LA CHEFFE

Was, Sie ken­nen die­se Frau noch nicht? Dann aber rasch zur

Das Magazin - - Vorderseite - text Chris­tof Gertsch Bild Ba­sil stü­che­li

Wenn man in den letz­ten paar Jah­ren an ei­nem Sams­tag­mor­gen über den Müns­ter­gas­s­mä­rit in der Ber­ner Alt­stadt spa­zier­te, konn­te es ge­sche­hen, dass man am Kä­se­stand von Ju­mi, ei­nem Be­trieb aus Boll-ut­zi­gen, von ei­ner Frau be­dient wur­de, die man dort zu­al­ler­letzt er­war­tet hät­te: Steff la Cheffe. Oder wie die Me­di­en sie schon ge­nannt ha­ben: das «Fräu­lein­wun­der des Schwei­zer Hip-hop», das «un­schät­ze­ligs­te Schät­ze­li der Schwei­zer Mu­sik­sze­ne». Meis­tens trug sie ei­nen Ka­pu­zen­pul­li, hat­te das Haar streng nach hin­ten fri­siert und mach­te den Ein­druck, dass sie um nichts in der Welt auf­fal­len woll­te. Sie trat nicht so forsch auf wie die an­de­ren Ver­käu­fe­rin­nen und Ver­käu­fer, die ih­rem Ar­beit­ge­ber den Ruf des cools­ten Markt­stands der Stadt ein­ge­bracht ha­ben, klopf­te kei­ne Sprü­che und dräng­te sich nie­man­dem auf. Hier war sie Ste­fi mit ei­nem f und oh­ne Künst­ler­na­men, und frag­te man sie, wann ihr neu­es Al­bum er­schei­ne, sag­te sie: «Ich weiss nicht ein­mal, ob je wie­der ein Al­bum von mir er­schei­nen wird.»

Ste­fa­nie Pe­ter, ge­bo­ren 1987, hat­te den Er­folg ge­sucht. Und als sie ihn in der Per­son von Steff la Cheffe fand, hat er sie bei­na­he zer­stört.

Es ist nicht ganz leicht, Steff la Cheffe zu be­schrei­ben, denn so ei­ne wie sie hat die Schweiz noch nie ge­habt. Ih­re Tex­te sind wild, frei, ver­rucht, sie ist ei­ne Frau, die kaum je­man­dem, der sie mal er­lebt hat, je wie­der aus dem Kopf geht. Und die, die ihr noch nicht be­geg­net sind, ha­ben echt et­was ver­passt. Für hie­si­ge Ver­hält­nis­se hat Steff la Cheffe ziem­lich vie­le Al­ben ver­kauft, schon ihr ers­tes, er­schie­nen 2010, war er­folg­reich, ihr zwei­tes schnell­te 2013 auf An­hieb auf Platz 1 der Charts. Aber dar­um geht es gar nicht so sehr, eher dar­um, dass sie ei­nen auf ei­ner Ge­fühls­ebe­ne an­spricht, die nur schwer in Wor­te zu fas­sen ist. Sie hat ei­ni­ge der zau­ber­haf­tes­ten Schwei­zer Fes­ti­val­mo­men­te der letz­ten Jah­re ge­schaf­fen, et­wa auf dem Gur­ten, und ih­re Klub­tour­ne­en wa­ren Au­gen­bli­cke sel­tens­ter Ein­dring­lich­keit, es war dun­kel und laut, den Leu­ten lief der Schweiss über die Stirn, sie konn­ten den Blick ein­fach nicht von die­ser Frau auf der Büh­ne ab­wen­den. Ihr Mund­werk, ih­re Au­ra, ih­re of­fen­ge­leg­ten See­len­zu­stän­de – al­les war hin­reis­send. Steff la Cheffe hat­te nicht ein­fach Er­folg, son­dern auch wirk­lich et­was zu sa­gen. Ih­re Lie­der ver­pack­te sie in ei­ne ro­sa­ro­te Hül­le, aber dar­in steck­te ein erns­ter Kern, es ging um Fe­mi­nis­mus, Schön­heits­wahn oder das Hin­ein­wach­sen in ei­ne Welt, in der sich Er­wach­se­ne nicht wie sol­che ver­hal­ten. Von aus­sen mach­te es den Ein­druck, als wür­de es im­mer so wei­ter­ge­hen, im­mer auf­wärts.

War­um bloss hat­te sie plötz­lich ge­nug von al­le­dem und ver­drück­te sich hin­ter ei­nen Kä­se­stand? Vor al­lem: War­um kün­dig­te sie den Job letz­ten Herbst wie­der und kehr­te dort­hin zu­rück, wo ihr al­les zu viel ge­wor­den war: ins Ram­pen­licht? Im Win­ter de­bü­tier­te sie als Thea­ter­au­to­rin, An­fang Mai er­scheint das lang­er­sehn­te drit­te Al­bum, und bis An­fang nächs­ten Jah­res tourt sie mit Ste­phan Ei­cher durch Frank­reich, ei­ne Mons­ter­sa­che, mehr als sech­zig Kon­zer­te, ei­ne Art Rit­ter­schlag für ei­ne jun­ge Mu­si­ke­rin wie sie.

War­um?

«Puuuh», sagt sie, «muss kurz nach­den­ken.»

Zu­erst al­so nach Genf, auf ein Plätz­chen am See mit Sicht auf den Jet d’eau. Ste­phan Ei­cher ist auf der Durch­rei­se, in Frank­reich strei­ken die Zü­ge, er macht ei­nen Zwi­schen­stopp in der Schweiz. Er kennt Steff la Cheffe schon län­ger, stand einst in Avenches und Zer­matt mit ihr auf der Büh­ne. Sie war, wie er sagt, die Frau, die die Po­wer rein­brach­te, la puis­sance. «Wir, al­so die an­de­ren Mu­si­ker, hat­ten die schö­nen Ak­kor­de, die schö­nen Har­mo­ni­en, bei­na­he ru­hig, aber wir wuss­ten, dass jetzt dann gleich sie ein­setzt, sie stand da, die Haa­re of­fen, und wir wuss­ten: Gleich kommts. Wir fühl­ten uns wie Spitz­bu­ben, die ei­nen Kra­cher ge­zün­det ha­ben und auf den Knall war­ten. Wir lä­chel­ten, freu­ten uns. Ei­ne wie sie ist Gold wert bei so ei­nem Kon­zert. Sie ver­steht, was das Pu­bli­kum be­wegt, sie ist wie ein So­und­sys­tem. Wenn sie ei­nes ih­rer Lie­der singt, zum Bei­spiel ‹Ha ke Ah­nig›, dann mul­ti­pli­ziert sich al­les, es wird al­les viel grös­ser, als man es er­war­tet hät­te.» An die­se Wir­kung, sagt er, ha­be er sich er­in­nert, als er mit Trak­tor­ke­star, ei­ner Ber­ner Bal­kan­blas­ka­pel­le auf sehr ho­hem Ni­veau, ei­ne neue Tour plan­te. Bei den ers­ten Pro­ben ha­be er ge­dacht, dass ihm das noch zu fest nach un­ge­wa­sche­nen Kin­dern klang, die ihr Zim­mer nicht auf­räu­men. «Ich brauch­te je­man­den an mei­ner Sei­te, die den La­den schmeisst.»

Und jetzt, auf der Tour, schmeisst Steff la Cheffe den La­den tat­säch­lich, nicht nur im Spiel, ih­re Rol­le auf der Büh­ne ist die der ge­nerv­ten Nach­ba­rin, son­dern auch im wah­ren Le­ben, et­wa dann, wenn Ei­cher beim Sound­check nicht wei­ter­weiss. Dann schaut er sie an, sie sagt et­was, und meis­tens ist es die Lö­sung. Er sagt: «Sie ist mein Au­ge ge­wor­den, mein Ohr.»

Um es kurz zu ma­chen: Ste­phan Ei­cher, ei­ner der be­kann­tes­ten Mu­si­ker, die es in der Schweiz je gab, ist heil­froh, dass Steff la Cheffe auf die Büh­ne zu­rück­ge­kehrt ist.

Zu­rück nach Bern. Es ist ei­ner der ers­ten war­men Ta­ge des Jah­res, Steff la Cheffe hat Ge­burts­tag, ihr ein­und­dreis­sigs­ter, sie be­stellt sich ei­nen Rooi­bos-tee, spä­ter ei­nen Cap­puc­ci­no, sie raucht, meis­tens Selbst­ge­dreh­te, und sie er­zählt. Wenn sie ei­ner An­ek­do­te Nach­druck ver­lei­hen will, steht sie auf, re-

Wenn Ste­fa­nie Pe­ter in der Schu­le den An­trag für die Win­ter­hil­fe aus­füll­te, muss­te sie mit dem Zet­tel nach vorn, zum Pult der Leh­re­rin.

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