ni­na Kunz über Epik­tet

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Noch nie war der Mensch so frei wie heu­te, sagt man. Noch nie war der Mensch so selbst­be­stimmt wie jetzt. Al­les liegt in un­se­rer Hand! Wir kön­nen je­der­zeit den Job, die Fri­sur oder die Lie­be­s­part­ne­rin wech­seln. Mit ge­nü­gend Ka­pi­tal kön­nen wir uns so­gar die krum­me Na­se oder die ab­ste­hen­den Oh­ren rich­ten las­sen.

Im Jahr 2018 gleicht das Le­ben ei­ner Lein­wand, die wir be­strei­chen, be­kle­ckern und be­pin­seln dür­fen, wie es uns ge­fällt. Wir sind mit dem Ver­spre­chen auf­ge­wach­sen, dass wir je­den Aspekt des Le­bens au­to­nom ge­stal­ten kön­nen und al­le un­se­re Träu­me in Er­fül­lung ge­hen, wenn wir uns nur ge­nug an­stren­gen. Egal ob wir nun

CEO oder Yo­ga-coach wer­den wol­len. Zu­fall und Schick­sal sind der Ge­gen­wart fremd. Al­lein auf die Wil­lens­stär­ke und die Ei­gen­leis­tung kommt es an.

Dar­um ist «Glück» heu­te ein Zu­stand, in dem wir uns das Le­ben so zu­recht­ge­bo­gen ha­ben, dass es all un­se­ren Wün­schen ent­spricht. Wir schuf­ten al­so ei­nem Ide­al­le­ben ent­ge­gen – und de­fi­nie­ren uns im­mer mehr über die­je­ni­gen Din­ge, die wir uns er­ar­bei­tet ha­ben: un­se­re Fit­ness, un­se­ren Be­sitz, un­ser An­se­hen. Dies ist es, was ich das un­stoi­sche Zeit­al­ter nen­ne. Denn die an­ti­ken Phi­lo­so­phen wür­den uns be­mit­lei­den, wenn sie sä­hen, wor­in wir Er­fül­lung su­chen.

Die Stoi­ker ha­ben sich näm­lich in­ten­siv mit der Fra­ge be­schäf­tigt: Wie wer­den wir glück­lich? Und ihr Re­zept läuft un­se­rer Vor­stel­lung vom plan­ba­ren Glück dia­me­tral zu­wi­der. So er­klärt Epik­tet (50–135 n. Chr.), dass wir als Ers­tes un­ter­schei­den müss­ten, was im Le­ben tat­säch­lich in un­se­rer Macht steht und was nicht. Er kommt hier­bei zum er­nüch­tern­den Schluss, dass wir in Wahr­heit nur über drei Din­ge «ge­bie­ten»: un­ser Den­ken, un­ser Wol­len und un­se­re Wer­te­hal­tun­gen – selbst wenn wir in­tui­tiv das Ge­fühl ha­ben, wir könn­ten von der Ge­sund­heit bis hin zum Re­nom­mee al­les steu­ern.

Da­her rät Epik­tet: «Der Weg zum Glück be­steht dar­in, sich um nichts zu sor­gen, was sich un­se­rem Ein­fluss ent­zieht.» Un­se­re Chan­ce auf ein glück­li­ches Le­ben steht al­so dann am bes­ten, wenn wir un­se­re Exis­tenz auf den drei Pfei­lern auf­bau­en, die wir wirk­lich be­ein­flus­sen kön­nen. Wer sei­ne Iden­ti­tät (der ka­pi­ta­lis­tisch-nar­ziss­ti­schen Ära ent­spre­chend!) aber von äus­se­ren Din­gen wie Fit­ness ab­hän­gig macht, lebt ei­ne Hoch­ri­si­ko-exis­tenz: Es muss «nur» ein Burn-out oder ein Kreuz­band­riss kom­men, und die gan­ze Zuf­rie­den­heit ist hin.

Das be­deu­tet aber nicht, wir soll­ten pas­siv durchs Le­ben ge­hen. Die Stoi­ker stel­len bloss un­se­re Il­lu­si­on ei­nes kon­trol­lier­ba­ren Ide­al­le­bens in­fra­ge. Und ent­las­ten uns vom Druck, ganz al­lein für un­ser Glück ver­ant­wort­lich zu sein. Denn im heu­ti­gen Leis­tungs­ethos sind wir ja kom­plett sel­ber schuld, wenn un­se­re Träu­me nicht wahr wer­den (was na­tür­lich Un­sinn ist). Den Stoi­kern zu­fol­ge liegt das Glück al­so in der Ge­las­sen­heit – und nicht im ver­bis­se­nen Stre­ben nach dem per­fek­ten Le­ben.

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