wei­se die ei­ge­ne Com­mu­ni­ty zu­sam­men­schweis­sen. Und dies tun sie in ih­rer wu­chern­den Sub­kul­tur im In­ter­net, in ih­ren Bü­chern und Ver­an­stal­tun­gen mit gros­sem Er­folg.

Schlim­mer als al­le Ab­leh­nung ist für den Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker, in der Öf­fent­lich­keit kei­ne Be­ach­tung zu fin­den.

RO­GER SCHA­WIN­SKI ist Jour­na­list und Me­dien­un­ter­neh­mer; re­dak­ti­on@das­ma­ga­zin.ch

Die­ser Text ist ein Aus­zug aus Scha­wins­kis Buch «Ver­schwö­rung! Die fa­na­ti­sche Jagd nach dem Bö­sen in der Welt» (NZZ Li­bro), das ab 11. April er­hält­lich ist.

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