phil­ipp lo­ser über Si­ons Olym­pia­kan­di­da­tur

Das Magazin - - News - PHIL­IPP Lo­ser PHIL­IPP LO­SER ist «Ma­ga­zin»-ko­lum­nist und Re­dak­tor des «Ta­ges-an­zei­gers».

Es gab schon bes­se­re Zei­ten für ar­me Men­schen in der Schweiz. Ohn­mäch­tig müs­sen sie mit­an­se­hen, wie es der lis­ti­ge Fi­nanz­mi­nis­ter Ue­li Mau­rer Jahr für Jahr schafft, den Mil­li­ar­den­über­schuss im Bun­des­haus­halt mit Buch­hal­tungs­tricks, über­mäs­si­gem Schul­den­ab­bau und apo­ka­lyp­ti­schen Pro­gno­sen in ei­ne fi­nan­zi­el­le Si­tua­ti­on zu ver­wan­deln, in der Spa­ren un­um­gäng­lich scheint.

Be­feu­ert von Mau­rer, zieht die rechts­bür­ger­li­che Mehr­heit im Par­la­ment ihr So­zi­al­ab­bau-pro­gramm knall­hart durch. Kür­zung bei den Er­gän­zungs­leis­tun­gen, Druck auf die Iv­ren­ten, Er­hö­hung der Kran­ken­kas­sen­fran­chise, ri­go­ro­se Über­wa­chung po­ten­zi­el­ler Ver­si­che­rungs­be­trü­ger: Je­nen, die kaum et­was ha­ben, wird al­les, aber auch wirk­lich al­les, ab­ge­presst. Po­li­tik für Rei­che auf Kos­ten der Ar­men.

Um­so be­fremd­li­cher, ja em­pö­rend ist die Hal­tung des Bun­des­rats und gros­ser Tei­le des Par­la­ments zur mög­li­chen Olym­pia-kan­di­da­tur Si­on 2026. Ei­ne Mil­li­ar­de Fran­ken will Svp­sport­mi­nis­ter Guy Par­me­lin für die Kan­di­da­tur be­reit­stel­len. Olym­pi­sche Spie­le in der Schweiz sei­en nicht nur für den Sport, son­dern auch für Wirt­schaft und Tou­ris­mus ei­ne Chan­ce.

Das meint Par­me­lin. Was die Be­völ­ke­rung meint, in­ter­es­siert ihn we­ni­ger. Nach­dem sich der Na­tio­nal­rat ur­sprüng­lich da­für aus­ge­spro­chen hat, die Mil­li­ar­de der Be­völ­ke­rung in ei­ner Ab­stim­mung vor­zu­le­gen, wird der Stän­de­rat die­se Idee mit gros­ser Wahr­schein­lich­keit wie­der kip­pen.

Es rei­che halt lei­der zeit­lich nicht, sagt Par­me­lin. Das Olym­pi­sche Ko­mi­tee braucht die Kan­di­da­tur bis im Ja­nu­ar 2019, ei­ne Volks­ab­stim­mung hät­te erst im Früh­jahr 2019 statt­fin­den kön­nen. Dumm ge­lau­fen. Ist ja nur ei­ne Mil­li­ar­de. Klat­schen für die Olym­pio­ni­ken darf man, ab­stim­men nicht.

Für ein­mal, und das ist ja wirk­lich eher sel­ten, ist man dar­um mit Chris­toph Blo­cher ei­ner Mei­nung. Der hat­te sei­ne Frak­ti­on per SMS dar­auf hin­ge­wie­sen (lies: ihr be­foh­len), dass es in­kon­se­quent sei, wenn man im­mer das Ho­he­lied der di­rek­ten De­mo­kra­tie sin­ge und dann bei die­ser Mil­li­ar­de auf ei­ne Ab­stim­mung ver­zich­te.

Ei­ne sol­che Ab­stim­mung wä­re wohl ei­ne ziem­lich deut­li­che Sa­che. Al­le Um­fra­gen zei­gen, dass ei­ne Mehr­heit der Schwei­zer Be­völ­ke­rung kei­ne Lust auf Olym­pia hat. Zu Recht! Olym­pi­sche Spie­le sind teu­er, Olym­pi­sche Spie­le scha­den der Na­tur, Olym­pi­sche Spie­le sind nicht nach­hal­tig. Lang­fris­tig ha­ben sol­che Gross­ver­an­stal­tun­gen kaum je ei­nen Wert.

In der Schweiz weiss man das spä­tes­tens seit der Fussball-eu­ro­pa­meis­ter­schaft 2008. Ja, das war ein lus­ti­ges Fest. Aber ein teu­res. Und ein wir­kungs­lo­ses. Selbst der of­fi­zi­el­le Schluss­be­richt zog das Fa­zit: «Bei ei­ner län­ger­fris­ti­gen Be­trach­tung sind die Ef­fek­te auf die nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung be­schei­den.» Freu­de hat­te vor al­lem die Ue­fa: Sie nahm wäh­rend der EM (die man aus Mar­ke­ting­grün­den nur «Eu­ro08» nen­nen durf­te) 2,1 Mil­li­ar­den Fran­ken ein.

Nichts an­de­res ist von Olym­pi­schen Spie­len zu er­war­ten. Dass der An­lass, wie die Ex­po.02, die eben­falls oh­ne Volks­ab­stim­mung durch­ge­führt wur­de, zum na­tio­na­len Zu­sam­men­halt bei­tra­gen wer­de, ist nicht plau­si­bel. Die Lan­des­aus­stel­lung war im Sin­ne der na­tio­na­len Ko­hä­si­on kon­zi­piert wor­den, war ei­ne Staats­auf­ga­be, ei­ne no­ble so­gar. Olym­pia hin­ge­gen ist ei­ne gi­gan­ti­sche Mar­ke­ting­platt­form für mul­ti­na­tio­na­le Un­ter­neh­men. Die­se sor­gen mit stren­gen Richt­li­ni­en da­für, dass mög­lichst nur sie vom Gross­an­lass pro­fi­tie­ren – und nicht et­wa das lo­ka­le Ge­wer­be.

Es ist kein Wun­der, dass sport­li­che Gross­an­läs­se mitt­ler­wei­le ge­häuft in dik­ta­to­risch ge­führ­ten Län­dern statt­fin­den. Fragt man die Men­schen, ist die Ant­wort im­mer die glei­che: Wir wol­len das nicht. Dass nun aus­ge­rech­net die Schweiz zu die­sem un­er­lauch­ten Kreis stos­sen soll, ist an­ge­sichts der di­rekt­de­mo­kra­ti­schen Tra­di­ti­on und der Prio­ri­tä­ten in der Fi­nanz­po­li­tik ein Hohn.

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