Ja­kob Tan­ner Über den Mo­de­be­griff «Re­vo­lu­ti­on»

Das Magazin - - N° 14 — 7. April 2018 - Ja­kob Tan­ner

Die De­mo­kra­tie ist, his­to­risch be­trach­tet, das Re­sul­tat von Re­vo­lu­tio­nen. Die Ame­ri­ka­ni­sche Re­vo­lu­ti­on zwi­schen 1763 und 1789 mar­kier­te ei­nen his­to­ri­schen Durch­bruch. Zu­sam­men mit der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on von 1789 mach­te sie ei­ne de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schaft auf der Grund­la­ge von Frei­heit, Gleich­heit und So­li­da­ri­tät erst denk­bar.

Han­nah Arendt hat dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on po­li­tisch­prak­tisch zu­nächst ein­mal «aufs Jäm­mer­lichs­te» schei­ter­te. Die Re­vo­lu­tio­nä­re be­kämpf­ten das so­zia­le Elend, das den ésprit de la li­ber­té be­feu­ert hat­te, zu­neh­mend mit re­pres­si­ven Mass­nah­men. Da­mit brach­ten sie das Wohl des Vol­kes in ei­nen Ge­gen­satz zur Ver­tei­di­gung der Frei­heit. Die Re­vo­lu­ti­on be­gann ih­re ei­ge­nen Kin­der zu fres­sen.

Dem Sie­ges­zug der Idee der re­vo­lu­tio­nä­ren «glei­chen Frei­heit» tat dies kaum Ab­bruch. Im 19. Jahr­hun­dert dräng­ten brei­te Be­völ­ke­rungs­schich­ten nach po­li­ti­scher Par­ti­zi­pa­ti­on, und die De­mo­kra­tie stieg zur at­trak­tivs­ten Re­gie­rungs­form auf. Das 20. Jahr­hun­dert ver­stand sich des­halb als «das de­mo­kra­ti­sche Zeit­al­ter» (so der Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Jan­wer­ner Müller).

Als ein in­sti­tu­tio­nell und recht­lich ge­re­gel­tes Ver­fah­ren leg­te die De­mo­kra­tie al­ler­dings um­stürz­le­ri­sche Ener­gi­en still. Es dau­er­te nicht lan­ge, bis Re­gie­rungs­krei­se und wirt­schaft­ lich pri­vi­le­gier­te Kräf­te ar­gu­men­tier­ten, ei­ne de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schaft funk­tio­nie­re nach dem Prin­zip der Evo­lu­ti­on. Aus die­ser Sicht stell­ten re­vo­lu­tio­nä­re Aspi­ra­tio­nen ei­ne Ge­fahr dar, die mit ei­ner Mi­schung aus Re­for­men, Staats­schutz und Po­li­zei ein­ge­dämmt wer­den müs­se.

Dem steht die The­se des (1755 ver­stor­be­nen) Auf­klä­rers und Staats­theo­re­ti­kers Mon­tes­quieu ent­ge­gen, wel­cher der Mei­nung war, ge­ra­de in de­mo­kra­ti­schen Staa­ten sei­en Re­vo­lu­tio­nen von Zeit zu Zeit nö­tig. Dies nicht im Sin­ne ei­nes Über­gangs in ei­ne neue Ära, son­dern als ei­ne In­ter­ven­ti­on im po­li­ti­schen Raum. Hand­lungs­lei­tend war das Bild des Krei­ses: Es ging um ei­ne «Zu­rück­wäl­zung» il­le­gi­ti­mer Macht­po­si­tio­nen. Die Re­vo­lu­ti­on war so et­was wie der Re­set­but­ton der De­mo­kra­tie.

In­zwi­schen hat der Be­griff «Re­vo­lu­ti­on» sei­nen de­mo­kra­ti­schen Glanz ein­ge­büsst. In der Wer­bung, die uns täg­lich um die Oh­ren pfeift, wird er ge­ra­de­zu in­fla­tio­när ver­wen­det. Je­der mit­tel­mäs­si­ge An­bie­ter preist sei­ne neu­en Pro­duk­te und Dienst­leis­tun­gen als «re­vo­lu­tio­när» an. Wort­ver­bin­dun­gen wie «Face­book­re­vo­lu­ti­on», «Twit­ter­re­vo­lu­ti­on» etc. sind all­ge­gen­wär­tig. Krea­ti­ve Ma­nage­ment­theo­re­ti­ker mit ih­rem Hang zu Su­per­la­ti­ven ha­ben denn auch längst ein neu­es Wort er­fun­den: die Dis­rup­ti­on («Zer­schla­gung» oder «Un­ter­bre­chung»).

1997 pu­bli­zier­te Clay­ton M. Chris­ten­sen die Stu­die «The In­no­va­tor’s Di­lem­ma». Er be­schreibt dar­in, wie Un­ter­neh­men, wenn sie er­folg­reich und gross ge­wor­den sind, Neue­run­gen zu fürch­ten be­gin­nen. Der In­no­va­ti­ons­pro­zess lässt sich aber im Ka­pi­ta­lis­mus nicht stop­pen. So sind es schliess­lich klei­ne­re Fir­men, die mit ei­ner dis­rup­ti­ven Stra­te­gie tra­di­tio­nel­le Ge­schäfts­mo­del­le spren­gen, al­te Tech­no­lo­gi­en zer­stö­ren und die eta­blier­ten Ko­los­se va­po­ri­sie­ren.

Längst sind sol­che Ide­en auch in der Po­li­tik an­ge­kom­men. Am rech­ten Rand der Ge­sell­schaft ver­spre­chen ra­di­ka­le Kräf­te ih­ren An­hän­gern ei­nen Bruch mit dem Bis­he­ri­gen. Dies mit dem Ziel, die of­fe­ne de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schaft durch ei­ne be­droh­te Ge­ mein­schaft zu er­set­zen, die durch Na­tio­na­lis­mus zu­sam­men­ge­kit­tet wird. An­ge­sichts die­ser Rhe­to­rik der Dis­rup­ti­on ver­brei­tet sich bei vie­len der Ein­druck, die Re­vo­lu­ti­on sei jetzt re­ak­tio­när. Es brei­tet sich ein Ge­fühl von «Hal­ten und Si­chern» aus. Da­mit wird je­doch ei­ne Po­li­tik, die auch im be­schleu­nig­ten tech­no­lo­gi­schen und kul­tu­rel­len Wan­del des 21. Jahr­hun­derts auf Gleich­heit und Frei­heit setzt, er­schwert, wenn nicht ver­un­mög­licht.

Die Vor­stel­lung ei­nes ab­rup­ten Ein­schnitts im in­sti­tu­tio­nel­len Ge­fü­ge hat tat­säch­lich aus­ge­dient. Doch als re­gu­la­ti­ve Idee, die ra­di­ka­le Re­for­men vor­an­trei­ben kann, bleibt die Re­vo­lu­ti­on im Sin­ne Mon­tes­quieus ak­tu­ell. JA­KOB TAN­NER is­te­me­ri­tier­ter­pro­fes­sor für Ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Zü­rich.

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