Die Ant­wort auf die Fra­ge, war­um ihr al­les zu viel ge­wor­den war, ist kei­ne, die sich auf ein Stich­wort re­du­zie­ren und her­aus­schrei­en lässt.

Das Magazin - - Jour­nal Der Pop­kul­tur -

det pau­sen­los, dann schweigt sie lan­ge und denkt nach. Sie ist schlank und gross. Und sie hat sehr fei­ne Zü­ge, aber es kä­me ei­nem nie in den Sinn, sie als zier­lich zu be­zeich­nen. Sie sitzt auf­recht da, die Füs­se fest auf dem Bo­den. Manch­mal schnellt sie un­er­war­tet nach vor­ne, stützt sich mit den Hän­den auf den Kni­en ab und schaut ei­nen her­aus­for­dernd an, dann lehnt sie sich wie­der zu­rück, legt den Kopf schräg und kneift die Au­gen zu­sam­men, al­les pul­siert. «Sie sieht ja ei­gent­lich aus wie ein Fo­to­mo­dell», hat Ei­cher ge­sagt. «Man glaubt gar nicht, wel­che Ener­gie in ihr steckt.»

«Wenn sie ei­nes ih­rer Lie­der singt, zum Bei­spiel ‹Ha ke Ah­nig›», sagt Ste­phan Ei­cher, «dann mul­ti­pli­ziert sich al­les, es wird al­les viel grös­ser.»

«Hue­re geil», «uhön­ne cool», so spricht sie. Sie hat sich nie wohl­ge­fühlt in die­sem gut­bür­ger­li­chen, ihr ganz und gar frem­den Fa­mi­lien­am­bi­en­te, das sie erst durch ih­re Gy­mer­kol­le­gen ken­nen lern­te, die­ses Mi­lieu mit den sou­ve­rä­nen, über al­le Zwei­fel er­ha­be­nen El­tern und den Kin­dern, die sich am Sonn­tag ei­nen schö­nen Pul­li über­zie­hen und die bra­ve Spra­che her­vor­neh­men. «Ich konn­te mit­spie­len, wenn ich ein­ge­la­den war, hat­te dann aber schnell wie­der ge­nug.»

Ei­ne Zwei­zim­mer­woh­nung im Spi­tal­a­cker­quar­tier zwi­schen Schul­haus­platz und Al­ters­heim­pärk­li, zwei Brü­der, von de­nen der jün­ge­re bald die Dia­gno­se Au­tis­mus be­kam, und ei­ne al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter: So fing im Le­ben von Ste­fa­nie Pe­ter al­les an. Man muss das wis­sen, um zu ver­ste­hen, wie Steff la Chef­fe ent­stan­den ist. Ei­nen Va­ter gibt es, aber der war nie da. Manch­mal hat­te die Mut­ter, ei­ne ge­lern­te Flo­ris­tin, zwei Jobs auf ein­mal, und am Abend ra­cker­te sie sich noch als Haus­war­tin ab, und doch reich­te es nie. Und dann hat­te sie wie­der gar kei­nen Job, weil sich der St­un­den­plan des au­tis­ti­schen Sohns nicht mit den An­for­de­run­gen der Be­rufs­welt ver­trug. Fünf Jah­re lang leb­te die Fa­mi­lie von der Soz, wie Ste­fa­nie Pe­ter die So­zi­al­hil­fe nennt, war ab­hän­gig von Äm­tern, For­mu­la­ren, Ur­tei­len. Es war al­les et­was viel für die Mut­ter, und vi­el­leicht war es auch et­was viel für ih­re Toch­ter, denn die Mut­ter un­ter­hielt sich häu­fig mit Ste­fi, «sie kehr­te nichts un­ter den Tep­pich».

Ste­fi pass­te auf den jün­ge­ren Bru­der auf, ver­tei­dig­te ihn ge­gen blö­de Sprü­che, «ich ha­be hue­re viel von dem ge­spürt, was mei­ne Mè­re durch­macht». Sie war ein erns­tes Kind, ei­ne Be­ob­ach­te­rin, je­den­falls hat die Mut­ter ihr das spä­ter er­zählt. Sie mach­te nur Din­ge, in de­nen sie ei­nen Sinn er­kann­te, hat­te kei­ne Bä­bis, fand Spiel­plät­ze doof, aus­ser Aben­teu­er­spiel­plät­ze. Sie hing lie­ber mit Bu­ben als mit Mäd­chen her­um, mass sich mit Wor­ten, und spä­ter, als sie et­was äl­ter war, schloss sie sich nur dar­um nicht den Spray­ern an, weil sie ih­rer Mut­ter kei­nen Kum­mer be­rei­ten und kei­ne Geld­bus­se ris­kie­ren woll­te.

Ste­fa­nie Pe­ter war ei­ne, die sich auf­lehn­te, aber nicht ge­gen die Mut­ter, son­dern ge­gen das Gut­bür­ger­li­che, Pro­pe­re und Wohl­be­hü­te­te, dem sie aus­ser­halb ih­rer Fa­mi­lie über­all be­geg­ne­te. Sie lern­te, dass nicht die Män­ner die Star­ken sind, son­dern die Frau­en, «sie sind die, die den Shit zu­sam­men­hal­ten, zwei Jobs, drei Kin­der, und am Abend ma­chen sie noch Düdüdüüü und ver­brei­ten gu­te Lau­ne». Es gab Mo­men­te, in de­nen sie sich schäm­te, arm zu sein, nicht arm wie die Men­schen in den Well­blech­hüt­ten und mit den Hun­ger­bäu­chen, aber so arm, dass man nicht mit­ma­chen kann, wo man als Kind in der Schweiz mit­ma­chen will, Fe­ri­en, Mar­ken­kla­mot­ten, mal ein Znü­ni-bröt­li von der Bä­cke­rei.

Wenn Ste­fa­nie Pe­ter in der Schu­le den An­trag für die Win­ter­hil­fe aus­füll­te, muss­te sie mit dem Zet­tel nach vorn zum Pult der Leh­re­rin, das fuhr ihr ein, «das bleibt dir ein Le­ben lang, uhue­re nicht cool». Und als der Franz­leh­rer in der fünf­ten Klas­se frag­te, was die El­tern von Be­ruf sei­en, und Ste­fi sag­te, ih­re Mut­ter sei dies und das, und der Leh­rer nach­frag­te: Und der Va­ter? – da hät­te sie aus der Haut fah­ren kön­nen. «Al­ter, wo ist dein Fein­ge­fühl?» Den­noch: Sie hat schö­ne Er­in­ne­run­gen an ih­re Kind­heit, je­den­falls bis sie in die Pu­ber­tät und ans Gym­na­si­um kam, an den Kir­chen­feld-gy­mer auf der an­de­ren Sei­te der Aa­re­schlau­fe mit sei­nen Kids aus den gu­ten Fa­mi­li­en. Ih­re Mut­ter hat­te sich ge­wünscht, dass sie den Gy­mer be­sucht, wenn sie es drauf­hat, weil die Mut­ter sich noch gut an die Wor­te er­in­ner­te, die ihr ei­ge­ner Va­ter einst wie ei­nen Ham­mer über ihr nie­der­ge­las­sen hat­te: «Es ist egal, wel­che Aus­bil­dung du machst. Du wirst hei­ra­ten und Haus­frau sein.»

Gy­mer war ein Bruch, «ich schob ab­ar­tig die Kri­se», sagt Ste­fa­nie Pe­ter, zün­det sich ei­ne wei­te­re Zi­ga­ret­te an, nimmt ei­nen Schluck Tee – und holt aus:

«Ich fing an, mich für die Welt zu in­ter­es­sie­ren, in­for­mier­te mich, dis­ku­tier­te, stell­te Din­ge in­fra­ge. Ich war fünf­zehn, als ich die Reit­schu­le ent­deck­te, nahm an kon­spi­ra­ti­ven Tref­fen teil, voll ernst, wir de­mons­trier­ten, druck­ten Fly­er, setz­ten uns we­gen des Irak­kriegs vor die ame­ri­ka­ni­sche Bot­schaft. Ich fand das Schul­sys­tem Ka­cke, sor­ry, kann es nicht an­ders sa­gen. Schon frü­her hat­te mich das ge­stresst, jetzt konn­te ich es be­nen­nen. Im letz­ten Jahr nahm mich die Sport­leh­re­rin zur Sei­te, sag­te, ich sei ein Al­pha­tier, und wenn sie mit mir re­de, bes­se­re sich vi­el­leicht die gan­ze Klas­se, ich dach­te: Das ist ge­nau das Pro­blem, so ver­kehrt. Ich er­klär­te ihr, was mich stört, näm­lich dass der Gy­mer ein aso­zia­ler Be­trieb sei, es ge­he nur um Leis­tung, wir wür­den her­an­ge­züch­tet, um zu funk­tio­nie­ren in ei­nem Wirt­schafts­sys­tem, das auf Aus­beu­tung ba­siert. Die Na­tur, die Res­sour­cen, die Tie­re, al­les wür­den wir ver­schleis­sen, war da­mals ja Ve­ge­ta­rie­rin, und die Leh­re­rin sag­te: Mit die­ser Ein­stel­lung sol­le ich bes­ser an die St­ei­ner­schu­le. Im­mer sag­te man uns, wir, die wir am Gy­mer sind, ge­hör­ten zur Eli­te, aber von ei­ner Eli­te er­war­te ich im Fall et­was an­de­res, ei­nen Di­enst an der Mensch­heit, nicht die­ses Verk­norz­te und Ve­r­al­te­te, man­che Leh­rer ver­teil­ten seit dreis­sig Jah­ren die­sel­ben Blät­ter. Ich war häs­sig wie die Sau, abends wein­te ich mich am Kü­chen­tisch aus, mei­ne Mut­ter hör­te mir zu, und wenn et­was Zeit ver­stri­chen war, sag­te sie, ich sol­le ins Zim­mer und den Frust ins Kis­sen hau­en, bis ich mü­de bin. Manch­mal ging ich in die Eng­li­schen An­la­gen und schrie den Him­mel an, ei­nen La­ter­nen­pfahl, den nächs­ten Baum. Ich hat­te auch hue­re lang Be­rüh­rungs­ängs­te mit der Uni, ha­be bis heu­te nur ein­mal ei­ne Uni von in­nen ge­se­hen, das war, als je­mand ein Rap-se­mi­nar or­ga­ni­sier­te und mich ein­lud. Ich wuss­te nicht, was ich wer­den woll­te, als Kind dach­te ich: Schrift­stel­le­rin oder Psy­cho­lo­gin. Heu­te bin ich ein biss­chen bei­des.»

Puuuh. Ste­fa­nie Pe­ter at­met durch, raucht. Sie war drei­zehn, als der äl­te­re Bru­der ihr zwei selbst ge­brann­te CDS schenk­te, auch aus Ei­gen­nutz. Er nahm Ste­fi oft mit, wenn er aus dem Haus ging, und hät­te sie ei­nen schlech­ten Mu­sik­ge­schmack ge­habt, wä­re ihm das pein­lich ge­we­sen. «Auch ich hat­te ei­ne ‹Bra­vo-hits›-pha­se», sagt sie, aber das än­der­te sich nun. Ste­fa­nie Pe­ter ent­deck­te ei­ne Welt, die ihr den Atem raub­te. Die ei­ne CD, die sie be­kom­men hat­te, war von The Roots, Hip-hop­pern aus den USA, die an­de­re von Rah­zel, ei­nem Beat­bo­xer. Beat­boxing ist ei­ne Mu­sik­rich­tung, bei der Rhyth­mus­ge­räu­sche und In­stru­men­te mit den Lip­pen, der Zun­ge, der Na­se, dem Gau­men, den Ba­cken und dem Kehl­kopf imi­tiert wer­den.

Rap und Beat­bo­xen: Das soll­te, dach­te Ste­fa­nie Pe­ter, ih­re Aus­drucks­form wer­den. Ein Un­der­ground-ding, von dem sie sich ver­stan­den fühl­te: har­te Ker­le, die von ih­rem har­ten Le­ben er­zäh­len. «Klar ist Ghet­to­ar­mut nicht das­sel­be wie re­la­ti­ve Ar­mut», sagt sie, «trotz­dem war mei­ne Kind­heit ein ein­zi­ges Rin­gen, wir kämpf­ten, da­mit es uns gut ging und wir vor­an­ka­men. Fuck, mei­ne Mè­re putz­te im Kin­der­gar­ten den Scheiss der Kin­der weg, die nied­rigs­te Ar­beit, schlecht be­zahlt. Und der Va­ter, der die Fa­mi­lie schützt, das Glied zwi­schen Fa­mi­lie und Ge­sell­schaft, der die Fa­mi­lie nach aus­sen ver­tritt, das ist ja auch heu­te noch ein biss­chen so – der fehl­te bei uns, das hat auch noch mei­ne Mè­re ge­macht, nach in­nen, nach aus­sen, sie war al­les.» Abends, nach der Schu­le, schloss sich Ste­fa­nie Pe­ter nun im­mer öf­ter ein, in­zwi­schen war die Fa­mi­lie in ei­ne grös­se­re Woh­nung mit ei­nem Zim­mer für je­des Kind ge­zo­gen, und üb­te sich im Beat­bo­xen. Durch die Tür dran­gen ko­mi­sche Ge­räu­sche, ih­re Mut­ter ver­stand lan­ge nicht, was das ge­nau war. Ste­fa­nie Pe­ter hat­te ihr Ding ge­fun­den, aber jah­re­lang wag­te sie sich nicht nach draus­sen da­mit. Ne­ben­bei schrieb sie Ge­dich­te, die nie je­mand zu le­sen be­kam, und ers­te Lied­tex­te. Sie wuss­te, wie in­to­le­rant und un­er­bitt­lich die Hip-hop-sze­ne sein kann, erst recht ei­ner jun­gen Frau ge­gen­über. Die­se Ma­cho-mit-den-ver­schränk­ten-ar­men-at­ti­tü­de – «was will denn die­ses Chick hier?» Sie war über­all da­bei, be­such­te Kon­zer­te, ging an Jam­ses­si­ons, zog sich die Hi­p­hop-sen­dun­gen des Al­ter­na­tiv­ra­di­os Ra­be rein. Und sie un­ter­hielt sich mit al­len, kann­te bald je­den, be­wun­der­te die Jungs, Greis vor al­lem, das Aus­hän­ge­schild mit den nach­denk­li­chen Tex­ten, und lern­te: «Wenn ich dann mal selbst auf der Büh­ne ste­he, muss mein Shit hin­hau­en, die Leu­te müs­sen be­ein­druckt sein und nicht so: Ah ja, ist noch nett.» Sie leg­te sich ih­ren Künst­ler­na­men zu, Steff la Chef­fe, um schon mal klar­zu­ma­chen, dass der Boss in Zu­kunft ei­ne Bos­sin ist. So tickt der Hip-hop: Du er­zählst von dir und wie cool du bist. Aber sie hat­te nicht ge­dacht, dass sie so lan­ge wür­de war­ten müs­sen. Es war 2007, sie war zwan­zig und re­a­dy. Sie woll­te den Fa­me und hat­te ei­ne Bot­schaft. Sie ist nicht in­tel­lek­tu­ell ver­brämt, aber denkt ver­dammt schön über das Le­ben nach. Ihr Fe­mi­nis­mus ist nicht an­ge­lernt, son­dern ei­ner, der auf ei­ge­nen Er­der

Sie leg­te sich ih­ren Künst­ler­na­men zu, um schon mal klar­zu­ma­chen, dass der Boss in Zu­kunft ei­ne Bos­sin ist.

auf­baut. Und da­mit woll­te sie raus, mit Ge­schich­ten aus ih­rem Le­ben. Aber die Gie­le, die im Ber­ner Hip-hop den Ton an­ga­ben, zö­ger­ten. Ste­fa­nie Pe­ter ge­hör­te da­zu und ir­gend­wie auch nicht, ei­ne Frau halt.

Sie woll­te mit Pro­fis ar­bei­ten, woll­te ei­nen Pro­du­zen­ten, ein La­bel, ei­nen Ma­na­ger, aber moch­te sich nicht an­bie­dern. Sie dach­te, ir­gend­wer wür­de schon auf sie zu­kom­men, sie wei­ger­te sich, ei­ne der Rol­len zu über­neh­men, die der Hip-hop für Frau­en vor­ge­se­hen hat, woll­te we­der die klei­ne Sis­ter noch die Kampfles­be noch die Bitch sein. Sie sag­te sich: «Ich bin Steff, zieht euch warm an und nehmt mich ge­fäl­ligst ernst.»

Von den Leu­ten, die ihr hät­ten hel­fen kön­nen, wur­de sie manch­mal ge­fragt, ob sie sich nicht we­nigs­tens ein biss­chen weib­li­cher an­zie­hen könn­te – wohl weil das in ih­ren Au­gen die Kar­rie­re­chan­cen er­höht hät­te. In sol­chen Au­gen­bli­cken flipp­te sie aus. «Ich war fünf­zehn, acht­zehn, zwan­zig, muss­te mein Da­sein als Frau erst de­fi­nie­ren. Die­se Se­xua­li­sie­rung der Frau hat mich wahn­sin­nig ge­macht, ich war dann grad ex­tra mit Hoo­die, Trai­ner­ho­sen und Turn­schu­hen un­ter­wegs, ein Tom­boy.»

Und dann war es Do­do, der auf sie zu­ging, ein Zürcher – Son­nen­schein-do­do, wie man ihn in der Sze­ne manch­mal et­was ab­schät­zig nann­te, weil ei­ner, der so viel gu­te Lau­ne ver­brei­tet, vie­len Rap­pern schräg rein­kommt. «Hör auf zu sin­gen», sag­ten sie ihm, «und hör ver­dammt noch mal auf zu la­chen!»

Do­do heisst ei­gent­lich Do­mi­nik Jud und leb­te ei­ne Wei­le in Bern, sei­ner da­ma­li­gen Freun­din we­gen. Und die war es, die ihm wäh­rend ei­nes Auf­tritts von Steff la Chef­fe im Sous Le Pont in der Reit­schu­le zu­rief: «Das ist die, die du suchst.» Do­do stand ge­ra­de auf der Schwel­le vom Rap­per zum Pro­du­zen­ten, er woll­te zu­rück ins Stu­dio, aber nicht mit ei­ge­nen Lie­dern.

Drei Jah­re spä­ter, im Früh­ling 2010, er­schien «Bit­ter­sües­si Pil­le», Steff la Chef­fes ers­tes Al­bum, zwei­und­zwan­zig Wo­chen lang war es in den Charts. Für die Plat­tentau­fe hat­te sie ein rie­si­ges weis­ses Tuch vor die Büh­ne span­nen las­sen, hin­ter dem sie her­um­ti­ger­te wie ei­ne Bo­xe­rin. Im Licht der Schein­wer­fer bil­de­te sich ein über­le­bens­gros­ser Schat­ten. Die Mu­sik setz­te ein, das Tuch fiel, und sie stand da: «S – T – E, Dop­pu-f, d’steff la Chef­fe het Su­per­chräft». Noch ein­mal drei Jah­re spä­ter, im Früh­ling 2013, er­schien ihr zwei­tes Al­bum, «Vö­gu zum Ge­burts­tag» – Platz 1 in den Charts, ein Mär­chen.

Puuuh. Sie raucht.

Die Me­di­en ris­sen sich um sie und setz­ten sie auf die Ti­tel­sei­ten, Aesch­ba­cher hol­te sie in sei­ne Sen­dung. Sie ge­wann ei­nen Swiss Mu­sic Award und hat­te ein Pu­bli­kum bald nicht mehr nur un­ter Hip-hop-fun­dis, son­dern auch un­ter Mu­sik­wel­le-hö­re­rin­nen. Den ei­nen knall­te Steff la Chef­fe den eher nicht so all­ge­mein­taug­li­chen Teil ih­res Schaf­fens in den Ät­her, die ge­reim­te Wut, die in Wor­te über­setz­te Här­te, für die an­de­ren hat­te sie «Anna­bel­le» pa­rat, die Sing­le ih­res ers­ten Al­bums, das Sym­bol ih­res Durch­bruchs. Kaum ein Te­e­nie, die den Text nicht aus­wen­dig kann­te: «I bru­che nöii Schue, i bru­che es Guc­ci-täsch­li / I bru­che e nöie Duft, i chou­fe tu­sig Fläsch­li / I bru­che e schö­ni Mas­ke, i bru­che Ma­ke-up / I bru­che e nöii Na­se, wüu di au­ti gheit ab.» Es war ein Song über Schön­heits­wahn und Leis­tungs­druck, ein tod­erns­ter, aber so an­mä­che­lig ver­packt, dass auch mit­sang, wer sich vi­el­leicht bes­ser mal ein paar Ge­dan­ken ge­macht hät­te.

Steff la Chef­fe war an­ge­kom­men, wo sie hin­ge­wollt hat­te, war das Huhn im Hip-hop-hah­nen­korb, wie sie es manch­mal for­mu­lier­te. Aber sie hat­te sich kei­ne Ele­fan­ten­haut zu­ge­legt, wie ei­ni­ge in ih­rem Um­feld ihr ge­ra­ten hat­ten. Wenn sie am Mor­gen auf­stand und sich bei Face­book ein­logg­te, be­kam sie al­les ab, Lie­be und Hass. Ein Mann schrieb, «wooow, du blö­de Bitch», er wür­de sie gern mal mit sei­nen Kol­le­gen ran­neh­men, zu zehnt.

In­zwi­schen moch­te sie es, sich chic zu ma­chen, sie schmink­te sich, trug Sti­let­tos und ein Abend­kleid. Aber es ging ihr auf den Keks, dass das dann im­mer gleich von ir­gend­ei­nem On­lin­e­por­tal re­gis­triert wur­de, als wä­re es ei­ne Nach­richt. Stets ging es um ihr Aus­se­hen, um sie als Frau – «sag, Ste­fi, wie ist es als Frau im Lö­wen­ge­he­ge?» –, sie konn­te nie ein­fach Künst­le­rin sein. «Das Werk ei­nes Man­nes ist ein­fach ein Werk. Das Werk ei­ner Frau? Ist im­mer das Werk ei­ner Frau.» Schon nach dem ers­ten Al­bum stell­te sie das gan­ze Steff-la-chef­fe-pro­jekt in­fra­ge, die Kunst­fi­gur der nie­mals er­schöpf­ten Kämp­fe­rin. Am En­de der Tour hat­te sie ein Burn-out, sie nann­te es ei­nen Ner­ven­zu­sam­men­bruch. Sie sag­te al­le noch aus­ste­hen­den Ter­mi­ne ab, der Ma­na­ger schob ir­gend­ei­nen Grund vor. Beim zwei­ten Al­bum ging sie Kom­pro­mis­se ein, «ich hielt die dunk­le Sei­te von Ste­fi im Zaum». Die Sing­le «Ha ke Ah­nig» wur­de zum Som­mer­hit, wie­der ei­ne ro­sa­ro­te Ver­pa­ckung, wie­der ei­ne erns­te Bot­schaft, ein Lied wie ein Tro­ja­ni­sches Pferd:

«Sie fra­ge geng zgli­che, hei schlächt re­cher­chiert / lueg i mi­re Bio wie me Chef­fe buech­sta­biert / I vr­zeue geng zgli­che, bis lang­sam leid / Sie plap­pe­res enang nache wie­ne Pa­pa­gei / (…) I cha sä­ge, was ig wott / Sie pres­ses glich so, dass es Schlag­zi­le macht / Und sich bes­ser vrchouft / (…) I cha mi nid be­schwä­re über fäh­len­de Er­foug / Aber ig würd lie­ber re­de übers Lä­be und dr Tod.» Und dann? Ste­fa­nie Pe­ter denkt nach und sagt: «Kön­nen wir das auf ein nächs­tes Ge­spräch ver­schie­ben? In ei­ner Wo­che, wie­der hier?»

In der Zwi­schen­zeit: An­ruf bei Andre­as Vol­len­wei­der, dem wahr­schein­lich be­kann­tes­ten Har­fen­spie­ler der Welt, der ers­te Schwei­zer Gram­my-ge­win­ner, ein Star oh­ne Al­lü­ren, «ich ha­be so viel Zeit für Sie, wie Sie wol­len». Vier­und­sech­zig Jah­re alt, sieb­zehn Stu­dio­al­ben, zwei Li­veal­ben, sie­ben Com­pi­la­ti­ons, ein Ge­samt­werk, das an­de­re nicht in hun­dert Le­ben hin­be­kä­men. Vol­len­fah­run­gen

zwi­schen den Zei­len zu le­sen in sei­nem Al­ter. «Sie war so ei­ne Ge­schei­te, ich mei­ne nicht schul­ge­scheit, son­dern le­bens­ge­scheit, sie war jung, aber hat­te schon viel er­lebt, und das strahl­te sie aus. Und dann ist da die­se Mu­si­ka­li­tät, sie hat ein Ge­fühl für al­les, und wie sie im­pro­vi­siert, das hat mich um­ge­hau­en, schon bei un­se­rem ers­ten ge­mein­sa­men Auf­tritt fuhr sie nie­mals über die For­men hin­aus. Da­bei pas­siert das beim Im­pro­vi­sie­ren schnell mal, wenn man ner­vös ist.»

Und ja, er ha­be sie ge­warnt vor der Öf­fent­lich­keit, «wir wa­ren ja kurz vor dem Re­lease ih­res ers­ten Al­bums zu­sam­men un­ter­wegs». Sie sei, ha­be er ihr ge­sagt, so un­mit­tel­bar und echt, und das sei ei­ne Qua­li­tät, ei­ne sel­te­ne und kost­ba­re und ei­gent­lich hei­li­ge, «sor­ry für das Pa­thos!». Aber wei­der wur­de auf Ste­fa­nie Pe­ter auf­merk­sam, als ihr Auf­stieg noch be­vor­stand, 2009 rief er sie auf ih­rem Han­dy an, sie hat­te ge­ra­de Mit­tags­pau­se und sass in der Men­sa der Hoch­schu­le in Lu­zern, kurz dar­auf soll­te sie auch ein biss­chen sei­net­we­gen das Stu­di­um in So­zia­ler Ar­beit ab­bre­chen.

«Hier ist der An­di Vol­len­wei­der», sag­te er, Ste­fa­nie Pe­ter zö­ger­te, eeehm, hal­lo, ja? «Halt, Vol­len­wei­der? Der Har­fen­spie­ler?» Ge­nau, er sei im In­ter­net auf Vi­de­os von ihr beim Beat­bo­xen ge­stos­sen, und er wür­de gern mal schau­en, ob sie zu­sam­men funk­tio­nie­ren. Sein Schlag­zeu­ger ha­be ei­nen Töff­un­fall ge­habt, jetzt brau­che er je­man­den, der ihn auf der Welt­tour­nee er­set­ze, und da ha­be er ge­dacht: War­um nicht sie, die Beat­bo­xe­rin, so­zu­sa­gen ein mensch­li­ches Schlag­zeug? Ste­fa­nie Pe­ter, ein biss­chen über­for­dert, sag­te, dass sie drü­ber schla­fen möch­te, sie ging heim, goo­gel­te, es wur­de ihr schlecht, mit wem der An­di al­les schon auf­ge­tre­ten ist. Und Prin­ce – ein Rie­sen­fan! Läck Bo­bi. Sie er­zähl­te es ih­rer Mut­ter, die flipp­te aus, und na­tür­lich sag­te sie zu.

Vol­len­wei­der lud sie zu sich nach Hau­se ein, sei­ne Frau öff­ne­te ihr die Tür, sie fühl­te sich so­fort will­kom­men, man prob­te, ver­stand sich, Vol­len­wei­der ist ein Au­to­di­dakt wie sie, die nie No­ten le­sen ge­lernt hat. Und dann be­glei­te­te Ste­fa­nie Pe­ter ihn tat­säch­lich um die Welt, vie­le Mo­na­te lang, to­sen­der Ap­plaus in Shang­hai, Stan­ding Ova­tions in Bu­da­pest, Vol­len­wei­der wur­de zu ei­nem vä­ter­li­chen Freund.

Die­ser vä­ter­li­che Freund sagt jetzt am Te­le­fon: «Es über­rascht mich über­haupt nicht, dass Ste­fi Pro­ble­me be­kom­men hat.» Und dann holt auch er aus, als hät­te er ge­ra­de selbst so ei­nen Steff-la-chef­fe­mo­ment, ge­rät ins Schwär­men, macht kaum noch Pau­se, am En­de ist es ihm fast nicht mehr recht. «Ich bin ein­fach wahn­sin­nig be­ein­druckt von ihr.» Schon als er bloss ih­re Vi­de­os kann­te, ha­be er ge­spürt, dass mehr als nur Beat­bo­xen da­hin­ter­steckt, man ler­ne ja sie wer­de da­für un­ver­meid­lich im­mer mal wie­der eins auf den De­ckel krie­gen. Die Öf­fent­lich­keit sei ei­ne Welt der Künst­lich­keit, sie ver­hal­te sich nicht dif­fe­ren­ziert, schon gar nicht ei­nem Men­schen ge­gen­über, der sich kom­plett öff­net, der al­les rein­gibt und sich mit Haut und Haa­ren ex­po­niert. «Wenn ei­ne wie Ste­fi kommt, de­ren Kunst so wert­voll ist und so tief aus ih­rem Her­zen dringt – lo­gisch ent­steht dann Schmerz und wird sie ver­letzt.»

Zu­rück in dem Ca­fé in Bern, heu­te oh­ne Son­ne, Ste­fa­nie Pe­ter sitzt drin­nen, hin­ter gros­sen Glas­schei­ben mit dem Rü­cken zum Tre­sen. An­sons­ten: das glei­che Pro­gramm wie beim letz­ten Mal, Rooi­bos-tee, Cap­puc­ci­no, zwi­schen­durch ei­ne Selbst­ge­dreh­te vor der Tür. Sie wohnt gleich um die Ecke, Lor­rai­ne­quar­tier, hin­ter ei­ner grau­en Fas­sa­de in ei­ner Ate­lier­woh­nung mit ei­nem fast vier Me­ter ho­hen Raum, manch­mal liegt sie nur auf dem Bett und schaut zur De­cke.

Als sie nach dem zwei­ten Al­bum kei­nen an­de­ren Aus­weg sah, als zu ver­schwin­den, lös­te sie ih­re Woh­nung auf, stell­te ih­re Mö­bel im Kel­ler ei­ner Freun­din ein und ging für ein Jahr auf Rei­sen. Sie be­such­te ei­ne Tan­te in der Ka­ri­bik, be­zog mit Freun­den ei­nen Bun­ga­low in Thai­land, stieg bei Be­kann­ten in Ber­lin ab, zog durch die Stras­sen Bar­ce­lo­nas, hü­te­te ein Haus auf den Li­pa­ri­schen In­seln. Als sie im Herbst 2015 zu­rück­kehr­te, zog es ihr gleich wie­der den Bo­den un­ter den Füs­sen weg. «Ich kam ein­fach nicht klar mit dem Vi­be hier», sagt sie, «so neu­ro­tisch die Leu­te, so ge­stresst, al­le am Han­dy, see­lisch ver­hun­gert.»

Das Rei­sen hat­te Geld ge­kos­tet, Ste­fa­nie Pe­ters Er­spar­nis­se gin­gen zur Nei­ge, und weil sie sich noch im­mer nicht zu ei­nem Ent­scheid durch­ge­run­gen hat­te, wie es mit Steff la Chef­fe wei­ter­ge­hen soll­te, frag­te sie ei­nen Kum­pel, der bei Ju­mi ar­bei­te­te, dem Kä­se­ver­ar­bei­ter in Boll-ut­zi­gen, ob sie je­man­den brau­chen. Sie nervt sich wahn­sin­nig über Rap­per, die in ih­ren Lie­dern das Gu­te pre­di­gen, im wah­ren Le­ben dann aber für ir­gend­ei­nen ren­di­te­ori­en­tier­ten Rie­sen­kon­zern Wer­bung ma­chen und dar­an viel ver­die­nen.

Nach dem Gy­mer hat­te sie an ei­nem Ki­osk im Un­ter­ge­schoss des Haupt­bahn­hofs ge­ar­bei­tet, drei Jah­re lang, zwan­zig Stutz die St­un­de, «an­de­re Frau­en ma­chen das ihr gan­zes Be­rufs­le­ben, weil sie kei­ne Wahl ha­ben». Und jetzt al­so die Büez im Kühl­raum, von mor­gens um acht bis abends um fünf, und am Sams­tag der Ver­kaufs­stand am Müns­ter­gas­s­mä­rit. «Du bist so stark im Kopf», sag­te der Chef ein­mal zu ihr, «schaffst du das auch mit dei­nen Hän­den?» Wor­auf sie sich ei­nen Tag lang den Mund zu­kleb­te, um sich zum Schwei­gen zu zwin­gen, nicht den­ken, nicht re­den, nur chramp­fen.

«Ich kam auf die Welt», sagt sie, «hat­te ver­ges­sen, in wel­chem Film die meis­ten Leu­te drin sind, die­ses Mi­nü­te­len, man ra­ckert, um am Wo­che­n­en­de die Sau raus­zu­las­sen und al­les zu ver­ges­sen, und am Mon­tag­mor­gen ist man be­trübt, weil al­les von vorn los­geht. Es ist ei­ne Her­aus­for­de­rung, sich mit sich selbst aus­ein­an­der­zu­set­zen und her­aus­zu­fin­den, was man gern macht, wo ist mein Feu­er, mei­ne Lei­den­schaft? So­lan­ge du das nicht weisst, musst du halt ar­bei­ten, um die Rech­nun­gen zu be­zah­len, und ich ha­be das Ge­fühl, dass vie­le Leu­te die­ses Ka­pi­tel be­reits ab­ge­schlos­sen ha­ben, sie ha­ben ver­ges­sen, sich die­se Fra­gen zu stel­len, sind nur noch am Geld­ver­die­nen, kön­nen sich nicht iden­ti­fi­zie­ren mit dem, was sie ma­chen, das er­gibt dann die­sen Sinn­ver­lust, die ge­fühl­te Lee­re. Sie pro­sti­tu­ie­ren sich. Al­le, die Geld ver­die­nen, pro­sti­tu­ie­ren sich, die Fra­ge ist: Bist du ei­ne Dro­gen­hu­re oder ei­ne Edel­nut­te? Ich ha­be das Glück, als selbst­stän­dig er­wer­ben­de Mu­si­ke­rin in der Schweiz eher ei­ne Edel­nut­te zu sein.»

Puuuh. Kur­ze Pau­se, «darf ich schnell?», Zi­ga­ret­te. Es war ei­ne Zeit des Nach­den­kens, bei sie­ben Grad Raum­tem­pe­ra­tur, Kis­ten schlep­pen, Kä­sel­ai­be put­zen, be­zahl­te Re­ha. Ste­fa­nie Pe­ter ka­pier­te, dass ihr Le­ben wie ein Ding ist, das auf­geht und sich dann wie­der zu­sam­men­zieht, im ei­nen Mo­ment pul­siert es und dehnt sich aus, im an­de­ren wird es klein und be­sinnt sich auf sich. Sie ver­stand, war­um sie mit den Er­war­tun­gen, die sie an sich ge­habt hat­te, und mit der Auf­merk­sam­keit, die die zwei Al­ben ge­ne­riert hat­ten, nicht klar­ge­kom­men war, sie hat­te Angst vor dem Fal­len ge­habt, vor ei­nem Le­ben oh­ne Zu­kunft. «Das war tief in mir drin», sagt sie, «die­se Angst, nicht zu ge­nü­gen, es nicht al­lein zu schaf­fen, die Angst vor der Ar­mut. Ich war un­glaub­lich streng zu mir selbst.»

Die Ant­wort auf die Fra­ge, war­um ihr al­les zu viel ge­wor­den war, ist kei­ne, die sich auf ein ein­zel­nes Stich­wort re­du­zie­ren und her­aus­schrei­en lässt. Es ist auch nicht so, dass man ir­gend­wem oder ir­gend­was die Schuld ge­ben könn­te, eher liegt es an al­lem ein biss­chen. Et­wa dar­an, dass plötz­lich al­le ei­ne Mei­nung über Ste­fa­nie Pe­ter hat­ten. Oder dar­an, dass sie zu al­lem ei­ne Mei­nung ha­ben muss­te. Oder dar­an, dass sie so­gar im Ther­mal­bad er­kannt und an­ge­spro­chen wur­de, ein­mal so­gar in den Fe­ri­en in Ma­rok­ko.

Sie ha­der­te ganz all­ge­mein mit der Öf­fent­lich­keit, dem Be­kannt­sein, es war et­was Schlei­chen­des, das sie be­las­te­te, et­was Stil­les, manch­mal zog sich ein­fach ihr Herz zu­sam­men, nach­dem sie durch den Bahn­hof ge­gan­gen war und ihr auf hun­dert Me­tern fünf Leu­te «Ha ke Ah­nig» hin­ter­her­ge­ru­fen hat­ten. Sie er­war­tet nicht, dass ir­gend­wer ver­steht, war­um sie das als be­las­tend emp­fand. Sie lief ja nicht plötz­lich mit ir­gend­wel­chen sicht­ba­ren Wun­den her­um. Ir­gend­wann stand sie ein­fach am Kä­se­stand und nicht mehr auf der Büh­ne, mach­te kein Dra­ma draus, son­dern war ein­fach weg.

«Man wird nicht als Be­kannt­heit ge­bo­ren», hat Andre­as Vol­len­wei­der am Te­le­fon ge­sagt, «man kann sich nur dar­an ge­wöh­nen, wenn man es er­lebt. Es kön­nen dich noch so vie­le Freun­de da­vor war­nen und dich dar­auf vor­zu­be­rei­ten ver­su­chen, es reicht nicht. Man muss das selbst durch­ar­bei­ten.»

Und Ste­fa­nie Pe­ter sagt: «Es ist ei­ne ba­na­le Er­kennt­nis, aber sie war wich­tig. Die Leu­te ver­ges­sen dich, in letz­ter Zeit hat mich auf der Stras­se kaum noch je­mand er­kannt. Sie ver­ges­sen dein Ge­sicht, dei­nen Na­men, und das ist gut. Ich weiss jetzt: Selbst der gröss­te, ver­rück­tes­te, nerv­tö­ten­ds­te Hy­pe geht vor­über.»

So ge­se­hen, lässt sich auch die Ant­wort auf die zwei­te Fra­ge nicht auf ei­nen Satz re­du­zie­ren, die Ant­wort auf die Fra­ge, war­um sie denn zum Schluss kam, ins Ram­pen­licht zu­rück­keh­ren zu wol­len. Und tut man es doch, klingt es wie ei­ne Plat­ti­tü­de, näm­lich so: Ste­fa­nie Pe­ter ent­schied sich, nicht mehr so viel dar­auf zu ge­ben, was die Leu­te von ihr und ih­rer Kunst den­ken.

Sie hat­te echt sein und sich nicht ver­bie­gen wol­len, aber sie hat­te auch ver­stan­den und ge­mocht wer­den wol­len. Ein Wi­der­spruch, wie sie jetzt er­kann­te, ei­ner, der sich nicht auf­lö­sen liess, sie konn­te ihn, wenn sie wei­ter­ma­chen woll­te, nur hin­neh­men.

Und dann, als es wie­der auf­wärts­ging, wur­de sie auch noch von Ste­phan Ei­cher kon­tak­tiert. Bei ihm wuss­te sie so­fort, wer er war, nicht wie einst bei Vol­len­wei­der. Aber die­sen Mir­wird­schlecht­mo­ment – den hat­te sie er­neut: Ob sie, Ste­fi, ihn durch Frank­reich be­glei­ten möch­te, im Night­li­ner, über ein Jahr lang, Tour­start im Ja­nu­ar 2018?

Auch Ei­cher hat­te mit­be­kom­men, dass Ste­fa­nie Pe­ter ab­ge­taucht war, und als man die Pro­ben für die Tour ter­mi­nier­te, sag­te sie stän­dig, dann und dann kön­ne sie nicht, da ar­bei­te sie am Kä­se­stand oder im Kühl­raum. «Das hat mich wahn­sin­nig be­ein­druckt», sagt er, «aber ich dach­te auch: Sie hat so viel, das in ihr kö­chelt, und wenn das nicht ir­gend­wann wie­der raus­kann, ex­plo­diert der gan­ze Topf. Ich glau­be, Krea­ti­vi­tät ist das bes­te Ven­til für sie. Ich ha­be in mei­nem Le­ben vie­le Men­schen ken­nen ge­lernt, aber kaum je ei­nen so sen­si­blen wie sie. Sie ana­ly­siert stän­dig, um her­aus­zu­fin­den, was gut ist für sie und was nicht, sie dis­tan­ziert sich, kommt wie­der nä­her – ich fin­de das sehr fas­zi­nie­rend. Sie hat et­was, das ich lan­ge ver­misst ha­be und in der jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on nun end­lich wie­der­ent­de­cke: Sie nimmt die Rea­li­tät nicht hin, wie sie sich prä­sen­tiert, son­dern sie will sie ver­än­dern.»

Die Vor­be­rei­tun­gen für die Frank­reich­tour, die Ar­beit am neu­en Al­bum, das Thea­ter­stück «Ali­ce» über Frau­en­rol­len und Gen­derkli­schees – all das ge­schah zwi­schen Herbst 2016 und Herbst 2017. Plötz­lich gab es kei­ne Gren­zen mehr, Ste­fa­nie Pe­ter war wie­der re­a­dy. Sie um­gab sich mit Leu­ten, die ih­re Ide­en tei­len, und wur­de von Leu­ten ge­fun­den, die sie in­spi­riert.

Zu je­ner Zeit dach­te sie häu­fig an die Vor­stel­lung vom Gärt­ner und von der Bild­haue­rin, der Gärt­ner, der dar­auf ver­traut, dass al­les aus dem Sa­men her­aus ent­steht, man muss sich nur auf­merk­sam um ihn küm­mern, und die Bild­haue­rin, die glaubt, dass al­les aus ihr her­aus ent­steht, dass sie al­les formt und oh­ne sie nichts wä­re.

«Bin halt eher der Gärt­ner», sagt Ste­fa­nie Pe­ter, sie se­he die Din­ge gern wach­sen, na­tür­lich ir­gend­wie, sie glau­be, dass Gu­tes ent­steht, wenn man von et­was wirk­lich be­seelt ist. Wenn sie frü­her auf ei­ne Büh­ne kam und ge­disst wur­de, leg­te sie sich mit den Jungs an, «komm rauf, ich mach dich platt!», aber da­mit kann sie nichts mehr an­fan­gen. Die­ses De­struk­ti­ve, sagt sie, der Hass – das brin­ge nichts.

Sie sei ei­ne Kämp­fe­rin ge­blie­ben, aber sie ha­be die Waf­fen ge­wech­selt, sie tän­zelt jetzt, an­statt ein­fach zu­rück­zu­schla­gen, so drückt sie es aus. Ei­ne Wei­le schau­te sie wie hyp­no­ti­siert Mar­ti­al­arts­fil­me, die Kunst des Wing Tsung hat­te es ihr be­son­ders an­ge­tan, sie ba­siert auf der Le­gen­de vom Kra­nich, der den An­grif­fen der Schlan­ge mit ele­gan­ten Flü­gel­schlä­gen aus­weicht, den Brust­korb stolz und stand­haft auf die Schlan­ge ge­rich­tet, ehe er mit dem Schna­bel ge­ra­de­aus zum Kon­ter an­setzt.

«Wut ist le­gi­tim», sagt Ste­fa­nie Pe­ter, «aber sie ist nicht al­les. Die Fra­ge ist, in was man Wut ver­wan­delt, und was mich be­trifft, glau­be ich, dass ich aus mei­ner Wut et­was Po­si­ti­ves ma­chen will.»

Und so kam es dann auch: Steff la Chef­fe, ein Feu­er­werk. Das Thea­ter­stück in Bern, Zü­rich und Ba­sel: mit­ten in der #Me­too­de­bat­te, aus­ver­kauf­te Sä­le. Die Frank­reich­tour mit Ei­cher: Sie singt, rappt, beat­boxt, schau­spie­lert, ist die Zweit­stim­me bei ihm und er die Zweit­stim­me bei ihr. Und jetzt das neue Al­bum: Es heisst «Härz Schritt Ma­che­rin» und ist ihr bes­tes.

Die Fra­ge ist bloss: Was wird sein, wenn Ste­fa­nie Pe­ter wie­der für al­le Steff la Chef­fe ist?

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